Warum der Abgang von Marcus Mann uns keine Angst machen darf.

HEMALS ALLEIN VERSAGE

Der Fußball an sich widerspricht sich oft. Wir, die Fans, heben andauernd einzelne Spieler oder Trainer heraus aus einer Masse und stellen sie auf einen Sockel als lebende Denkmäler. Und das, obwohl völlig klar ist, dass der Fußball ohne funktionierende Mannschaft niemals funktionieren würde. Messi brilliert im Orchester des großen FC Barcelona, bleibt mit Argentinien wohl aber ohne großen Titel. Es ist offensichtlich, aber weil wir Fans Fans sind, glauben wir an den Erlöser-Mythos. Den einen Mann, der uns errettet und dessen Abgang das Tor zur Hölle aufstößt.

Ende des Geistes von 2016

In Saarbrücken heißt dieser Mann Mann. Marcus Mann. Als Spieler Kapitän, dann – zur Enttäuschung nicht weniger – zu Wehen-Wiesbaden gewechselt. Triumphale Rückkehr 2016 als Sportdirektor in einem Vierergespann: Trainer Dirk Lottner, Geschäftsführer David Fischer, Vizepräsident Dieter Ferner und eben der Architekt des Kaders, Mann. Jahre blau-schwarzer Harmonie enden nun mit Manns vorläufigem Meisterstück, dem Aufstieg. Die Stuttgarter Nachrichten machten das Interesse der TSG Hoffenheim (für deren zweite Mannschaft Mann auch auflief) bekannt, FCS-Boss Ostermann verwies auf einen laufenden Vertrag, aber dass diese im Fußball schnell mal vorzeitig enden, ist so überraschend wie eine Meisterschaft der Bayern. So ist es nun auch gekommen, die Realität ist meist nüchterner als die Fangedanken und Hoffnungen, Mann möge doch bleiben.

Bei den Fans nun Wut (über die Medien, die einfach nur über den branchenüblichen Vorgang berichteten) und Schreckensszenarien. Nun gut, ein wenig erkenne ich mich darin auch wieder, denn der Personenkult beim FCS ging einmal so weit, dass ich für einen Ex-Trainer ein Danke-Plakat am Zaun befestigt habe und sicher auch mal dachte, dass die Welt untergeht, wenn Spieler/Trainer/Funktionär XY sein Geld künftig woanders verdient.

Fans ärgerten sich auch über Mann – ohne es zu merken

Aber sind wir Fans nicht auch ein wenig blind geworden, für ein paar Wahrheiten? Dass es schon zwischen Dirk Lottner auf der einen und Mann/Ferner auf der anderen Seite Ende der Saison 2018/2019 kriselte und ja eben viele von uns knallhart ignoriert haben, dass es eben maßgeblich Manns Entscheidung war, Lottner trotz Tabellenführung durch den neuen Trainer Lukas Kwasniok zu ersetzen? Zu denken, man könnte erwachsene Menschen, die obendrein noch im Verhältnis Vorgesetzter/Angestellter zueinander stehen, gegen ihren Willen dazu zu zwingen, ewig miteinander zu arbeiten, ist arg naive Fanfolklore.

Fans übersehen die neue Stärke des FCS

Tatsächlich übersehen viele Tage aber die sehr viel bedeutendere Wahrheit: Der 1. FC Saarbrücken ist nach 2016 erwachsener geworden. Zuvor dachte man weiter an das Märchen vom „starken Mann“, den Milan Sasic als Allrounder zwischen Trainerstuhl, sportlichem Leiter und zwischendrin auch noch eine Art Fanbändiger spielen sollte. In fast allen Rollen war Sasic überfordert und der Glaube des Präsidiums an den alleinigen Erlöser entpuppte sich als Reinfall. 2016 verteilte man also die Last auf mehreren Schultern: David Fischer, der abseits des Sportlichen bei Sponsoren und Fans verlorenes Vertrauen zurück warb. Marcus Mann als Kaderplaner in Abstimmung mit Vizepräsident Dieter Ferner, der ein Auge auf den Gesamtverein wirft. Und dazu ein Trainer, der sich ganz auf die Aufgabe in der Liga konzentrieren konnte. Das besänftigte auch das ehemals unruhige Umfeld des FCS. Wenn Forum-Autor Dominique Rossi nun schreibt, „[D]ass der von ihm im Winter verpflichtete Trainer Lukas Kwasniok nach dessen ersten Spiel im DFB-Pokalachtelfinale gegen den Karlsruher SC aufgrund der defensiven Ausrichtung kritisiert wurde, hat Mann getroffen„, spricht das eher dafür, dass das Publikum zahmer geworden ist.

Die neue Stärke des 1. FC Saarbrücken ist eben, dass es nicht den einen starken Mann mehr braucht, sondern ein funktionierendes Team, in dem die Stärken und Schwächen so verteilt sind, dass der Verein das beste daraus zieht. Diese Erkenntnis sollte der FCS im Kopf behalten auf der Suche nach einem Nachfolger.

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