Vorbericht oder doch nicht

Eigentlich lag der Vorbericht zum Spiel 1. FC Saarbrücken – DSC Arminia Bielefeld schon fertig zur Veröffentlichung vor. Manchmal schreibe ich sowas auch etwas früher, um später mehr Zeit für andere Dinge zu haben. Aber der Text gefällt mir nicht mehr wirklich und eigentlich gibt es wesentlich wichtigere Dinge, die ich jetzt an dieser Stelle anspreche. Das hat auch damit zu tun, dass ich gestern irgendwann nicht mehr die Meldungen auf Facebook lesen konnte.

„R.I.P. Fankultur“, „Das war’s mit der Fankultur in Deutschland“ und ähnlich gestaltete Bildchen und Statusmeldungen flimmerten im Minutentakt über den Bildschirm. Auch bei Twitter übte sich das Gros der Nutzer in Fatalismus und zog das ironisierende Fazit, die Maya hätten sich um ein paar Tage im Datum geirrt, mit dem Weltuntergang. Mit jeder weiteren Meldung dachte ich mir auch immer mehr: Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Ich muss jetzt vermutlich, auch um mich vor den wissentlichen Falschverstehern zu schützen, sagen, dass ich die Kritik an den Plänen der DFL und des DFB teile. Es ist eine bodenlose Sauerei, dass medial weiter von Vertretern beider Unternehmen (denn nichts anderes sind sie) die Mär verbreitet wird, die Fans seien in den Dialog eingebunden gewesen. Wenn Dialog bedeutet, dass man nach weiten Protesten der eigenen Fans ein paar halbherzige Gespräche unternimmt (wenn überhaupt) und dann mit leiser Stimme ein paar Veränderungen am Papier fordert, die einem im Endeffekt doch schnurzegal sind – ja, dann gab es wohl in den meisten Fällen Dialog. Auch wenn ich damit die geistige Zurechnungsfähigkeit einiger Vereinsvorsitzender in Zweifel ziehen muss.

Aber was soll bitte diese Reaktionsflut à la „die Fankultur ist nun tot“? Ist sie das, weil in Frankfurt 36 Vereine über ein Papier abgestimmt haben? Herzlichen Glückwunsch, mit solchen Fans haben die Scharfmacher aus der Politik und in einzelnen Vereinen nämlich alles richtig gemacht.

Und das darf richtig verstanden werden: Wer gestern das Ende der Fankultur ausgerufen hat, scheint von dieser eben so viel zu verstehen wie die Innenminister oder Karl-Heinz Rummenigge – nichts. Die DFL hat gestern in den ersten beiden Ligen die Grundlagen dafür geschaffen, dass es vor allem den Auswärtsfahrern und Fankurvengängern an die Wäsche (im wahrsten Sinne des Wortes geht). Außerdem dürfen Vereine nun zwar nicht willkürlich, aber doch relativ einfach an der Schraube der Kartenkontingente drehen. Das alles schmerzt und wird dem Fußball sicher nicht gut tun. Doch war das wirklich das Ende der Fankultur?

Hören Fanklubs auf zu existieren? Erscheint kein Fanmagazin wie der Leuchtturm mehr, weil da ein paar fankurvenfremde Gesichter ihren Arm in Frankfurt gehoben haben? Sind wir als Fans jetzt mundtot, inexistent, irrelevant?

Nein, das sind wir Fans nur dann, wenn wir jetzt den Fußball für uns begraben. Dann berauben wir uns selbst unserer Fähigkeit, auch in Zukunft jede kritische Entwicklung im Fußball auf die Probe zu stellen, dagegen zu protestieren und uns öffentlich Gehör zu verschaffen. Wenn wir jetzt die Fankultur (ohne dass wir je darüber nachgedacht hätten, was für uns dazu gehört) zu Grabe tragen, machen wir uns selbst zu den größten Helfern von DFL und DFB. Denn wer glaubt, dass die einfache Abwesenheit von Supportern im Stadion zu einem Umdenken führen könnte, der versteht die Logik von Vereinen nicht. Die können sich ab einer gewissen Liga Stimmung auch einfach kaufen oder per Lautsprecher einspielen – das wird niemanden interessieren, weil diejenigen, die es interessieren könnte, ja die Fankultur schon 2012 beerdigt haben.

Welchen Sinn hat es bitte, wenn eine ohnehin schwache Lobbygruppe wie die Fußballfans diese Entscheidung zum Anlass für Auflösungserscheinungen nehmen? Allein dafür, dass es irgendwann wieder besser werden könnte, muss man doch jetzt erst recht weitermachen – mit Information, Protest und Kreativität.

Link: SR-online.de – Fans fühlen sich ausgeschlossen.

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3 Antworten zu Vorbericht oder doch nicht

  1. Nicky schreibt:

    Kämpfen in allen Ehren, aber was soll nochmal besser werden 🙂 Rauball hat es doch auf den Punkt gebracht „der profesionelle Fußball ist der Gewinner“. Die Fans werden nicht ernst genommen, nicht vor zwanzig Jahren und auch nicht heute und ich wüßte auch nicht wie man das ändern könnte. Infos gab es soviel wie nie zuvor, Protest ? Kreativität?…der Wind der kommt wird strammer denn je…

    • Carsten schreibt:

      Dass die Fans nicht ernst genommen werden, stimmt sicher im Bezug auf die Bundesregierung und auch auf gewisse Vereine. Aber man muss doch auch mal sehen, wo die Fans ernst genommen werden. Und das sind auch Vereine (wie etwa Union Berlin) und vor allem die Mainstream-Medien. Allein tagesschau.de und SPON haben in der Debatte sehr viele differenzierte Berichterstattung getätigt, die eher den Argumenten der Fans in die Hand spielte. Gerade letzteres ist etwas, das vor 20 Jahren so noch nicht da war.

      Man kann natürlich jetzt sagen: Ok, Kind ist in den Brunnen gefallen. Aber was sollen dann künftige Fangenerationen von uns denken?

  2. Pingback: die Reaktionen auf das gestrige Trauerspiel der DFL… « Stahlwerk

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