Wie Irland die Hooligans schlägt.

the-ball-488716_1280Hooligans sind der große Anachronismus der Hochglanz-Fußballwelt. Eine Vielzahl von ihnen ist in dieser Zeit aufgewachsen oder zum Fußball gekommen, von der die Fußball-Traditionalisten mit Wehmut sprechen und gerne den „echten Fußball“ nennen. Als große Turniere wie eine Europameisterschaft noch eine geschlossene Gesellschaft waren, in der sich die Eingeweihten trafen. Es gab wenig Werbedeals, keine Schminksets für Fans oder Autofähnchen. Eigentlich müsste diese Nähe vieler Hooligans zur antikommerziellen Haltung der Ultras dazu führen, dass Hooligans die EM 2016 meiden. Tun sie aber nicht.

Hooligans sind der Irrtum des Traditionsfußballs

Ob die Annahme zutrifft, dass Hooligans durch ihr Handeln bewusst dem Hochglanzfußball Schaden zufügen wollen, um sich auf der Straße ein Stück weit diesen alten Fußball zurück zu erkämpfen? Das mag bei einigen zutreffen, ein Großteil erweckt aber eher den Eindruck, dass es um die eigene Selbstdarstellung und ein bestimmtes Männlichkeitsbild geht. Besonders hart und aggressiv sein. Wo der Hooligan am Abend lacht und „Schwuchtel!“ ruft, wenn Cristiano Ronaldo nach einem Tor mal wieder das Trikot auszieht, läuft er tagsüber gerne selbst oberkörperfrei anderen oberkörperfreien Männern nach, um diese anzupacken. Und filmt das selbst mit und sorgt dafür, dass die Bilder möglichst weite Verbreitung bekommen.

Hooliganismus ist der große Irrtum des traditionellen Fußballs. „Gehört doch einfach dazu“, sagen viele unbedacht und bedenken nicht, dass der Fußball sich nicht nur zum Schlechten verändert hat, als ab den 90er Jahren Bewegungen wie die Fanziner oder auch einige Ultras den Fußballfans positive Identifikationsfiguren gaben. Leute, die für einen fanfreundlichen Fußball eintreten können, ohne sich gegenseitig andauernd verhauen zu wollen. Leute ohne Nähe zur Neonaziszene. Leute, die nicht andere Leben zerstören.

Irische Fans: Liebe statt Hass

Die irischen Fans sind zum Glück gerade dabei, den Hooligans aller bei der EM 2016 vertretenen Ländern eine herbe Niederlage zuzufügen. Während die Berichterstattung um die ersten Vorrundenspiele wie England gegen Russland in Marseille noch von Krawallen beherrscht wurde, schütteln Fans von der grünen Insel auf ihrem Frankreichbesuch einen viralen Kracher nach dem anderen aus dem Ärmel.

Mal wechseln irische Fans einem alten Pärchen die Reifen, mal räumen sie den eigenen Müll weg oder singen gemeinsam mit schwedischen Fans ABBA-Klassiker. Um die Welt gegangen ist besonders das Video, in dem einige Boys in Green einem französischen Baby ein Gute-Nacht-Lied singen:

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Was ist jetzt so besonders daran? Ist das nicht alles UEFA-konformer Quatsch, den die irischen (und auch nordirischen) Fans da betreiben? Nein. Denn sie sind eben nicht der passive Zuschauer, der mal im Stadion applaudiert oder nett geschminkt auf die Fanmeile strömen, um sich selbst einmal abzufeiern. Diese Aktionen der irischen Fans machen deshalb die Runde, weil sie sich der gängigen Klischees, die über Fußballfans herrschen, bedienen, aber eben nett und weltoffen sind. Sie feiern nicht sich selbst ab, sondern auch mal ihren Gegner. Warum? Weil das allen Spaß bringt und verbindet. Im Fußball, der gerade in seinem Wesen auf ein Freund-Feind-Schema hinausläuft, kostet das vielleicht Überwindung. Den Iren sieht man das aber keineswegs an, denn sie wirken in ihren Aktionen authentisch.

Aus diesen Gründen ist die hohe mediale Aufmerksamkeit für die irischen Fans vollkommen gerechtfertigt. Und nebenbei schlagen die Iren auch mit Liebe und positiver Verrücktheit sämtliche Hooligans, die mit Gewalt und Hass nicht mehr so einfach Schlagzeilen und Aufmerksamkeit abgreifen können.

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