Braucht der Fußball Typen?

Mario Basler (Foto: Andreas Schlichter)

Mario Basler (Foto: Andreas Schlichter)

Udo Lattek ist gestorben, Wolfram Wuttke auch. Zwei Namen, die allen Fußballfans ab einem gewissen Alter etwas sagen und deren Tod nicht wenigen die Tränen in die Augen getrieben hat. Nicht nur, weil etwa bei Wuttke der Abgang von der großen Bühne des Lebens viel zu früh gekommen ist. Sondern auch, weil im Jahre 2015 der Fußball mitunter so geglättet und künstlich erscheint. Anders die Zeiten, in denen die Lippens, die Maiers, die Netzers, später auch noch die Baslers und Effenbergs die Liga beherrschten. Heute tauchen sie oft nur noch als TV-Experten in Sendungen wie dem „Doppelpass“ auf und sind Randfiguren des Spiels geworden. Fehlen der Bundesliga die Typen? Oder gibt es sie noch irgendwo?

Anders in allen Belangen

Die Suche muss mit der Frage starten, was denn überhaupt den „Typ“ ausmacht. „Es gibt kaum noch Spieler mit Ecken und Kanten, die geradeaus ihre Meinung sagen“, beklagte Mario Basler vor einigen Jahren. Der Typ definiert den Typen, bleibt dabei unspezifisch, liegt aber im Endeffekt gar nicht mal so falsch. Denn schon zu seiner Glanzzeit war der Typ in der Bundesliga nicht an der Tagesordnung, sondern eher die Ausnahmeerscheinung, denn das ist das konstituierende Merkmal des Typen. Ein Spieler, der zwar Teil des Kollektivs ist, aber immer mal wieder ausbricht, um eine andere Rolle zu übernehmen, sei es die des eigentlich besseren Trainers, des Lautsprechers, des Leitwolfs oder des Pausenclowns, ob auf oder neben dem Platz: Der Moment, in dem Sepp Maier aus Langeweile eine Ente auf dem Platz jagte. Lothar Matthäus Eskapaden und sein Tagebuch. Wolfram Wuttkes permanente Gewichtsschwankungen. Manche Spieler zelebrierten ihren Sonderstatus nur auf dem Platz und manchmal mit schmissigen Interviews, andere beschäftigten die Medien auch mit dem Komplettprogramm nebenher: alkoholreiche Nächste, Talkshowauftritte, Home-Storys.

Genie und Wahnsinn

Eines durfte der Typ nie: Auf dem Platz zu schlechte Leistungen abliefern. Die besondere Genialität des Typen tröstete so manchen Trainer, sofern nicht Disziplinfanatiker, über manche einkalkulierbare Ausfälle hinweg. Baslers Freistößen und Ecken, Wuttkes Dribblings, Oliver Kahns Paraden – die Typen waren nicht nur die Attraktion einer ganzen Liga, sondern auch in Bestform die Punktgaranten ihrer Mannschaften. Indem sie sich unverzichtbar machten, behielten sie ihre Freiheiten. Man verzieh ihnen Fehltritte schneller als anderen, auch weil die Typen bei den Fans eine große Lobby hatten.

Als Wendepunkt im Prinzip des Typen kann vielleicht der Oktober 1999 angesehen werden, als Basler und der spätere FCS-Torhüter Sven Scheuer, damals beide in Diensten des FC Bayern München, nach einer Schlägerei in einer Pizzeria suspendiert wurden und gehen musste. Wenige Monate zuvor hatte Basler noch im Champions-League-Finale getroffen, war eine der Stützen der Hitzfeld-Elf – doch die Vereinsführung zog die Bremse. Es war auch das Zeichen, dass eine neue Zeit angebrochen war. Der Typ, der mit seinem eigenen Kopf den sportlichen Erfolg oder das öffentliche Ansehen des Vereins gefährdet, hat seinen Status verloren.

Der Druck des Erfolgs

Nachdem der deutsche Fußball die Kirchkrise überstanden hat, steigen die Summen an TV-Geldern jährlich. Erfolg soll planbar sein – dazu gehört auch, dass gewisse Freiheiten nicht mehr existieren. Die Geldstrafen für Fehlverhalten von Spielern sind gestiegen, ebenso der Wettbewerb unter den Medien, die über solche Fehltritte berichten. Der Typ hat keinen Platz mehr, weil sein Verhalten auch Unsicherheit mit sich bringt. Dass auch der Diskurs über Eskapaden abseits des Platzes gewandelt hat, zeigte jüngst Marco Reus. Sein Fahren ohne Führerschein hätte vermutlich in einem anderen Jahrzehnt für eher indifferente bis schmunzelnde Reaktionen gesorgt. 2015 entbrannte eine Debatte über die Vorbildfunktion der Spieler.

Diese haben sich dem wirtschaftlichen Druck angepasst. Wo früher Spieler abseits des Platzes authentischer wirkten, weil es ihnen egal war oder sie es auf die Rolle des Clowns reduzierten, stehen heute Spielerberater und Manager ihren Schützlingen zur Seite, um ein positives Bild ihres Schützlings zu befördern. Schließlich geht es auf individueller Ebene auch wieder um Werbeverträge.

Andere Idole und ein paar Verrückte

Die Typen haben sich womöglich selbst überlebt. Das Ideal der jüngeren, also herankommenden Fußballgeneration, besteht weniger aus dem Lautsprecher mit Hang zu langen Disconächten oder zotigen Anekdoten. Die Stars sind talentierte Spieler, die sich auf einem sportlich und technisch höherem Niveau als ihre Vorgänger befinden und zudem auf ihre Marke achten. Natürlich gibt es noch den Bedarf an Spielern, die aus der Reihe tanzen, aber er ist deutlich abgemildert und auch Ausdruck des Bedeutungswandels des Fußballs, der vom oft schmuddeligen Wochenendhobby zum Gemeinschaftsereignis für Familien, Freunde und Firmen geworden ist.

Ein paar Verrückte und Spaßmacher, aber ihre Freiheiten bewegen sich – zumindest während der aktiven Karriere – in engeren Schranken. Eben das, was sich auch problemlos verkaufen oder machen lässt, ohne das Ansehen des Vereins oder das sportliche Abschneiden zu gefährden. Anders ausgedrückt: Solange es noch keine Gelbe Karte für Masken auf dem Spielfeld gibt, werden wir die noch ein paar Male sehen. Aber den Typen wie Wuttke oder Matthäus nicht mehr. Und das muss nicht unbedingt heißen, dass der Fußball dadurch schlechter wurde.

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