Nicht Euer Ernst, DFL!

Viel wurde darüber geschrieben, es war auch Anlass für meinen Offenen Brief an Paul Borgard, der bis heute nicht beantwortet wurde. Die Rede ist von der Sicherheitskonferenz von DFB, DFL und Innenministerien in diesem Jahr. Nun soll zeitig vor dem DFB-Bundestag am 24. und 25. Oktober ein Papier durchgepaukt werden, von dem zuerst der Magische FC berichtet hat und das nun dank Publikative.org für jedermann lesbar ist.

Bei der grundsätzlichen Zielgebung des Papiers muss der geneigte Leser schon stutzen: „Ziel ist es, das Stadionerlebnis sowohl in der subjektiven Wahrnehmung als auch in der objektiven Beurteilung weiterhin sicher zu gestalten.“
Ist das etwa ein indirektes eingeständnis, dass eines der beiden Kriterien schon gegeben ist? Das Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC Berlin wird im öffentlichen Diskurs gerne als der Auslöser dieser ganzen Diskussion um Sicherheit im Stadion gesehen. Der offizielle Polizeibericht sagt über dieses Spiel:
„Trotz eines hochdramatischen Verlaufs und der großen Emotionalisierung beider Fanlager blieb es aus polizeilicher Sicht während des Spiels weitestgehend friedlich.“
Es blieb in der Nacht bei acht Körperverletzungen und ebenso vielen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz. Zum Vergleich: Das Münchner Oktoberfest, in der Presse eher als vergnügliches Freizeitvergnügen beschrieben, war 2012 Schauplatz von 1.470 Straftaten, über 400 davon Körperverletzungen.

Doch was steht nun an wirklich anstößigen Dingen drin? Zunächst einmal überrascht es vielleicht zu Hören, dass eine kleine Reihe recht positiver Maßnahmen ganz am Anfang steht. So sollen der Sicherheitsbeauftragte und Ordner des Gastvereins künftig auch bei Auswärtsspielen zum Einsatz kommen. Aus Saarbrücker Sicht hätte das nicht nur den offensichtlichen Vorteil, dass auch ein zweiter Sicherheitsbeauftragter vor Ort ist und sich ein unabhängiges Bild der Vorgänge machen kann. Es wäre zudem auch für Charly Mai die Gelegenheit, die Kritik an seiner Person mit guter Arbeit zu kontern.

Kritisch wird das geleakte Papier ab dem Punkt, wo über eine Fancharta geschrieben wird:
Clubs sind gehalten, Vereinbarungen/Chartas mit Fanorganisationen, Fanclubs etc. abzuschließen.

Ich bin ein einfacher Fan. Ich habe nie einem Fanclub angehört, habe es das ein oder andere Mal überlegt, aber stets entschieden, dass dieses Fanclubleben nichts für mich ist. Ich gehöre auch keiner eingetragenen Fanorganisation an, sondern betreibe ein Fanzine und ein Weblog. Ist dieses Papier nun überhaupt gültig für mich? Muss der Leuchtturm es als Fanzine unterschreiben, da er als Fanorganisation gilt oder nicht? Darf er dann nicht mehr erscheinen, wenn wir uns gegen eine Unterzeichnung verweigern?

Eine solche Vereinbarung muss mindestens folgende Inhalte haben (beidseitig):

  • Bekenntnis zu Gewaltfreiheit / Gewaltverzicht.
  • Anerkennung der geltenden Vorschriften (z.B. gesetzliche Grundlagen, wie Versammlungsstätten VO, sowie DFB-SicherheitsRL und Stadionordnung) u.a. im Hinblick auf das Verbot von pyrotechnischen Gegenständen.
  • Bekenntnis gegen Diskriminierung und Rassismus.

Zunächst mal: Wieso sollte es eine beidseitige Verpflichtung zur Gewaltfreiheit geben? Wenn sich ein Club zur Gewaltfreiheit verzichtet, müsste er dann nicht seine kompletten Ordner auf einmal abziehen? Denn: Sobald er gegen irgendwas vorgeht – sei es das Zünden von Pyro oder das Verbreiten rassistischen Gedankenguts – ist das die Anwendung von Gewalt. Was ist außerdem mit Notwehr? „Wir wissen alle, wie es gemeint ist“, ist dagegen sicherlich einzuwenden. Nur: Der Begriff ist schlecht gewählt und in der Form nicht hinnehmbar.

