Das Loch gestopft

Versammlung um ein 30 cm großes Loch im Rasen

Versammlung um ein 30 cm großes Loch im Rasen

Die Regionalliga ist glanzlos. So hell die Bundesliga, in der seit diesem Wochenende der Ball wieder rollt, strahlt, umso größer liegt der Schatten auf all den Ligen, die unterhalb des deutschen Profifußballs liegen. Mitnichten ist der dort gebotene Sport unprofessionell. In der 3. Liga geht es um Geld und Erfolg, auch darunter noch. Das Gekicke ist weniger temporeich, die Schiedsrichter weniger erfahren, die Stadien leerer. Oder sogar so marode wie der Saarbrücker Ludwigspark.

In diesem gab es im Spiel des 1. FC Saarbrücken gegen den beschworenen Angstgegner Wormatia Worms einen 1:0-Sieg. Ergebnistechnische Hausmannskost, die nicht die drückende Überlegenheit des FCS der ersten Halbzeit wiedergibt. Allen voran die physische Präsenz von Alexandre Mendy und der Spielwitz von Sven Sökler ließ die Fans mitunter hoffen. Dass der Fußball von Trainer Falko Götz, eigentlich eher ein Bundesliga- als Regionalliga-Trainer eben kein ruppiges „Kick and Rush“ ist, sondern ein technisch versierter Fußball, der auf schnellem Umschaltspiel beruht.

So etwa beim 1:0, dem einzigen Tor des Tages. Matthew Taylor erkämpfte den Ball in der gegnerischen Hälfte in einem schlafmützigen Wormser Moment. Er gab das Spielgerät weiter an den starken David Puclin auf links, der clever in den Rückraum spielte, von wo Sven Sökler einen platzierten Flachschuss gegen die Laufrichtung des Gästetorwarts einnetzte. Ein Tor, bei dem tödlich und präsize, gleichsam bildschön in die offene Lücke gestoßen wurde.

Natürlich ist der Götz’sche Fußball noch nicht frei von Fehlern, auch wenn bereits zum dritten Mal die Null stand. Das ist ein Verdienst des jungen Rechtsverteidigers Marco Meyerhöfer, der nach etwa 65 Minuten den Fehler seines Kollegen Filip Luksik ausbügelte, und den gefährlichsten Wormser Angriff mit einer fairen Grätsche stoppte – das Abwehrloch präzise gestopft.

Doch in Erinnerung bleiben wird dieses Spiel aufgrund eines ganz anderen Lochs. Schiedsrichter Philipp Lehmann wurde in der ersten Halbzeit auf ein knapp 30 cm tiefes Loch im Rasen des Ludwigsparks aufmerksam gemacht. Aufgrund der akuten Verletzungsgefahr unterbrach er das Spiel. Mehrere Minuten standen Spieler und Schiedsrichter fast ungläubig und gebannt vor diesem Loch. Wie kommt es an diese Stelle? Was liegt so alles unter dem Rasen verborgen?

Am Ende wurden der Platzwart und der Co-Trainer Taifour Diane zu den Helden des Tages, da sie spontan unter Jubel der Zuschauer die Lücke auf dem Rasen mit Sand aufschütteten – frisch aus dem Sandbecken vor dem D-Block, einem Überbleibsel aus der Zeit, als der Ludwigspark noch frisch erstrahlte und die Stadionarchitekten der Leichtathletik eine ähnliche Anziehungskraft wie dem Fußball zuschrieben.

Was wieder zur Regionalliga führt, deren Anziehungskraft wohl mehr mit der einiger Disziplinen der Leichtathletik gemein hat, als mit der Attraktivität der Bundesliga. Und auch wenn es keine bessere Metapher auf den Verfall des Ludwigsparks gibt als ein Loch im Rasen während des Spiels – in einem glatten, auf Perfektion getrimmten, nach überwiegend wirtschaftlicher Logik funktionierenden Betrieb wie der Bundesliga sind solche Geschichten fast unmöglich geworden. Dafür gibt es dort auch 1:0-Siege. Wie Sand am Meer.

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