fussball kompakt 2 – Danke, dass Du vorbei bist, EM 2016!

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Ich hab mir unter Franzosen die Halbfinalniederlage im Schweinsteiger-Trikot angeschaut.

marieantoinette - 3Deutschland gegen Frankreich. Nicht nur das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft 2016, sondern auch für mich eines der unangenehmen Spiele. Eines, bei dem die beiden Mannschaften, als deren Fan ich mich bezeichnen würde, gegeneinander spielen. Im Saarland aufwachsen, heißt mit Frankreich als Nachbar groß werden. Einige haben damit ihre Probleme und denken an die testosterongeladenen Franzosen, die sich in der Großraumdisko mit testosterongeladenen Deutschen boxen. Für mich war Frankreich immer interessant und seit dem WM-Titel 1998 war ich Fan der Mannschaft um Zinedine Zidane.

Zwei Frankreichaufenthalte im Studium später also „meine“ beiden Mannschaften gegeneinander und vor Anpfiff schon der Rechtfertigungsdruck. Beim Viertelfinale drückten viele Deutsche den sympathischen Isländern die Daumen und dass ich mir das Spiel im Frankreich-Trikot anschaute, brachte mir auch den ein oder anderen blöden Kommentar ein.

Public Wohnzimmer

Das Halbfinale der Ex-Erbfeinde in ganz anderem Setting. Ich warte um halb 9 vor dem Marie Antoinette, einer unter Exil-Franzosen in Berlin angesagten Location direkt an der Jannowitzbrücke. In meinem Beutel verbergen sich das Deutschland-Trikot von 2014 mit der Rückenbeflockung SCHWEINSTEIGER 7 und ein Retro-Trikot von Frankreich. Ich warte auf eine französische Freundin, die vorgeschlagen hat, das Spiel hier zu schauen. Vor dem Marie Antoinette warten etwa zwei- bis dreihundert Franzosen. Und starren auf den gefühlt kleinstmöglichen Fernseher für ein Public Viewing dieser Art. Meine Laune ist düster.

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Sie wird leicht angespannt, denn es sind unter den vielen Franzosen vielleicht nur zwei, drei Typen im Deutschlandtrikot. Trotzdem will die französische Freundin in Ermangelung eines eigenen Trikots der équipe tricolore meines ausleihen. Gesagt getan. Und ich streife mein Schweinsteiger-Trikot über. Immerhin, es gibt Pastis für zwei Euro. Nicht der schlechteste Einfall jetzt.

Bretonen trinken keinen Pastis

Wir gehen auf die harten, kleinen Plätze, die jemand für uns freigehalten hat. Hinter uns einige Französinnen, die auf mein Trikot mit offener Ablehnung reagieren und „Wir wollen Dich hier nicht!“ und „Buh!“ rufen, was mich nicht so wirklich beeindruckt. Trotzdem fühle ich mich klar wie der kleine Underdog. Wie zuletzt als Frankreichfan im Viertelfinale gegen Island.

Der Fernseher läuft ohne Ton. Trotzdem intonieren die Franzosen die Marseillaise mit einem Verve, der Berlin erzittern lässt. Ich gebe zu: Ich kann mir den Text nicht merken und gröhle umso lauter bei „Aux armes citoyens !“ mit. Nicht, weil ich den martialischen Charakter der Textstelle mag, das ist nicht der Fall, sondern weil „Aux armes !“ im Saarbrücker Ludwigspark immer mein Lieblingswechselgesang ist. Meine Begleitung muss lachen.

Mit Deutschland-Anfeuerungen ist in diesem Feld kein Blumentopf zu gewinnen. Die französische Freundin hat mir aber vor ein paar Tagen ein Souvenir aus ihrer Heimat mitgebracht: Eine Bretonische Flagge. Ein Kompromiss zum Schweinsteiger-Trikot. Da es das schwarz-rote Auswärtstrikot ist, versuche ich als Anhänger von En Avant de Guingamp durchzugehen. Allez Guingamp! Allez la Bretagne! Einige Nachbarn finden schon suspekt, dass ein Bretone Pastis trinkt. Ich erkläre, dass ich Deutscher bin. Sie sind halb interessiert und halb amüsiert. Sie verstehen die Welt nicht mehr.

Wie einst Gazza

Kurz vor der Halbzeit dann – man erkennt es auf dem kleinen Fernseher kaum – dann eine unnatürliche Handbewegung und der Elfmeter für Frankreich. Ausgerechnet Schweinsteiger. Der Spieler, dessen Leistung im WM-Finale 2014 ich bis heute in Ehren halte. Der seine schwarzen Momente am Elfmeterpunkt 2012 gegen Chelsea und 2016 gegen Italien hatte. Der danach gleich Rotz und Wasser heult wie Paul Gascoigne 1990. Es wird sein Gazza-Moment. Im Hochglanzfußball, in dem selbst der Jubel durchchoreografiert und geplant wirkt, kann das Scheitern und das Gefühl des Scheiterns eben noch nicht vom Marketing vereinnahmt werden. Schweinsteiger ist in diesem Moment allein. So fühle ich mich auch unter den Franzosen nach dem 1:0.