Das sind die Muss-Kriterien der Fancharta. Da mutet es fast schon grenzdebil an, dass die Etablierung eines kontinuierlichen Dialogs (regelmäßiger Austausch, Festlegung der Ansprechpartner) und das Anhörungsrecht bei Stadionverboten nur Soll-Kriterien sind. Will ein Verein glaubwürdig sein, dann führt er im besten Fall einen permanenten Austausch mit seinen Fans. Wie sonst soll ein Verein denn über Probleme seiner Fans Bescheid wissen, wie sonst wie er Sensibilisierung für unbequeme Maßnahmen erreichen?

Vorhersehbar ist, dass Fanclubs und Organisationen im Falle eines Verstoßes gegen diese Charta der Entzug von Privilegien droht. Beim Leuchtturm würde ich da als allererstes die Frage „Welche Privilegien?“ stellen, da wir dank des Vereins nicht einmal unser Fanzine im Stadion verkaufen dürfen. Der Zusatz dürfte aber wohl deutlich in Richtung der Ultra‘-Gruppierungen gehen. Dennoch die Frage: Wenn die Fancharta beidseitig sein soll, welche Strafen drohen dann einem Verein, der die Fancharta nicht einhält?

Von einem kruden Weltbild zeugt auch die Idee, Container vor Blöcken zu erreichten, um Personen-Körperkontrollen ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte durchzuführen. Auch die DFL scheint zu wissen, dass sie sich hier auf einem sehr dünnen Eis bewegt und im Grunde eine bewusst schwammige Formulierung nimmt, um eben später massenhafte Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte zu rechtfertigen. Man erinnere sich vielleicht hierbei an das Spiel Saarbrücken gegen Dresden in der Saison 2004/05, als sächsische Frauen in Bundeswehrzelten komplett entkleidet wurden.

Dies und auch die Forderungen an Dritte zeigen, auch welchem Weg sich DFL und DFB befinden:

Polizei & Justiz (StA und Gerichte)

  • mehr Transparenz: Auskünfte über Stand von polizeilichen Ermittlungen gegen Tatverdächtige
  • Abschreckung durch sofortige Ermittlung von Tatverdächtigen
  • konsequente Durchsetzung des Gewaltmonopols des Staates, Beachtung des Legalitätsprinzips
  • konsequente und schnelle Durchführung von Ermittlungs- und Strafverfahren
  • Aktualisierung / Überprüfung der Einträge der Datei „Gewalttäter Sport“
  • Mitteilung von Identitätsfeststellungen durch die Polizei
  • Vermehrte Anwendung beschleunigter Verfahren

Der Wunsch nach Imagepflege und einem subjektiv sicheren Stadionerlebnis treibt die Verbände dazu, fast sämtliche Errungenschaften der Aufklärung über Bord zu werfen und den Weg zu Bürgerrechtsverletzungen zu öffnen. Gerade der erste Punkt der Forderungen an die Polizei ist eine nie dagewesene Grenzübertretung eines Verbandes, der im Grunde nicht anderes ist, als ein Wirtschaftsunternehmen, das seinen Kunden den Eindruck vermitteln will, es habe in Deutschland das Grundrecht auf Fußball gepachtet.

Die Fan-Delegierten-Versammlung des 1. FC Saarbrücken wird am Sonntag in der Villa Blau-Schwarz unter anderem über eben dieses Papier reden. Ich kann nur eindringlichst appellieren, dass die organisierten Fans sich die Forderungen genau durchlesen und überlegen, ob sie einem Verband wirklich die Mittel in die Hand geben wollen, in gewissen Teilen des Stadions den Rechtsstaat abzuschaffen. Oder um es mit einem abgewandelten Zitat von Paul Borgard zu sagen: Wer diesen Worten zustimmen kann, dem ist nicht mehr zu helfen.

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3 Antworten zu Nicht Euer Ernst, DFL!

  1. electrolutz schreibt:

    Klasse Cartsen!
    electrolutz

  2. Fan dieses Artikels schreibt:

    Gute Arbeit!

  3. kein Hooligan schreibt:

    Beitrag gelöscht. *

    *Lieber Yves/Phönix/kein Hooligan, solltest Du an ernsthaften Diskussionen interessiert sein, dann
    1. schreib eine Mail an mich, in der Du mich über Deine andauernde Namenswechsel aufklärst
    und 2. leg Dich auf einen Nicknamen für Deine künftigen Beiträge fest.
    Sollten weder 1. noch 2. von Dir wahrgenommen werden, dann scheinst Du nicht daran interessiert, dass Deine Beiträge hier auch veröffentlicht werden. Dauernde Namenswechsel sind gegenüber anderen Nutzern und dem Webmaster unfair und zeugen nicht von Anstand.

    Carsten, Webmaster „Das FCSBlog 2.0

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