Let’s Play Football Manager 2021 Mobile: Kwasnioks Erben

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren

Eine Fantasie, der sich viele Fans – darunter ich – hergeben, ist jene des „Was wäre wenn?“. Was wäre, wenn mein Verein wirklich mal wieder in die erste Liga aufsteigen würde? Was wäre, wenn wir Geld hätten? Was wäre, wenn ich meinen Verein aufstellen würde? Diese Fragen beantwortete zu meiner Kindheit der PC-Klassiker Anstoß 2 Gold. Mit nicht-lizensierten Namen führte ich „Union Saarbrücken“ an die Spitze des Fußballs. Irgendwann verschwand die Anstoß-Reihe, dann die EA-Sports-Variante Fußball Manager.

Den Football Manager von Sports Interactive kannte ich zwar schon zu meiner Jugend, ich fand ihn aber immer etwas zu überfrachtet von kleinen Nummern, etwas mühsam animiert und kurzum: Anstrengend! 2020 bin ich aber bereit den Entwicklern zu verzeihen, denn die Handy/Tablet-Variante des Spiels verbindet ein nicht überfrachtetes Interface mit einer gesunden Portion von Einstellungsmöglichkeiten – und vor allem Originallizenzen für einen fairen Preis von 9,99 Euro (ohne Editor, aber den brauchen nur die Cracks). Erstmals ist der 1. FC Saarbrücken mit dabei – und der Härtetest kann nur lauten: Wie nah an der Realität ist das Spiel? Let’s play!

Sommer 2020: Der unerfahrene rasiert den Kapitän und shoppt Vereinslose

Der Sommer in Saarbrücken bietet mir einen frostigen Empfang. Ich bin neuer Trainer des 1. FC Saarbrücken und sofort bricht Unruhe in der Mannschaft aus. Einige Spieler, darunter Timm Golley, Mario Müller und Steven Zellner, halten mich für zu unerfahren für den Job. Auch der Vorstand erklärt mich zum „Interimstrainer“. Bis eine richtige Lösung gefunden sei. Das geht gut los.

Enttäuscht, aber froh ein Teil des Teams zu sein. Musterprofi Zeitz

Zu Saisonbeginn muss eine Lösung her für die Kapitänsbinde. Manuel Zeitz bekommt nur scheinbar das Vertrauen seiner Mitspieler, denn kaum ist er gewählt, sagen manche, er sei nicht die beste Wahl. Ich treffe eine unpopuläre Entscheidung: Anthony Barylla, dessen Werte (15 von 20) ihn als besten Führungsspieler ausweisen, ist mein verlängerter Arm auf dem Platz. Manuel Zeitz nimmt es mit Fassung, ist enttäuscht, ohne groß zu rebellieren. Glück gehabt.

Eine andere Entscheidung fällt leichter: Auf Flügeltalent Minos Gouras werden englische Scouts aufmerksam. Newcastle bietet 200.000 Euro, ich nehme dankend an. Mein Transferbudget lag bislang nämlich bei 0 Euro. Zusammen mit dem Verkauf von Fejzulalluh (hier gelang mir etwas, was in der Realität dem Verein nicht gelang) habe ich aber auf einmal Gelder frei, die mir zumindest vier neue Neuzugänge erlauben, die bislang ohne Verein waren:

Remi Walter (25, MF): Früher Mittelfeldtalent beim AS Nancy, bereit für einen zweiten Karrierefrühling en Sarre? Er wird Königstransfer fürs Mittelfeld.

Marian Prinz (20, TW): Auf der Torhüterposition sind wir gut besetzt, aber ich brauche noch einen weiteren jungen Ersatzmann für Batz. Der 20-jährige ist laut Scout sehr talentiert.

Jens Hegeler (32, IV): Früher bei der Hertha soll Hegeler mit Erfahrung unsere Innenverteidiger entlasten. Boné Uaferro ist häufiger mit Mosambik unterwegs, Zellner manchmal verletzt.

Shawn Parker (27, ST): Allein wird Sebastian Jacob die Saison nicht durchhalten, also darf der Ex-Mainzer vorne verstärken.

