Unser Fußball – der zu kleine Konsens der Fanszenen (Kommentar)

In der Virage Est
Wer sich noch daran erinnert: Vor Corona gehörten Fans im Stadion zum typischen Bild eines Fußballspiels.

Fast 2200 Fanklubs, mehr als 10.000 Unterschriften von einzelnen Menschen – die reinen Zahlen deuten schon darauf hin, dass sich hinter den Forderungen der Initiative „Unser Fußball“ keine utopischen Träumereien verbergen, sondern ein dringliches Anliegen. Der deutsche Fußball scheint entgegen aller Meldungen der letzten Jahren eben keine Erfolgsgeschichte zu sein, die Insolvenz des 1. FC Kaiserslautern und die hohen Schulden des FC Schalke 04 sprechen dafür, dass es nicht nur Einzelfälle von schlechtem Management sind, sondern strukturelle Ursachen hat. Diese Analyse habe ich auch in diesem Blog schon mehrfach gezogen. Trotzdem habe ich bislang noch nicht die Erklärung von „Unser Fußball“ unterschrieben. Weil sie mich in einigen Fragen leider nicht ganz überzeugt.

Das mächtigste Mittel: Die TV-Gelder

Dabei gibt es einen zentralen Punkt, der sehr stark mit einer Forderung aus den letzten Blogeinträgen übereinstimmt: Eine Neuverteilung der Fernsehgelder in den oberen Ligen. Kritiker*innen werden dagegen mit Recht einwenden, dass die Verteilung der Fernsehergelder bereits Größen wie sportliche Nachhaltigkeit und Nachwuchsförderung mit einbezieht und eine Fünf-Jahres-Wertung zur Grundlage hat. Jedoch: Nachhaltigkeit und Nachwuchsförderung machen insgesamt sieben (von 100) Prozent der Verteilung aus. Deshalb sorgt die Dominanz von Bayern und Dortmund eben dafür, dass die Vereine im oberen Bereich der Tabelle auch weiter in absoluten Zahlen am meisten bekommen (Bayern bekommt mehr als doppelt so viel TV-Gelder wie Teams am unteren Ende der Tabelle) und somit auch für die kommende Saison die besten Karten haben. Solides Wirtschaften wird bei der Verteilung übrigens nicht direkt berücksichtigt.

Tatsächlich wäre es denkbar, hier mit einer drastischen Reform sowohl die Liga sportlich attraktiver zu machen, als auch den sportlichen Abstieg von Teams abzufedern. Vor allem beim Verlassen der 2. Bundesliga nach unten sieht es nämlich bislang für Teams düster aus: Auf einen Schlag fehlt ein großer Posten im Etat, während die Kosten für Spieler nicht gleichmäßig sinken. Aus diesem Grund reden viele in der Branche auch gerne über die „Pleiteliga“ 3. Liga, aus der man am besten schnellstmöglich wieder nach oben verschwindet, bevor die Gläubiger*innen anrücken.

Änderung ja, aber wie?

„Unser Fußball“ schreibt zu den Fernsehgeldern deshalb richtig: „Unser Fußball zeichnet sich durch eine gleichmäßigere Verteilung der TV-Gelder, die Einführung eines nationalen Financial Fairplays und die eindeutige Begrenzung von Investoreneinflüssen aus. So gut sich das anhört, bleiben viele Fragen offen. Eine rein gleichmäßige Verteilung, bei der etwa alle Vereine künftig den gleichen Betrag erhalten, wird das Problem nicht lösen, dafür hat sich das Ungleichgewicht schon zu stark zementiert. Wer tatsächlich die Bundesliga spannender und die Möglichkeit von wirtschaftlichen Pleiten kleiner machen will, muss eher darüber reden, mehr Gelder an schwächere oder sportlich nicht erfolgreiche Vereine zu verteilen, um die Liga spannender zu machen. Ähnlich dem Draft-System im amerikanischen Sport, bei dem sportlich weniger erfolgreiche Vereine den Zugriff auf die besten Talente haben. Diese Forderung mag dem Wettbewerbsgedanken komplett zuwider laufen – aber ich halte sie für deutlich effektiver.