In der Halbzeit lockere Stimmung. Die Französinnen, die sich nun köstlich über meine Trikotwahl amüsieren, fragen mich, ob „Schiri“ der Spitzname von Schweinsteiger sei. Ich übersetze. Nach dem Seitenwechsel wird es schwieriger, die Partie zu verfolgen – es ist dunkler geworden, es gibt immer noch keinen Kommentar. Das Publikum bleibt hellwach, feiert jede Einzelaktion der Franzosen. Dann patzt Neuer. Ich ernte eine Mischung aus tiefer, befreiender Häme und ein wenig Mitleid. Innerlich bin ich etwas erleichtert, dass nun wenigstens Klarheit herrscht und mir eine zweite Zitterpartie für die Nerven (nach dem Italienspiel) erspart bleibt.

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Nach Abpfiff ist die Stimmung ausgelassen. Es wird weitergetrunken, inzwischen Tanzen die meisten Franzosen zu französischen Partyklassikern. Also zu den Liedern, die auch ihre Eltern hören und die – wenn sie ihre Kinder zu Les Lacs du Connemara tanzen sehen würden – wie über peinliche Kinderfotos lachen müssten. Ella, elle l’a, und Antoine Griezmann erst recht. Aus dem Public Viewing ist eine spontane Not so bad Taste Party geworden. Ich ernte vereinzelt noch Mitleid für das deutsche Ausscheiden. Mitgenommen bin ich auch ein wenig. Zum Glück spielt meine andere Mannschaft ja am Sonntag im Finale gegen Portugal. Und bis dahin hab ich Zeit, über die Wahl des richtigen Trikots nachzudenken.

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Deutschland gegen Italien in Bordeaux

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„Spaghettifresser.“ „Wenn die gewinnen, ess ich keine Pizza mehr!“ „Die spielen nicht mal schönen Fußball!“

Deutschland gegen Italien nervt. Deutschland gegen Italien frustiert. Das Viertelfinale der EM 2016 Deutschland gegen Italien findet nicht nur in Bordeaux statt, sondern es bringt mich auch zurück in die Vergangenheit, nach Bordeaux.

Fußball und Bordeaux, da denke ich ohne zu zögern an mein Erasmus-Jahr in Frankreich und meinen ersten Besuch beim örtlichen Erstligisten, den Girondins de Bordeaux. Ein eher müder Kick, ein 0:0 gegen den damals als französisches Hoffenheim geltenden FC Evian Thonon-Gaillard. Ein kaum zu ertragender Septemberkick im Parc Lescure (oder Stade Chaban-Delmas), dem altehrwürdigen Stadion von Bordeaux, mitten in der Stadt gelegen, das erste Stadion mit Komplettüberdachung. Ein Tempel des Fußballs mit unwürdigem Schauspiel auf dem Platz an diesem Tag. Ein Tempel, der nun leider nie mehr die Girondins beheimaten wird, die in den Neubau am künstlich angelegten Stausee etwas außerhalb der Innenstadt gezogen sind.

Erträglich wurde es eher durch unsere kleine internationale Besuchergruppe. Christian, Fan von Borussia Dortmund (und Münster) und Nino, Anhänger von Catania Calcio. Mal flache und mal tiefe Gespräche über den gemeinsamen Nenner Fußball, um nicht so sehr auf das schwache Spiel zu achten. Ihr kennt das.

Bei einigen Stadionbesuchen, unzähligen Abenden bei Fußball oder Pubquiz im „The Cock and Bull“ und anderen Gelegenheiten, spielten Rivalitäten oder unterschiedliche Geschmäcker im Fußball selbst weniger eine Rolle. Es überwog das gegenseitige Interesse daran, einfach mit Leuten schnacken zu können, die auf dem einen wichtigen Thema auf der gleichen Wellenlänge liegen. Ob Franzosen, Italiener, Spanier, Kolumbianer, Briten, Österreicher, und und und. Es war ein großartiges Jahr.

Im Sommer kam dann die unvermeidliche Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine und das Halbfinale Deutschland gegen Italien. Wir verfolgten das Spiel in einer großen Gruppe in einem anderen Pub, dem HMS Victory. Eine leicht getrennte Atmosphäre überwog nun und auch wenn man irgendwie das ganze Jahr über eine große Familie oder wenigstens eine große Interessensgemeinschaft (gemeinsame Interessen: Rotwein aus Bordeaux, Pubquiz, etc.) war, so war das nun schwieriger aufrecht zu erhalten. Ich war über das Ergebnis extrem enttäuscht, nach dem Spiel unangenehm berührt durch die Tatsache, in einer großen Gruppe zu „den Verlierern“ zu gehören. Und war entsprechend auch danach eher unangenehm drauf.

Wenn ich heute daran denke, schäme ich mich fast etwas. Nicht darüber, dass ich über die Niederlage enttäuscht war. Sondern darüber, dass ich mich nach dem Spiel so verhalten habe, als hätte ich selbst verloren. Das tun auch viele, die Spiele gegen Italien so sehr an sich heran lassen, dass sie irgendwann bei dämlichen rassistischen Klischees landen. Und dann geht es halt nicht mehr um Fußball.

