Le Red Star, c’est seulement à Bauer.

oldmanSeit einigen Spieltagen steht der Meister der „National“, der dritthöchsten französischen Spielklasse im Herrenfußball, fest. Der Red Star FC, beheimatet im nördlichen Pariser Vorort Saint-Ouen, überschreitet die Grenze vom Amateurfußball zurück in Richtung Profitum, so wie der Red-Star-Fan bislang Stadtgrenze Périphérique überschritten hat, um im Stade Bauer den Fußball zu genießen, den es beim Erstligisten Paris Saint-Germain nie gegeben hat. Mit dem Aufstieg in die Ligue 2 zahlen die Fans nun aber den Preis, genau diese enge Verbindung aus großer Tradition und Nähe zum Verein zu verlieren.

pyrobauerLetzter Spieltag gegen Amiens. Sportlich hatte die Begegnung aus Sicht des Red Star FC nur nachgeordneten Wert. Die Meisterschaft erlangt, sollte die Mannschaft noch einmal ihre spielerische Klasse gegen die Gäste aus der Picardie aufbieten. Für die Fanszene standen zwei Abschiede im Vordergrund. Der von Samuel Allegro, dem 37-jährigen Kapitän der Hausherren, der mit dem Gewinn der Meisterschaft die Fußballschuhe an den Nagel hängt. Und der vom Stade Bauer. Ein schleichender, ein würdiger und doch vor allem ein wütender Abschied.

Auf dem Platz zeigte Red Star die schwankende Leistung, die zu Beginn der Saison Zweifel aufkommen ließ, ob der Aufstieg überhaupt machbar sei. Nach einer schwachen Anfangsphase markierte Amiens die Führung, doch die in weiß spielenden Gastgeber drehten das Spiel noch in der ersten Halbzeit. Ab der 3:1-Führung nach dem Pausenwechsel schaltete man, schon halb in Feierlaune, zwei Gänge runter und kassierte noch den Ausgleich.

DSCN3423Die Fans auf den Rängen ließen sich nicht aus der Stimmung bringen. Das für 2999 Zuschauer zugelassene Stade Bauer war ausverkauft, auf den Rängen tummelten sich Anhänger aller Couleur – ob Punker, linke Studenten, Rentner, Jugendliche aus der Banlieue oder deutsche Stadiontouristen. Mit viel Pyrotechnik und großartiger Stimmung zollten die Ultras des Vereins der seit 1909 existenten Spielstätte ihren Respekt – wohlwissend, dass mit dem Aufstieg Fakten geschaffen werden, die letztlich all das Drängen auf eine Modernisierung des Stade Bauer nutzlos machen.

Es gibt mehrere Initiativen, die von der Stadt und vom Verein ein Bekenntnis zum Spielort fordern. „Le Red Star, c’est seulement à Bauer“, will auch heißen: Hier ist unser Viertel, unsere Kneipen, unsere Geschichte. Für diese Fußballromantik gibt es weder in der Vereinsführung, noch in der Arbeiterstadt ausgeprägte Sympathien. Seit Jahren wollen die Klubdirektoren einen Neubau in den Docks – der einzige Weg, geographisch doch in Saint-Ouen zu bleiben, wenngleich die Gegend von den Fans als tot empfunden wird. Als Ausweichspielstätte muss das überdimensionierte Nationalstadion Stade de France in Saint-Denis wohl herhalten – im Gegensatz zum Stade Bauer ein modernes Sportstadion, das die Kriterien der Liga erfüllt. Die Stadt spielt hingegen auf Zeit und selbst mit dem Aufstieg, so vermuten viele Zuschauer, setzen die Stadtherren insgeheim auf einen baldigen Wiederabstieg.

DSCN3448Offenkundig wurde dieser Graben zwischen Vereinsführung und Fans nach Abpfiff. Als die ersten Ultras schon auf dem Zaun hockten, um gleich mit der Mannschaft zu feiern, wartete diese erst mit Medien- und Verbandsvertretern auf den langsamen Aufbau der Trophäenübergabe. Als mehrere Jugendspieler und Kinder den Platz stürmten, machten Ordner auf diese Jagd. Eine gespenstische Atmosphäre, weit von der Gelöstheit und geteilten Freude einer Aufstiegsfeier entfernt. Als ob der Titel gewonnen sei, nun aber geklärt werden müsse, wer eigentlich dafür verantwortlich sei. In letzter Konsequenz natürlich die Spieler. Von diesen kam letztlich nur Kapitän Samuel Allegro zu den Ultras und teilte für einen Moment Tränen der Freude und des Abschieds. Es blieb der einzige Berührungspunkt zwischen Verein und Fans an diesem Abend.

Nach den unfestlichen Feierlichkeiten drängten Offizielle und Sponsoren in Richtung des überschaubaren VIP-Raums unter der Tribüne. Innerhalb weniger Minuten waren die Champagner-Flaschen geleert, einige ließen sich zusammen mit Werbeplakaten in ablichten. Für sie dürfte ein Abschied aus dem Stade Bauer mit wenig Trennungsschmerz verbunden sein. Die Zukunft liegt für sie nicht in der Teilruine, die weder über Videoüberwachung, getrennte Zufahrtswege für Heim- und Gästefans, geschweige denn Business-Logen oder moderne Presseplätze verfügt.

IMG_0023Auf der gegenüberliegenden Seite der Rue du Docteur Bauer liegt das Olympic. In der Bar erinnern vergilbte Mannschaftsfotos früherer Jahre an die Geschichte von Red Star, Aufkleber von Fangruppen bilden das Gästebuch. Das Bier und der Pastis floss dort nach Abpfiff in Strömen. Wer beim Spiel in der Kurve stand, weilte nun in oder vor der Kneipe und tauschte sich mit Bekannten und Freunden aus. Drinnen bereiteten sich eine Ska-Punk-Band auf ein Solidaritäts-Konzert für die Ultras vor. Die Einnahmen flossen in die Choreo-Kasse. Irgendwann um Mitternacht gingen die Rolläden runter. Ein lautes „Le Red Star, c’est seulement à Bauer“.

Ob in der kommenden der Red Star FC nun im Stade de France in Saint-Denis oder im Rugbystadion Jean-Bouin neben dem Prinzenpark spielen wird: Klar ist, dass es diesen Red Star mit diesen Fans und dieser Atmosphäre nur im Stade Bauer geben wird. Und deshalb wohl vermutlich nie wieder in dieser Form.

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