Olélé, olâlâ

Der Stuttgarter Fernsehturm – von dort sieht man das Spielfeld besser als aus Block D

Frühmorgens in den Bus, das Ziel erneut Stuttgart-Degerloch. Das Stadion das gleiche wie schon am ersten Spieltag. Déjà-Vu-Erlebnisse sollten zu Beginn der Auswärtsfahrt vorprogrammiert sein, nur der Gegner sollte in blau-weiß und nicht mit rotem Brustring spielen. Aber immerhin war da ja mal was: Am ersten Spieltag gewann der 1. FC Saarbrücken beim VfB II mit 1:0, Torschütze Marcel Ziemer, der sich am gleichen Tag auch verletzte und danach länger ausfiel.

Stuttgart, Bus – da klingelte doch noch etwas. Mit großem Tamtam fand damals eine CD der Vengaboys Eingang in den CD-Spieler und verweigerte immer im zweiten Track nach einigen Sekunden den Dienst. Auch diesmal hatte der hintere Teil des Reisebusses vorgesorgt – ein Technotrack auf CD von vermutlich sieben bis acht Minuten Länge (gefühlt deutlich länger) mit viel Trommelwirbel, viel „utz utz“ und einer wiederkehrenden Melodie, die seit Längerem auch ihren Weg in das Repertoire des Fanblocks gefunden hat: „Olélé, olâlâ, Saarland asozial! Und zwar ganz brutal!“

„Is das dóó jetzt e neies Lied?“ fragte ein Nebenmann. Nein, das war es nicht. Mit einiger Zeit bemerkte auch jeder, dass immer wieder ein- und derselbe Technorotz durch die Lautsprecher dröhnte. Die Marschmusik meiner Generation, akustische Körperverletzung, nicht-konsensfähiger Lärm. Irgendwann erbarmte sich der Busfahrer und stellte die Musik etwas leiser, dann aber immer wieder lauter, der vordere Teil des Busses ergab sich in einer Mischung aus stiller Wut und lautem Sarkasmus seinem Schicksal. Zur gleichen Zeit kam der obligatorische Stau vor Stuttgart auf, der dann von einigen wenigen bemerkt wurde. Nachbar Bobbes fragte panisch: „Hat hier einer ein Smartphone mit Navi-App, das den Stau umfahren kann?“ Und selbst wenn, so viele Leute passen nun auch nicht in ein Smartphone.

Nach Beschwerden geschlossen – Block D

Irgendwann dann doch Ankunft am Waldau-Stadion. Der ungeliebte D-Block mit der schlechten Sicht zugunsten der Hintertorgerade geschlossen. Die Imbissbude vor dem Gästeblock anders als beim letzten Mal geöffnet – manchmal kann auch die Umkehrung von Déjà-Vus ganz schön sein. Kurz vor Anpfiff nahmen wir im Block Platz. Es waren deutlich weniger Saarbrücker mitgereist, als es noch in Karlsruhe der Fall war. Bei der sportlichen Leistung in Karlsruhe war das jetzt aber auch keine Überraschung mehr.

Auch die Änderungen von Jürgen Luginger überraschten nicht wirklich, da der FCS-Trainer nach zahlreichen Ausfällen im defensiven Mittelfeld quasi gezwungen war, Markus Pazurek eine Chance zu geben. Dieser war – so hört man – nach einem Disput mit dem Coach längere Zeit aus dem Rennen. Nun hatte er aber in der U23 mit guten Leistungen auf sich aufmerksam gemacht. Neben ihm musste Tim Stegerer auf der Doppelsechs ran, der sonst auf der linken Abwehrposition beheimatet ist. In der Abwehr durften dafür links Adam Straith und neben Kapitän Marc Lerandy Tim Kruse ran. Eine sehr unkonventionelle Aufstellung – nicht allein aufgrund der Ausfälle.

Und auch ein sehr unkonventioneller Spielbeginn – in der zweiten Minute Eckball Sven Sökler, Kopfball Ziemer – Tor, 1:0. Dass der Jubel dann kurz erstickte lag daran, dass Marcel Ziemer sich augenscheinlich wieder verletzte. „Jetzt hat er wieder sein Tor für zehn Spiele gemacht“, unkte man untereinander, aber Ziemer spielte weiter. Und hielt seinen rechten Arm in der Folge so, als würde er jeden Moment abfallen. Tat dieser aber nicht, sondern das 2:0 fiel: Sökler presste früh, nahm seinem Gegenspieler den Ball ab, Ziemer ging zentral auf das Tor zu, täuschte mehrmals an und legte den Ball zu Lukas Kohler, der sein drittes Saisontor machen durfte. Nur knapp zwei Minuten später folgte dann das 1:2 aus Stuttgarter Sicht, bei dem die Sonne und Michael Müller etwas mithalfen – Déja-Vu-Erlebnis, Torhüterfehler gab es diese Saison ja schon einige.

In der Folge blieb der FCS die bessere weil aktivere Mannschaft. Gegnerische Angriffe wurden oft schon im Keim – in persona Markus Pazurek – erstickt oder fanden ihr Ende in der kopfballstarken FCS-Abwehr. Stuttgart merkte, dass es die Laufbereitschaft stark erhöhen musste, um dem FCS etwas entgegenzusetzen.

Nach den Seitenwechsel änderten sich die Besitzverhältnisse auf dem Platz etwas. Die Kickers versuchten ihrerseits nun das starke und frühe Pressing, das ihnen der FCS anfangs vormachte. Der FCS zog sich etwas zurück, was mit einer Ein-Tor-Führung immer etwas gefährlich erscheint. Das war es dann auch, selbst wenn die Schlagfrequenz für Kickers-Chancen nie wirklich hoch wurde. Eher schienen sich die Hausherren langsam, aber sicher auszupowern, während der FCS nun viele Chancen zum Kontern bekam. Diese wurden dann ausgelassen. Und zwar oft ohne Not, weil ein Pass zu viel gespielt wurde oder ein Haken zu viel geschlagen wurde. Sowas kann sich auch rächen. Das es das nicht tat, ist auch einer ordentlichen Portion Glück und Stuttgarter Unvermögen geschuldet. Es blieb bei einem knappen, aber verdienten Sieg.

Die Heimfahrt zog sich dann etwas hin, meine Nebenleute fielen in akuten Schlaf oder in Planungen der kommenden Auswärtstouren. Der hintere Teil des Busses erinnerte sich dann auf halber Fahrt an die Ein-Technotrack-Höllen-CD und verlangte lautstark nach Zerstreuung:
„Mach mol die CD an!“
– „Geht nitt, die is nimmé dóó!“
„Ei dann mach se trotzdem an!“
Der Scherz wich bald Verwirrung und Panik, als klar wurde, dass besagte CD eben tatsächlich verschwunden war. Enttäuscht musste auf Radio-Beschallung ausgewichen werden, sehr zur Erleichterung der vorderen Bushälfte. Zufälligerweise tauchte die Techno-CD dann bei der Ankunft an der Saarlandhalle wieder auf. Solange hielt ich sie nämlich bei mir versteckt, nachdem wir sie in Stuttgart in gemeinsamer Arbeit aus dem CD-Spieler befreit hatten. Olélé, olâlâ…

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