Rezension – Wir Wochenendrebellen

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Die Wochenendrebellen im alten Ludwigspark (Foto: Wochenendrebell.de)

Mit dem Papa ins Fußballstadion. Das ist der klassische Beginn vieler Fankarrieren. In „Wir Wochenendrebellen“ geht Vater Mirco mit seinem 2005 geborenen Sohn Jason ins Stadion. Jason ist Asperger-Autist und davon überzeugt, dass er erst einmal alle Vereine gesehen haben muss, um sich einen auszusuchen. Logisch, oder? Daher reisen beide in die noch so entlegenen Fußballtempel der Republik. Ein intimer und lohnenswerter Einblick in eine besondere Vater-Sohn-Beziehung.

Der Deutsche Fußball-Bund kennt 17 Regeln. Wie groß ein Spielfeld und wie schwer der Ball zu sein hat, aber auch wie sich im Idealfall die 22 Protagonisten auf dem Rasen verhalten sollen, das alles ist in einem jährlich aktualisierten Heftlein niedergeschrieben. Aber jeder Fußballfan weiß, dass in der Realität dauernd Regeln gebrochen werden. Es entsteht Reibung, Freud und Leid.

Was die vielleicht größte Parallele zwischen dem Spiel und Jason ist. Der Zwölfjährige lebt innerhalb eines strengen Regelwerks. Wird eine Regel gebrochen, so ist die Reibung anstrengend für ihn. Und Jason hat durchaus mehr Regeln als der Fußball. Jason ist Asperger-Autist, was gemäß seiner Selbstbezeichnung auf Twitter „ähnlich viel Behinderung wie Behilflichkeit beinhaltet“. Dies wirkt zuerst widersprüchlich, nach der Buchlektüre aber verständlich.

Kleine große Dinge

„Wir Wochenendrebellen“ ist nicht die seit „Rain Man“ fast schon stereotyp gewordene Geschichte des autistischen Kinds mit Inselbegabung. Der Leser erfährt durch die Augen von Vater Mirco, wie anstrengend, ja ungerecht Jason mit seinen Eltern oder Mitmenschen umgehen kann. Wenn er etwa nicht seinen Platz an der Bushaltestelle bekommt. Oder „Papsi“ nicht den Rest von Jasons Teller isst. Was für andere Kleinigkeiten sind, sind schwere Prüfungen für Jason und seine Familie.

Nebensache Fußball

Der Fußball und der Stadionbesuch mag als Motiv des Buches stehen, ist aber eigentlich Nebensache. Eigentlich stehen die Touren von Vater Mirco und Sohn Jason im Mittelpunkt. Was es bedeutet, den Stadionbesuch um Jasons Regelwerk herum zu bauen. Wie oft Jason an seine eigene Grenzen gehen muss. Und mit welchen außergewöhnlichen Beobachtungen Jason aus dem Stadion heraus geht. Es sind eben auch die kleinen, schönen Dinge des Fußballkosmos, die ihm nicht entgehen. Im Gegensatz zum Großteil der Stadionbesucher.

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Buchcover: Sabrina Nagel, www.siesah.de

„Wir Wochenendrebellen“ ist ein lesenswertes Porträt einer ganz besonderen Vater-Sohn-Beziehung, das den Spagat zwischen fast schon banal-ulkigen Anekdoten und sehr tiefen Gedanken hinbekommt, ohne platt zu wirken. Mirco von Juterczenka schreibt mit einer großen Portion Humor, Ehrlichkeit, aber vor allem Liebe. Zu seiner Frau und seiner Tochter, denen er fast schon entschuldigende Lobeshymnen ob derer Gelassenheit und Duldsamkeit widmet, aber eben auch zu Jason. Der kommt im Buch selbst im Vorwort und Glossar zu Wort und nimmt bei dieser Gelegenheit den Leser an die Hand, der sich im Fußball nicht so auskennt. Gerade der sollte sich nicht vom Fußball-Anteil des Buches abschrecken lassen.

Mirco von Juterczenka„Wir Wochenendrebellen – Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa“
244 Seiten
Preis: 20,00 Euro
Verlag: Benevento
ISBN: 978-3-7109-0017-4

Besondere Empfehlung für FCS-Fans: Es gibt einen Blogartikel der Wochenendrebellen zum Besuch in Nancy und im Ludwigspark: Link

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