Herbst 2020: Nicht ganz so gut wie im echten Leben

Die Saison startet mit einer Blamage: 1:3-Niederlage bei Mitaufsteiger Lübeck, Routinier Mirko Boland schießt mich ab. Ich bin noch nicht ganz auf FCS-Niveau. Danach wird es besser, aber irgendwie scheint mein virtueller FCS doch anders als der Reale: Vorne ist es relativ ruhig, selten brennt meine Mannschaft ein Offensivfeuerwerk ab. Und das, obwohl ich die taktische Variante „Gegenpressing“ gewählt habe, um mich wie Kwasnioks Erbe zu fühlen. „Tiki-Taka“ stand nicht zur Debatte, ebenso nicht die Variante „Langer Hafer“ (vermutlich die Sasic-Kilic-Variante des Spiels).

Das Gegenpressing beim virtuellen FCS

Doch dann passiert etwas mit der Mannschaft. Die ersten Siege werden eingefahren, gegen Dresden gibt es sogar fast eine Kopie des späten 2:1. Überhaupt trifft oft Sebastian Jacob spät und Nicklas Shipnoski immer häufiger. Es scheint anzulaufen. Ich stoße erstmals auf Rang 3 vor, hab die Tabellenspitze in greifbarer Nähe und nun kommt es zum ersehnten Derby: Saarland gegen Pfalz im Ludwigspark (vor weniger als 2.000 Zuschauern, was wohl nicht an Corona liegt, sondern dass die Programmierer den Zuschauerschnitt aus Völklingen übernommen haben). Das ernüchtert nicht nur mich, sondern auch den FCS: 1:2-Niederlage, Marvin Pourié versetzt den Aufstiegsträumen einen Dämpfer.

Winter 2020/21: Come back stronger und Sprachkuriositäten

Die Mannschaft schlägt am nächsten Spieltag Mannheim in Carl-Benz-Stadion mit 1:0 trotz einer Roten Karte für Hegeler. Ich fühle mich wieder stark, der FCS hat jetzt Momentum, oder wie Horst Hinschberger sagen würde: „Das richtige Näschen.“ Eine Siegesserie folgt und auch offensiv zeigt auch Timm Golley endlich mehr Torgefahr als linker Außenstürmer. 4:0 gegen Bayern II, 3:0 in Magdeburg, 3:1 gegen Ingolstadt. Mit 36 Punkten aus 17 Spielen überwintert mein FCS an der Tabellenspitze und ich bekomme vom Vorstand endlich die Winterjacke – ich bin nicht mehr Interimstrainer, sondern man hofft auf eine lange und erfolgreiche Ära mit mir. Ich soll bestimmt den „schlafenden Riesen“ wecken.

Der Erfolg weckt aber auch Probleme – der Football Manager baut eine ganze Bandbreite von menschlichen Reaktionen (sprich: unzufriedene Fußballer) ins Spiel ein. Bei den Vertragsverhandlungen lasse ich mich sehr erpressen, Walter kriegt 8.500 Euro, Hegeler 5.250. Puh. Außerdem fragen die Reservisten nach, ob sie nicht mal Spielen können. Froese und Bösel bekommen ein paar Einsätze, aber Vunguidica kann ich schlecht Golley oder Parker vorziehen. Ich teile ihm mit, dass er auf der Bank bleibt. Ein Erfolg für mich: Joe sieht das nach dem Einzelgespräch ein. Ein fairer Sportsmann:

Ein Kuriosum ist wiederum eine Meldung zu Marin Sverko. Der kroatische Juniorennationalspieler soll „Probleme mit der Sprache“ haben und nicht mehr Deutsch lernen zu wollen. Da haben die Spielprogrammierer wohl nicht gecheckt, dass der Abwehrspieler in Pforzheim zur Welt kam. Da war sogar der DFB bislang gnädiger.

