Warum DSDS und DFB-Pokal (fast) der gleiche Wettbewerb sind

Foto: Jarlhelm (Lizenz: CC BY-SA 3.0)

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Es ist DFB-Pokalwochenende. Während der Ball in den unteren Ligen rollt und die Bundesliga ihre Schatten vorauswirft, kommt es zum Familientreffen der Kleinen und Großen im K.O.-Modus. Wer seinen Samstag und Sonntag gerne im Freien verbringen wollte, kann urplötzlich nicht mehr der magischen Anziehungskraft des tagesfüllenden Fußballs widerstehen und findet sich vor der Glotze wieder. Der DFB-Pokal ist eben das „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) unter den Fußball-Wettbewerben. Weil beide Wettbewerbe in der gleichen Logik funktionieren.

Der Modus

Es gibt mehrere Runden und in jeder erwischt es mehrere Teilnehmer, bis es zum großen Finale kommt. Zu Beginn des Wettbewerbs wird regional breit gestreut und es tauchen obskure Städtenamen wie Osnabrück, Meppen, oder Halle (Saale) wieder im Wettbewerb auf, die sonst meist unter dem Radar der Relevanz fliegen.

Die erste Runde

Die wichtigste Runde im Wettbewerb ist gleich zu Beginn. Die breite regionale Streuung des Wettbewerbs vermischt obskuren Lokalpatriotismus in kleineren Regionen mit der latenten Hoffnung, irgendwas Kurioses zu Gesicht zu bekommen. Beim DFB-Pokal ist das der Fünftligist mit Stadion aus den 1970ern, bei dem noch der Opa des Mittelstürmers am Eingang die Karten abreißt. Bei DSDS reicht da der 17-jährige Kandidat im Stimmbruch, der von seinen Eltern und Freunden immer erzählt bekam, dass er doch „ganz toll singe“. Nur seine Neuinterpretation von „Boom, Boom, Boom, Boom“ der Vengaboys trifft nicht ganz den Geschmack der Juroren. Es braucht den SSV Reutlingen und den SV Meppen für den DFB-Pokal, wie es Daniel Küblböck und Menderes Bağcı für DSDS braucht.

Die Underdog-Geschichte

Beim DFB-Pokal kommt meist der weiter, der in der höheren Liga spielt. Bei DSDS der- oder diejenige, die höher singt. Interessant sind aber diejenige, von denen keiner das Weiterkommen erwartet. Der ehemalige Bundesligist, der in Liga fünf ein Schattendasein fristet und urplötzlich den favorisierten Gegner herauskickt. Oder den ehemaligen Häftling, der nach obligatorischer schwerer Kindheit und falschen Freunden seine goldenen Stimmbänder offenbart. Der Wettbewerb braucht die Überraschungen von unten, sonst funktioniert er nicht. Manchmal können ein schlecht gelaunter Schiedsrichter oder ein von der Bewerberflut angepisster Dieter Bohlen entscheidender sein als tatsächliches Talent.

Der Recall/Die nächste Runde

Ab dem Recall, also der nächsten Runde wird das Zuschauerinteresse seitens der neutralen Zuschauer abgeschwächt. Man interessiert sich schon noch für die Unterhaltung, allerdings geht das erste Aussortieren der Kuriositäten (der Favorit, der auf einem Acker in der Provinz stolpert; der Heavy-Metal-Anhänger, der mit Kopfstimme singt) auch mit einem Qualitätsverlust einher: Der Wettbewerb wird ernster, die Leistungsdichte enger. Jetzt sucht sich der Zuschauer den eigenen Liebling heraus, der bis zum Ausscheiden aus dem Wettbewerb unterstützt wird.

Das Ende

Am Ende gewinnt meist der Favorit, nicht der Underdog, in einem Finale, dessen eher mittelprächtiger Spannungsbogen von den meisten Zuschauern im Folgejahr bereits wieder vergessen wurde. Der Trost: Immerhin folgt irgendwann die neue erste Runde.

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