Glanz und Gloria

IMG_3636Osnabrück. Das Stadion an der Bremer Brücke ist zum Tempel des Kommerzes geworden. Ein Sponsorenname hieß mich am Eingang willkommen, ebenso viele Werbeschilder, ein schwarzes Fangnetz vor dem Block und äußerst nervige Beschallung mit VfL-Liedern. Osnabrück, hier ist der Tabellenführer der 3. Liga zu Hause. Der 1. FC Saarbrücken als Herausforderer zu Gast.

IMG_3647Das Spiel begann mit der obligatorischen zwölfminütigen Pause beider Fanseiten, vor denen das Stadionradio nicht müde wurde, gröbste musikalische Fouls zu begehen. Erst also Ohrenschonen und danach klangvolles Fußball-Hören. Zwischenzeitliches Herzflattern war angesagt, als Benedikt Fernandez einen Kopfball der Hausherren überragend parierte. Ein munteres Spiel mit Chancen auf beiden Seiten, das unterhielt. Das 0:0 zur Pause gerecht, wenngleich mit etwas mehr Glück für Marcel Ziemer sogar eine Pausenführung drin gewesen wäre. Nun gut.

Unverbesserliche VfL-Chaoten zünden auf den Stehrängen und Sitzplätzen. Der DFB muss da mal einschreiten!

Unverbesserliche VfL-Chaoten zünden Pyrotechnik auf den Stehrängen und Sitzplätzen. Der DFB muss da mal einschreiten!

Nach dem Seitenwechsel passierte dann das, was sich uns eigentlich schon versteckt während der gesamten 45 Minuten zuvor ankündigte, ohne dass einer von uns ignoranten Menschen – oder einer der noch müderen FCS-Verteidigern – davon Notiz genommen hätte: Die hohen Bälle von Osnabrück (vor allem die ruhenden) wurden von der latenten Gefahr zum Anlass der Niederlage. Gaetano Manno traf nach einem Freistoß zur Führung, Timo Beermann erhöhte nach einer Ecke auf 2:0 und Sebastian Neumann hatte auch noch einen Treffer parat. Drei Tore, bei denen ich jetzt noch gar nicht erwähnt habe, dass alle drei – und zwar wirklich alle – zwischen der 49. und 54. Spielminute fielen. Damit ist eigentlich alles zum Spiel gesagt, anstandshalber sei noch der Pfostentreffer von Marius Laux erwähnt. Der sorgte eher für ungläubige Gesichter bei uns, da diese Chance sowas von unpassend war bei dieser pomadigen Gesamtleistung kurz nach Wiederanpfiff.

FCS-Fans nach Spielschluss im Rausch

FCS-Fans nach Spielschluss im Rausch

Doch was dann geschah – und ich weiß, dass diese Worte mich irgendwann ja doch zum modernen, fußballunbezogenen Eventheini brandmarken werden – war absolute Magie. Der Gästeblock steigerte sich aus Trotz – woher der auch immer bei dieser Leistung kam – in einen Rausch hinein. Angefangen bei einem einfachen „Allez FCS, allez, allez!“, das sich letztlich bestimmt über die Schlussviertelstunde hinzog, zog die Lautstärke immer weiter im Gästeblock an. Die blau-schwarzen Fahnen wehten, die Menge hüpfte und außer der bitteren Realität auf der Anzeigetafel gab es zu keinem Zeitpunkt irgendeinen Anhaltspunkt dafür, dass der FCS eine bittere Klatsche erlitten hatte. Dabei war das Singen auch kein Galgenhumor wie das Bejubeln der Gegentreffer beim legendären 0:8 in Unterhaching. Aus den Gesängen sprach die aufrichtige Liebe zum Verein und das Bekenntnis, auch bei den ganz bitteren Niederlagen für die Mannschaft da zu sein. Die Lieder und der Tanz dauerten selbst nach dem Abpfiff noch eine halbe Stunde an und selbst so mancher Osnabrücker Ordner und die sonst neutralen Pressefotografen konnten nicht anders, als sich von diesem Gästeanhang begeistern zu lassen.

Ich will jetzt gar nicht mit einer Bewertung abschließen, welcher „Haufen“ in welcher Kurve den besseren „Support abgelegt“ hat. Das dürfen diejenigen tun, die das auch wollen. Mir reicht die Erkenntnis, dass die Stimmung an diesem bitterkalten Samstag in Osnabrück nach Spielende um einiges besser war als nach so manchem Sieg in den vergangenen Jahres. Und das es doch an richtig beschissenen Spieltagen auch immer die kleinen oder großen Dinge gibt, die mir beim Verlassen des Stadions ein gutes Gefühl auf den Weg geben.

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