Frühjahr/Sommer 2021: Endlich Derbysieger und Herzschlagfinale

Es wird ernst. An der Tabellenspitze zieht Audi-Betriebself Ingolstadt davon. Das Ringen um Tabellenplatz 2, der zum direkten Aufstieg berechtigt, wird zum Dreikampf der drei Traditionsvereine: 1860 München, Kaiserslautern und mein FCS. Gegen München verliere ich aufgrund eines schlimmen Patzers von Zellner und Batz. Gegen Kaiserslautern muss dann auf jeden Fall ein Dreier her, um die Spitze zu sichern. Mir gelingt mit Kontertaktik der dreckigste Sieg der Saison und meiner Laufbahn von Managerspielen an diversen Plattformen. Es fühlt sich gut an:

Spiele beim Pilger-FCS bedeuten ähnlich späte Tore wie beim Kwasniok-FCS

Gegen Saisonende häufen sich die Unentschieden. Es wird zur Zitterpartie. Shawn Parker fällt lange verletzt aus, Timm Golley kehrt wiederum nach vorheriger Verletzung zurück. Ich halte den Vorsprung auf Kaiserslautern zwar, aber er schmilzt immer wieder zusammen. Ingolstadt steigt auf, ich wiederum schlage das siegestrunkene FCI-Team und habe so den Vorteil.

Zum 38. und letzten Spieltag geht es zum FSV Zwickau. Ein unangenehmer Gegner, auch wenn es für ihn um nichts mehr geht. Ich führe kurz vor Schluss mit 2:1, fange mir aber noch ein dummes Gegentor ein. Endstand 2:2. Ich habe nicht verfolgt, was die Konkurrenz macht. Ich tippe auf das iPad und bin auf das Schlimmste gefasst: Muss ich wirklich noch mal den Spielstand neu laden, wie es unter Managerspielern natürlich verpönt ist, es aber trotzdem jeder macht?

Nein. Ich steige direkt auf, der FCK muss in die Relegation. Punktgleich sind beide Mannschaften, aber in der Tordifferenz war ich um genau einen Treffer besser als die Roten Teufel. Was für ein Finale. Was für ein Aufstieg!

Der Pilger-FCS hat vorgelegt – kann Kwasniok auch Aufstieg?

Zum Dank bekomme ich nicht nur den Jubel der Fans und Spieler, sondern werde auch als „Trainer des Jahres“ ausgezeichnet und erhalte mein Zertifikat in Silber. Sebastian Jacob verpasst mit 18 Treffern knapp die Torjägerkrone, die an Vermeij von Duisburg (20) geht. Bester Saarbrücker nach Notendurchschnitt wird Timm Golley – und der FCS kann sein Abenteuer in der 2. Bundesliga fortführen. Vielleicht ja auch im echten Leben.

Fazit: Die mobile Variante bockt.

Wer Fußball-Manager-Spiele der 90er und 2000er vermisst, aber nicht die wirklich sehr komplexe und zeitaufwändige Desktop-Variante der Sports-Interactive-Reihe anfassen möchte, bekommt mit Football Manager 2021 Mobile mehr als nur einen guten Kompromiss: viele Originaldaten und Trikots, sehr viele Ligen, und große taktische Möglichkeiten. Die Komplexität des Spiels kann selbst gewählt werden – man kann theoretisch für jeden Spieler einen eigenen Trainingsplan machen, aber muss es eben nicht unbedingt. Das Spiel ist sehr detailverliebt, was selbst kleine Fehler (etwa Sverkos fehlende Deutschkenntnisse oder die Zuschauerzahlen im Ludwigspark) verzeihen lässt.

Schade ist allerdings, dass eine Trainerlaufbahn immer nach 30 Jahren endet – bei Anstoß konnte man durchaus mehrere Jahrhunderte spielen. Diese Reihe soll übrigens im nächsten Jahr ihr Comeback feiern – für die Gamer wäre etwas Konkurrenz auf dem Markt der Managerspiele durchaus nichts Verkehrtes. Aber bis dahin bietet auch der Football Manager genug Stoff für lange Nächte, in denen man von der 3. Liga bis zur Champions League emporsteigt.

(Grafiken: Screenshot Football Manager 2021 Mobile)

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