FCSBlog 1.0: Auswärts in Mannheim

In dieser Reihe werden in unregelmäßigen Abständen alte, teils veröffentlichte und teils unveröffentlichte Texte von mir publiziert. Im September 2009 spielte der FCS in der Hinrunde seiner Aufstiegssaison bei Waldhof Mannheim. Der Polizeijargon nennt das ein „Rotspiel“. So habe ich damals die Auswärtsfahrt mitgemacht: 

06.12.2014 - Regionalliga - Fussball - Saison 2014/15 - Waldhof - Mannheim -

Die Fans von Waldhof (Foto: Andreas Schlichter)

Eine Barriere, zwei dutzend Polizisten im Kampfanzug und ein Menschenauflauf stehen vor dem Nordausgang des Saarbrücker Hauptbahnhofs. Unter ihnen befinde ich mich und da ich einen blau-schwarzen Schal umgebunden habe, besteht natürlich die Möglichkeit, dass ich Pyrotechnik dabeihabe, jedenfalls werde auch ich später mit der Frage konfrontiert.

Der Menschenauflauf kommt nur mühsam voran und man meint schon den Zug zu verpassen, als sich ein großer Teil der ultraorientierten Fans umdreht. Unter den Augen verdutzter Polizeikräfte beschließt man sich die Leibesvisitation vor Betreten des Bahnhofs zu ersparen und mit dem Auto zu fahren. Auf den Zug angewiesen müssen meine drei Mitfahrer und ich uns untersuchen lassen.
Am Bahnsteig herrscht Chaos, Fahrkartenkontrolleure stehen vor jedem Zugeinang, schaffen es aber nicht alle Fans auf ihren Fahrschein zu überprüfen. Mit einigen Minuten Verspätung rollt der Zug los. Der Alkohol fließt, einige Leute werden beim Rauchen auf der Toilette erwischt und mit Geldstrafen bedacht. Es hat die Stimmung einer Klassenfahrt unter ständiger Polizeibegleitung.

Nach einem Nebenhalt in Homburg kommt man nach eineinhalb Stunden Fahrt am Mannheimer Hauptbahnhof an. Die Kamera der Polizei ist auf die aussteigenden Horden gerichtet. Wo man nur hinsieht, überall ist es grün, kein Spaltbreit an Freiraum scheint mehr vorhanden bei der Vielzahl Polizeibeamter, die bereits am Bahnhof einige Leute herauszieht. Als ein junger Fan herausgezogen wird, bitten dessen Mitfahrer um Auskunft. Die Antwort entfällt abweisend und wortkarg, man solle immer nur weitergehen.
Der Fußmarsch beginnt. Immer wieder muss ich meine Mitfahrer in der Menge suchen, Menschen beobachten den großen FCS-Zug mit grüner Umrandung von ihren Balkonen aus, manche machen Fotos. Irgendwann ruft die Masse „Pinkelpause“ und mit sichtbarem Widerwillen müssen die Polizisten zulassen, dass dutzende Fans am Straßenrand ihre Blase leeren. Danach geht es weiter.

Eine Stunde dauert es, bis wir am Carl-Benz-Stadion angelangen. Viele stürzen sich auf das Kassenhäuschen, andere ziehen weiter zum Einlass, um sich dort zum zweiten Mal an diesem Tage gründlichst Kontrollieren zu lassen. Und dann ist man erst im Stadion. Dort wird man weiter abgefilmt, sei es von der Polizei oder vom Saarländischen Rundfunk, der eine Reportage über das Fanprojekt dreht.

Um zwei Uhr betreten die Spieler den Platz, das Stadion johlt, der Heimblock präsentiert eine aufwändige Choreographie, die vom Gästeblock ausgepfiffen wird. Zumindest von Teilen des Blockes, alle anderen wundern sich über Pfeifkonzert. Schließlich weiß die Choreo auch zu überzeugen.

Das Spiel beginnt unter der Leitung des Bundesliga-Schiedsrichters Peter Sippel, vor dessen Augen der FCS jetzt schon attackiert und frech aufspielt. Mannheim hält dagegen, erste Nettigkeiten unter den Spielern werden ausgetauscht.

Kurz danach scheint das Spiel in den Hintergrund zu rücken: die Leute, die zuvor die Mannheimer Choreographie ausgepfiffen haben, beschweren sich nun lautstark über eine größere Fahne im Block, die ihre Sicht behindere. Auf das Angebot, in den benachbarten Sitzblock zu gehen, wird erst in der Halbzeit vereinzelt eingegangen, manche bleiben lieber doch, um noch weiter zu meckern. Bis dahin bietet sich die größte Chance für Petry, dessen Kopfball an die Latte gelenkt wird. Torlos geht es in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel macht der FCS druckvoll weiter, Mannheim scheint keine Gegenwehr leisten zu können. Parallelen zu vielen früheren FCS-Auftritten beginnen sich zu verdichten, als Chance um Chance in den Sand gesetzt wird. Grgic schießt freistehend vor Kevin Knödler direkt auf den ehemaligen Elversberger Schlussmann, Marc Lerandy setzt den Ball mit eingesprungener Volleyabnahme weit über das Tor. Die Zeit verrinnt, der FCS verliert die Kontrolle über das Spiel. Im Gästeblock wird die Lage wieder angespannter, als einige den Torhüter von Waldhof mit Urwaldgeräuschen angreifen, der untere Teil des Blocks pöbelt widerum gegen eben jene Rufer.

In der 86. Minute wird Grgic im Strafraum gelegt. Sippel pfeift, zeigt auf den Punkt. Die Welt steht still.

Innerhalb von vier Minuten gewinnt der FCS das Spiel. Erst verwandelt Manuel Zeitz unhaltbar, dann erhält Mannheims Benincasa eine Rote Karte wegen Nachtretens und der eingewechselte Lukas Kohler markiert in der Schlussminute das 2:0. Das Derby ist entschieden, der Gästeblock hat sich wieder unter Kontrolle und feiert die Humba mit der Mannschaft.

Im Hinterbereich der Tribüne wird man noch festgehalten. Irgendwann wird man herausgelassen, diesmal steht kein Marsch durch die Mannheimer Innenstadt an, da man mit der Straßenbahn zum Bahnhof zurückgebracht wird. Auf dem Weg lassen FCS-Fans den Wagen hüpfen, was selbst einen der Zugführer zum Mitmachen animiert, es wird munter gegen Waldhof-Fans, Adler-Mannheim-Fans und FCS-Fans, die man für Mannheimer hält, gepöbelt. Ob das am Sieg oder am Alkohol liegt, lässt sich nur noch schwer feststellen.

Am Bahnhof geht dieses Spielchen weiter bis alle Fans wieder in den Sonderzug eingestiegen sind. Diesmal erfolgt die Fahrt ohne Durchsuchung, aber erneut mit Polizeibegleitung. Der Tag endet kontrolliert, im Gegensatz zum späten Sieg des FCS.

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