Es ist schwer abzustellen, sich über Niederlagen zu ärgern. Kann auch ich nicht. Aber trotzdem sollte man sich immer bewusst sein, dass jeder Fußballfan mit seinem vermeintlichen Gegner immerhin eine Sache mehr gemeinsam hat, als mit jemandem, der sich nicht für Fußball interessiert. Das sollte immer wichtiger sein.

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Wie Irland die Hooligans schlägt.

the-ball-488716_1280Hooligans sind der große Anachronismus der Hochglanz-Fußballwelt. Eine Vielzahl von ihnen ist in dieser Zeit aufgewachsen oder zum Fußball gekommen, von der die Fußball-Traditionalisten mit Wehmut sprechen und gerne den „echten Fußball“ nennen. Als große Turniere wie eine Europameisterschaft noch eine geschlossene Gesellschaft waren, in der sich die Eingeweihten trafen. Es gab wenig Werbedeals, keine Schminksets für Fans oder Autofähnchen. Eigentlich müsste diese Nähe vieler Hooligans zur antikommerziellen Haltung der Ultras dazu führen, dass Hooligans die EM 2016 meiden. Tun sie aber nicht.

Hooligans sind der Irrtum des Traditionsfußballs

Ob die Annahme zutrifft, dass Hooligans durch ihr Handeln bewusst dem Hochglanzfußball Schaden zufügen wollen, um sich auf der Straße ein Stück weit diesen alten Fußball zurück zu erkämpfen? Das mag bei einigen zutreffen, ein Großteil erweckt aber eher den Eindruck, dass es um die eigene Selbstdarstellung und ein bestimmtes Männlichkeitsbild geht. Besonders hart und aggressiv sein. Wo der Hooligan am Abend lacht und „Schwuchtel!“ ruft, wenn Cristiano Ronaldo nach einem Tor mal wieder das Trikot auszieht, läuft er tagsüber gerne selbst oberkörperfrei anderen oberkörperfreien Männern nach, um diese anzupacken. Und filmt das selbst mit und sorgt dafür, dass die Bilder möglichst weite Verbreitung bekommen.

Hooliganismus ist der große Irrtum des traditionellen Fußballs. „Gehört doch einfach dazu“, sagen viele unbedacht und bedenken nicht, dass der Fußball sich nicht nur zum Schlechten verändert hat, als ab den 90er Jahren Bewegungen wie die Fanziner oder auch einige Ultras den Fußballfans positive Identifikationsfiguren gaben. Leute, die für einen fanfreundlichen Fußball eintreten können, ohne sich gegenseitig andauernd verhauen zu wollen. Leute ohne Nähe zur Neonaziszene. Leute, die nicht andere Leben zerstören.

Irische Fans: Liebe statt Hass

Die irischen Fans sind zum Glück gerade dabei, den Hooligans aller bei der EM 2016 vertretenen Ländern eine herbe Niederlage zuzufügen. Während die Berichterstattung um die ersten Vorrundenspiele wie England gegen Russland in Marseille noch von Krawallen beherrscht wurde, schütteln Fans von der grünen Insel auf ihrem Frankreichbesuch einen viralen Kracher nach dem anderen aus dem Ärmel.

Mal wechseln irische Fans einem alten Pärchen die Reifen, mal räumen sie den eigenen Müll weg oder singen gemeinsam mit schwedischen Fans ABBA-Klassiker. Um die Welt gegangen ist besonders das Video, in dem einige Boys in Green einem französischen Baby ein Gute-Nacht-Lied singen:

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Was ist jetzt so besonders daran? Ist das nicht alles UEFA-konformer Quatsch, den die irischen (und auch nordirischen) Fans da betreiben? Nein. Denn sie sind eben nicht der passive Zuschauer, der mal im Stadion applaudiert oder nett geschminkt auf die Fanmeile strömen, um sich selbst einmal abzufeiern. Diese Aktionen der irischen Fans machen deshalb die Runde, weil sie sich der gängigen Klischees, die über Fußballfans herrschen, bedienen, aber eben nett und weltoffen sind. Sie feiern nicht sich selbst ab, sondern auch mal ihren Gegner. Warum? Weil das allen Spaß bringt und verbindet. Im Fußball, der gerade in seinem Wesen auf ein Freund-Feind-Schema hinausläuft, kostet das vielleicht Überwindung. Den Iren sieht man das aber keineswegs an, denn sie wirken in ihren Aktionen authentisch.

Aus diesen Gründen ist die hohe mediale Aufmerksamkeit für die irischen Fans vollkommen gerechtfertigt. Und nebenbei schlagen die Iren auch mit Liebe und positiver Verrücktheit sämtliche Hooligans, die mit Gewalt und Hass nicht mehr so einfach Schlagzeilen und Aufmerksamkeit abgreifen können.

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fussball kompakt 1 – Was an der EM 2016 nervt.

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FCSBlog kompakt 8 – Welcome, Dirk!

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