Deutschland gegen Italien in Bordeaux

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„Spaghettifresser.“ „Wenn die gewinnen, ess ich keine Pizza mehr!“ „Die spielen nicht mal schönen Fußball!“

Deutschland gegen Italien nervt. Deutschland gegen Italien frustiert. Das Viertelfinale der EM 2016 Deutschland gegen Italien findet nicht nur in Bordeaux statt, sondern es bringt mich auch zurück in die Vergangenheit, nach Bordeaux.

Fußball und Bordeaux, da denke ich ohne zu zögern an mein Erasmus-Jahr in Frankreich und meinen ersten Besuch beim örtlichen Erstligisten, den Girondins de Bordeaux. Ein eher müder Kick, ein 0:0 gegen den damals als französisches Hoffenheim geltenden FC Evian Thonon-Gaillard. Ein kaum zu ertragender Septemberkick im Parc Lescure (oder Stade Chaban-Delmas), dem altehrwürdigen Stadion von Bordeaux, mitten in der Stadt gelegen, das erste Stadion mit Komplettüberdachung. Ein Tempel des Fußballs mit unwürdigem Schauspiel auf dem Platz an diesem Tag. Ein Tempel, der nun leider nie mehr die Girondins beheimaten wird, die in den Neubau am künstlich angelegten Stausee etwas außerhalb der Innenstadt gezogen sind.

Erträglich wurde es eher durch unsere kleine internationale Besuchergruppe. Christian, Fan von Borussia Dortmund (und Münster) und Nino, Anhänger von Catania Calcio. Mal flache und mal tiefe Gespräche über den gemeinsamen Nenner Fußball, um nicht so sehr auf das schwache Spiel zu achten. Ihr kennt das.

Bei einigen Stadionbesuchen, unzähligen Abenden bei Fußball oder Pubquiz im „The Cock and Bull“ und anderen Gelegenheiten, spielten Rivalitäten oder unterschiedliche Geschmäcker im Fußball selbst weniger eine Rolle. Es überwog das gegenseitige Interesse daran, einfach mit Leuten schnacken zu können, die auf dem einen wichtigen Thema auf der gleichen Wellenlänge liegen. Ob Franzosen, Italiener, Spanier, Kolumbianer, Briten, Österreicher, und und und. Es war ein großartiges Jahr.

Im Sommer kam dann die unvermeidliche Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine und das Halbfinale Deutschland gegen Italien. Wir verfolgten das Spiel in einer großen Gruppe in einem anderen Pub, dem HMS Victory. Eine leicht getrennte Atmosphäre überwog nun und auch wenn man irgendwie das ganze Jahr über eine große Familie oder wenigstens eine große Interessensgemeinschaft (gemeinsame Interessen: Rotwein aus Bordeaux, Pubquiz, etc.) war, so war das nun schwieriger aufrecht zu erhalten. Ich war über das Ergebnis extrem enttäuscht, nach dem Spiel unangenehm berührt durch die Tatsache, in einer großen Gruppe zu „den Verlierern“ zu gehören. Und war entsprechend auch danach eher unangenehm drauf.

Wenn ich heute daran denke, schäme ich mich fast etwas. Nicht darüber, dass ich über die Niederlage enttäuscht war. Sondern darüber, dass ich mich nach dem Spiel so verhalten habe, als hätte ich selbst verloren. Das tun auch viele, die Spiele gegen Italien so sehr an sich heran lassen, dass sie irgendwann bei dämlichen rassistischen Klischees landen. Und dann geht es halt nicht mehr um Fußball.

Es ist schwer abzustellen, sich über Niederlagen zu ärgern. Kann auch ich nicht. Aber trotzdem sollte man sich immer bewusst sein, dass jeder Fußballfan mit seinem vermeintlichen Gegner immerhin eine Sache mehr gemeinsam hat, als mit jemandem, der sich nicht für Fußball interessiert. Das sollte immer wichtiger sein.

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