Kommentar: Wer nimmt das noch ernst?

mv12Ich gebe zu: Ich kann Mitgliederversammlungen des 1. FC Saarbrücken nicht all zu ernst nehmen. Das liegt in erster Linie daran, dass meine Mitgliedschaft Ausdruck meiner Leidenschaft für diesen Verein ist, die ich in der Form seit 2003 empfinde. Und da ist eine Mitgliederversammlung ja erst einmal was sehr positives: Menschen, wildfremd und mit unterschiedlichstem Hintergrund, die sich zusammen mehrere Stunden hinsetzen, um sich erst einmal dem Objekt der Leidenschaft zu widmen. Das darf ich ja erst einmal mit Lockerheit und Begeisterung nehmen.

Genau wie manche komödiantische Einlagen an solchen Abenden. Wenn der luxemburgische Fast-Aufsichtsrat Claudio Mariotto etwa ans Mikrofon tritt und den Schatzmeister zu einer Aussage von 2011 befragt und der dann logischerweise antwortet: „Das hätten sie 2011 fragen müssen.“ Und Claudio Mariotto dann sagt: „Diese Antwort habe ich so von Ihnen auch erwartet.“ Wer das nicht köstlich findet, kennt die kleinen Freuden einer Mitgliederversammlung nicht.

Dann gibt es aber auch die Momente, in denen das Lachen in ein Kopfschütteln übergeht. Wenn der Präsident die Wasserengpässe beim Pokalspiel gegen Schalke 04 mit dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg vergleicht. Nach dem Motto: Seid froh, dass es nicht noch schlimmer war. Oder wenn sich Vorstandsmitglieder versteckt auf dem Podium gegenseitig scharf kritisieren. Oder wenn Reinhard Klimmt nach einem gescheiterten Satzungsänderungsantrag von einer „Retourkutsche“ spricht, weil die Mitglieder zuvor den Vorschlag des Präsidiums scheitern haben lassen. Oder wenn gesagt wird, dass es nun doch keine Neuigkeiten zum Stadionneubau gebe, da der Sportdezernent nicht anwesend sei.

Haben im Vorfeld die üblichen Trolle in Internetforen versucht, den Mitgliedern und Fans des Vereins zu unterstellen, mit ihren Anträgen und Ideen ein schlechtes Bild des Vereins zu zeichnen, so war es am Ende doch der Vorstand, der den nötigen Ernst vermissen ließ. Reinhard Klimmt schaffte es unter dem TOP „Bericht des Aufsichtsratsvorsitzenden“ mit keinem einzigen Wort darauf einzugehen, was der Aufsichtsrat denn nun ein Jahr lang getan hat. Auch Nachfragen wich er gekonnt aus. Paul Borgard versuchte schon weit vor Beginn der Änderungsabstimmungen Stimmung gegen gewisse Anträge zu machen. Und die Durchführung der Abstimmungen spottete letztlich jeder Beschreibung. Teilweise wusste Borgard als Veranstaltungsleiter nicht, welche Anträge das Präsidium gestellt hatte, meist übersah er – ob bewusst oder nicht – Wortmeldungen und ging im Galopp zur Abstimmung über – ohne deutlich zu sagen, über was denn nun abgestimmt werden würde. Die nötige Mehrheit von 75% der abgegebenen Stimmen war dabei in den meisten Fällen eher schnell und grob geschätzt und in einem Falle sogar zweifelhaft.

Natürlich ist der 1. FC Saarbrücken im Jahr 2012 weit von den chaotischen 90er Jahren oder den Zuständen der Versammlungen anderer Vereine entfernt. Nichtsdestotrotz hat mir dieser Vorstand gestern den Eindruck vermittelt, das höchste Gremium des Vereins, die Mitgliederversammlung, nicht wirklich ernst zu nehmen. Ein erster Schritt in die andere Richtung wäre es, wenn bei Abstimmungen künftig eben nicht mehr der Präsident die Veranstaltung leitet, sondern bestenfalls sogar ein externer Notar zu Rate gezogen wird. Paul Borgard wirkte schlicht überfordert und musste sich von Rechtsanwalt Nessler helfen lassen, der seinerseits nicht einmal schaffte, die einzelnen Anträge per Powerpoint an die Wand zu werfen.

Vielleicht nehme ich zum Abschluss mal folgende Zahl als Denkanstoß: Laut Präsidium hat der Verein aktuell 2002 Mitglieder, was eine lobenswerte und stattliche Zahl ist. Bei der Geheimabstimmung zur Streichung des Paragraphen 23 gab es am Ende 100 Für- und 98 Gegenstimmen. Das sind insgesamt mit 198 Stimmen nicht einmal ein Zehntel der Mitglieder. Vielleicht würden wieder mehr Mitglieder am demokratischen Prozess im Verein teilnehmen, wenn die Mitgliederversammlung als solche denn auch wieder ernst genommen würde. Seitens des Vorstands

Link: Twitter-Liveticker zur Mitgliederversammlung zum Nachlesen

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Kommentar, Verein abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.