Pinigate: Warum es um mehr als einen Rücktritt geht

Sebastian Pini, noch Vize beim FCS (Foto: Andreas Schlichter)

Sebastian Pini, noch Vize beim FCS (Foto: Andreas Schlichter)

Die Affäre, die unter dem Namen „Pinigate“ derzeit selbst die beiden Niederlagen der ersten Mannschaft und der U23 gegen die SV Elversberg aus den Diskussionen verdrängt hat, richtet weiter Schaden am bereits fast zerstörten Image des 1. FC Saarbrücken an. Nachdem der Aufsichtsrat in seiner Sitzung am Montag beschlossen hat, eine Entscheidung über den Verbleib von Sebastian Pini im Amt des Vizepräsidenten zu vertagen, beförderte der heutige Tag neue Fakten ans Tageslicht. Das Telefongespräch zwischen Pini und dem Chef der Ultras 01, Addi Fazlic, in dem es um den Stimmenhandel vor der Mitgliederversammlung ging, soll Aufsichtsratsmitglied Claude Burgard aufgezeichnet haben. Auch habe er am Montagabend neue Beweise im Fall Pini vorlegen wollen. Ein Vorgang, der die Gemüter spaltet.

Interessant ist, wie die zwei großen Tageszeitungen im Saarland den inhaltlich gleichen Vorfall behandeln. Daniel Fischers Artikel in der BILD Saarland möchte ich nicht mehr Journalismus nennen. Journalisten sind der Wahrhaftigkeit und der Ausgewogenheit ihrer Berichterstattung verpflichtet. Fischer und die BILD Saarland hingegen versuchen einen sehr durchschaubaren Spin, wie bereits in einem Artikel, der Verschwörungstheorien gegen Meiko Palm und Peter Becker präsentierte: Mit einer mutmaßlichen Verfehlung des Aufsichtsrats Claude Burgard soll komplette Pinis Fehltritt entschuldigt werden. Der arme Vizepräsident darf zum Schluss des Artikels noch die Rolle als Opferlamm einnehmen – fernab jeglicher Bodenhaftung und Realität.

Rücktritt und Neuwahlen?

Claude Burgard (Foto: Andreas Schlichter)

Claude Burgard (Foto: Andreas Schlichter)

Die Saarbrücker Zeitung und Michael Kipp berichtet mit den besseren Informationen und auch inhaltlich ausgewogen. Das eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen Pini wird thematisiert, ebenso Burgards Mitschneiden des Gesprächs, dass im Aufsichtsrat sowohl für Verstimmung gesorgt haben muss, als auch dafür, dass man „Rechtssicherheit“ darüber will, ob diese Art der Beweisführung zulässig ist. Kipps Fazit: Pini muss zurücktreten, der Aufsichtsrat solle sich am Besten zur Neuwahl auflösen.

Pini ist nicht mehr tragbar

Zwei Zitate aus dem Kipp-Text sind dabei entscheidend. Das Erste:

Die Frage, ob Pini wirklich genötigt hat, ist dabei des Pudels Kern. Aus justiznahen Kreisen ist zu vernehmen, dass die den Behörden vorliegenden Beweise dazu ausreichen würden.

und:

Auf die Frage, ob er sein Schicksal mit Pini verbinde, ließ Ostermann verlauten: „Diese Frage stellt sich nicht und darüber denke ich auch nicht nach.“

Dies dürfte darauf hindeuten, dass die Tage von Sebastian Pini beim 1. FC Saarbrücken gezählt sind. Falls das Präsidium und der Aufsichtsrat noch um das verbleibende Häuflein Image besorgt sind, entlassen sie Pini demnächst aus seinem Amt, für das er sich selbst untragbar gemacht hat. Kein Verein, dessen Ziel die 2. Bundesliga und ein neues Stadion sind, kann es sich leisten, einen Vizepräsidenten zu stützen, der in Ausübung seines Amts mit dem Gesetz in Konflikt kommt.

Kein Vertrauen mehr

Dabei sollte sich, ob Pini bleibt oder nicht, längst nicht mehr nach der juristischen Aufarbeitung alleine richten. Die im Internet geleakte Aufnahme liegt die Schlußfolgerung nahe, dass er zumindest bereit war, eine Abstimmung mittels eines Handels zu beeinflussen. Das ist ein Vertrauensbruch gegenüber allen Fans und Mitgliedern, besonders gegenüber jenen, mit denen er in Sachen Fanarbeit hohe Ziele hatte und schon angefangen hatte, kleine Schritte zu bewegen. Ohne Vertrauensbasis ist eine weitere Zusammenarbeit, also auch ein Zusammenbleiben im Verein nicht möglich. Dass Pini von Anfang an seine Strategie auf Aussitzen auslegte und den richtigen Moment für eine Entschuldigung verpasste, macht den Wechsel auf dem Posten zur Mindestvoraussetzung für eine Minderung des Imageschadens und einen Wiederaufbau des Vertrauens. Viele Fanklubs haben Pini ihr Vertrauen entzogen.

notmyfcsEthische Richtlinien müssen erarbeitet werden

Doch wie kann es danach weitergehen? Pinigate ist nicht die Ursache einer nachhaltigen Krise beim FCS, sondern allenfalls das Symptom, das am Sichtbarsten ist. Der Verein zeigt ungesunde paranoide Verhaltensweisen, ob das nun Milan Sasics Fantreffen unter Ausschluss der Presse- und Internetöffentlichkeit vor über einem Jahr war oder die Art und Weise, wie mit kritischen Anträgen vor Mitgliederversammlungen umgegangen wird. Michael Arnold forderte, etwas kurzsichtig, dass die Fans sich nun auf den Fußball konzentrieren und „unsere Mannschaft ohne Nebengeräusche unterstützen“ sollen. Dabei wird auch die Bringschuld verdreht: Es sind die Funktionsträger des Vereins, die für die Nebengeräusche gesorgt haben und ein unsinniges Misstrauen gegenüber den Fans und Mitglieder haben eskalieren lassen.

Deshalb braucht es im 1. FC Saarbrücken nicht nur den Rücktritt von Pini, sondern eine breitere Debatte über ethische Standards und Verhaltensweisen. Vielleicht wäre die Ausarbeitung einer verpflichtenden Erklärung gegen Korruption und für mehr Transparenz für alle Vereinsfunktionäre der erste Schritt. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Transparenz heißt nicht, dass plötzlich alle Protokolle von Ratssitzungen öffentlich sein sollen. Aber vielleicht eher, dass Funktionäre für bewusste Unwahrheiten, etwa vor Abstimmungen über wichtige Anträge, haftbar gemacht werden könnten.

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2 Antworten zu Pinigate: Warum es um mehr als einen Rücktritt geht

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  2. Spirit schreibt:

    die Antwort heisst Compliance Management.

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