Fußball ist nicht nur Profifußball

Tatsächlich finden sich noch weitere Forderungen von „Unser Fußball“, die ich durchaus ansprechend finde: Vereine als Vorbilder gegen Diskriminierung, die Anerkennung der Fankultur, sozialverträgliche Ticketpreise. Was mir in der Forderung aber fehlt – und was ich angesichts vieler Unterzeichner aus dem Amateurbereich fast erstaunlich finde – ist ein Wort zum Fußball als Amateur- und Breitensport. Es ist eben nicht nur die Bundesliga, sondern auch die Mädchenfußballmannschaft, die um einen freien Sportplatz für Wettbewerbsspiele kämpft, oder die Bezirksligamannschaft, die mit den Sonntagsspielen der Bundesliga um Zuschauer*innen konkurriert. Der Amateursport braucht ein breites Kreuz, denn viele Entscheidungen gingen zu Lasten der Basis – und zu Gunsten der Profis. Und eben das zieht sich hoch bis in den Halbprofibereich, in dem die erfolgreiche Feierabendmannschaft mit starken lokalen Sponsoren auf den abgestürzten Bundesligisten trifft.

Fußball ist leider Kleinstaaterei

Auch hier hätte ich mir noch mehr Analyse der Zustände gewünscht. Die Erklärung adressiert sich an DFL und DFB, fordert Veränderungen von den Funktionär*innen, spricht aber nicht an, dass es eben zumindest im DFB nicht eine Einheit gibt, sondern gerade Corona gezeigt hat, was für ein Flickenteppich im Bereich zwischen Profi- und Amateurfußball existiert. Dass jeder Landesverband am Ende für sich selbst eine Regelung treffen musste, wie die Saison endet, zeigte die Mühen der Basisdemokratie. Dass auch in der kommenden Saison die unsägliche Aufteilung der Regionalligen in fünf Spielklassen weitergeht, die sportliche Leistung eines Meisters also weiter vergebene Mühe bleibt, ist ein Armutszeugnis. Eines, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es in einer Basiserklärung der Fans auftaucht.

Unterschiedliche Fanszenen, unterschiedliche Interessen

Natürlich ist auch meine Analyse der Erklärung geprägt von meiner eigenen Fanherkunft. Mein Verein spielt in der kommenden Saison in der 3. Liga und natürlich haben auch viele Fanklubs meines Vereins die Erklärung unterschrieben. Trotzdem sehe ich ein Ungleichgewicht zugunsten der Interessen der Bundesliga-Fanszenen. So ehrenwert es bleibt, dass sogar viele Fans von Bayern, Dortmund und sogar (!) RB Leipzig hinter den Forderungen stehen, so bleibt bei mir die Frage, wie stark am Ende die Überschneidung der Interessen wirklich ist. Eine Begrenzung des Einflusses von Investoren, wie es das Papier fordert, würde am Ende weitere Vereine nach dem Vorbild von RB Leipzig unmöglich machen – wieso unterschreiben Fans dieses Vereins dann für die Forderung? Hinter all dem könnte natürlich auch der universelle Fangedanke des fairen Wettbewerbs stehen – aber soll dann plötzlich alles, was vorher an potenziell unfairem Wettbewerb da war, nicht zur Disposition stehen? Darunter zähle ich durchaus auch die Anwesenheit von zweiten Mannschaften, wie der des FC Bayern, in der 3. Liga und Regionalliga.

Der Minimalkonsens als Stärke

Um meinen Kommentar versöhnlich zu enden: Es stimmt mich optimistisch, wenn Fußballfanszenen für gemeinsame Ziele die gegenseitige Abneigung ablegen können und sich Gedanken darüber machen, wie der Fußball nach Corona aussehen könnte. Ein besserer Fußball. Herausgekommen ist sogar ein Papier, das in seiner Kürze deutliche klüger als die meisten Äußerungen von Funktionär*innen der Bundesligisten in Zeiten der Krise klingt. Leider ist es aber auch nur ein minimaler Konsens, der viele zu füllende Leerstellen lässt und an eine Reform innerhalb des Systems glaubt, zu dem vermutlich DFL und DFB weder fähig, noch Willens sind. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

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