Warum das Premier-League-Modell in Deutschland Unsinn ist

Die Premier League - alle wollen sein wie sie.

Die Premier League – alle wollen sein wie sie.

Der Futterneid hat wieder zugeschlagen. Auslöser war die Meldung, dass die englische Premier League zwischen 2016 und 2019 6,9 Milliarden Euro verdienen wird, also deutlich mehr als zwei Milliarden pro Spielzeit  – eine Summe, von der aktuell die deutsche Bundesliga nur träumen kann. Eine Bundesligasaison (mit der Zweitligasaison obendrauf) ist den deutschen Rechteinhabern nur 600 Millionen Euro wert. Zu wenig, wenn es nach einigen Vorständen der Bundesligisten geht. Auch das Handelsblatt schlug sich auf die Seite derer, die mehr für ihre Darbietungen wollen und orakelteWer so viel TV-Geld kassieren kann, hat natürlich mehr Möglichkeiten, in erstklassige Spieler zu investieren. Kein Wunder also, dass in der Premier League die höchsten Gehälter gezahlt werden – und das nicht nur von den Spitzenklubs. Selbst Vereine im hinteren Tabellendrittel kassieren mehr Geld für TV-Rechte als hierzulande die Bayern. Droht also ein Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit?“

Auch der Medienkolumnist des Blattes, Hans-Peter Siebenhaar, ist der Meinung, dass die Bundesliga mehr Geld braucht und dass mit einigen Dogmen zu brechen sei, um mehr Geld zu erwirtschaften: „DFL-Chef Seifert kennt die Mechanik des TV-Rechtegeschäfts wie kein Zweiter. Sein größtes Problem sind noch die Klubs mit ihrer geringen strategischen Weitsicht. Sie haben aus Rücksicht auf Sponsoren und Fans bei der vergangenen Rechtevergabe verhindert, dass der ARD-„Sportschau“ der Garaus gemacht wurde. Eine teure Entscheidung.

Der Untergang der deutschen Dominanz im beliebtesten Sport der Welt droht also, sollte die Bundesliga ihre Stars weiter verramschen und nicht als das teure Filetstück servieren, dass es mittlerweile ist. So liest sich jedenfalls die Position der Wirtschaftsliberalen, die jedoch sowohl einige Realitäten des deutschen, als auch des englischen und internationalen Marktes ausblendet.

Der deutsche TV-Markt

Die erste Realität, die in solchen Diskussionen ausgeblendet wird, ist die der deutschen TV-Landschaft. Gewachsene Strukturen lassen sich nicht durch den schlichten Willen eines Marktteilnehmers nach mehr Geld ändern – es bedarf auch der Betrachtung der anderen Marktteilnehmer. Der deutsche Zuschauer findet aufgrund der öffentlich-rechtlichen Programme und der privaten Free-TV-Sender ein Angebot vor, das im Gegensatz zu Ländern wie England oder Frankreich qualitativ hochwertig ist und eben im Zweifel die Kalkulation zulässt: Ich brauch dafür doch nicht noch extra Geld ausgeben. Ein Streichen der freien Angebote würde gewiss eine Kundenwelle für Sky mit sich bringen. Allerdings ist der Gedanke naiv, dass die Öffentlich-Rechtlichen dies zum Anlass nehmen würden, den Rundfunkbeitrag zu senken – hier sind eingefahrene Strukturen, die auf den eigenen Erhalt umschalten würden, auch mit weniger Fußball im Portfolio.

Noch naiver ist allerdings die Annahme, dass Fußball alleine ausreicht, um ein erfolgreiches Bezahlfernsehen zu betreiben. Dass Sky schon als Premiere in Deutschland keine bis wenige Gewinne verbuchen konnte, liegt auch an der Angebotsseite. Wenn Fußballfans für die Bundesliga und den DFB-Pokal unterschiedliche Pakete buchen müssen, ist das ärgerlich. Auch ist in Zeiten erfolgreicher Streaming-Portale und Serien noch wenig Bemühung auf Seiten deutscher Pay-TV-Anbieter zu sehen, flexiblere Preise zu gestalten, die der angebotenen Qualität auch entsprechen.

Das Erfolgsargument

Oft wird der ausbleibende Erfolg auf sportlicher Ebene zu Rate gezogen, wenn die TV-Gelder-Diskussion ansteht. Ein Blick auf die Wettbewerbe lohnt: In der UEFA Champions League in 22 Spielzeiten nur drei deutsche Siege, dafür vier englische. Wenn man sich jetzt an die beiden knapp verlorenen Bayern-Endspiele 1999 und 2012 erinnert, könnte die Statistik also auch gut lauten: Fünf deutsche und zwei englische Siege. Nach Spanien, wo im Übrigen die Klubs ihre TV-Rechte in der Liga eigenverantwortlich vermarkten, gingen sieben Titel – natürlich an Barcelona und Real Madrid. In der UEFA Europa League sieht die Erfolgsstatistik englischer und deutscher Klubs übrigens eher mau aus, gemessen an den vermeintlich hohen finanziellen Möglichkeiten. Gemessen an der Logik, dass Geld Erfolg bedeutet, müsste England allen anderen enteilen.

Die Konkurrenzfähigkeit

England kauft „uns“ die Spieler weg. Wie etwa Roque Santa Cruz. 2007 wechselte der nie wirklich durchgestartete Bayernstar nach Blackburn (5 Mio. Euro), zwei Jahre später für kolpotierte 21 Mio. Euro zu Manchester City – wo er in 24 Spielen vier Tore erzielte. Im Vergleich: Roy Makaay kostete die Bayern 19,75 Mio. Euro, Marco Reus den BVB knapp 17 Mio. Euro – in der Bundesliga waren das jeweils Summen, die nicht einfach auf gut Glück für die betreffenden Spieler ausgegeben wurden, sondern denen lange, sinnvolle Überlegungen vorausgingen.

Eine Erhöhung der TV-Gelder eignet sich nicht, um der Bundesliga einen Markt zu qualitativ besseren Spielern zu öffnen. Zum einen sind die Bundesligavereine bereits meist exzellente Ausbildungsvereine, aus denen Stars und Weltmeister hervorgegangen sind. Heimische Talente ziehen mitnichten automatisch das wirtschaftlich bessere Angebot aus dem Ausland vor, wenn nicht die Chance zum sportlichen Aufstieg und Erfolg damit verbunden ist – kein Spieler will der nächste Marko Marin werden. Zum anderen haben die hohen Einnahmen in England vor allem mittelmäßig begabte Spieler teuer gemacht. Wer in der Bundesliga also englische Verhältnisse anstrebt, sollte künftig auch bereit sein, für Spieler wie Erik Durm oder Kevin Großkreutz 15 Mio. Euro zu bezahlen.

Potenzial nicht verschenken

Die Liga will gerne mehr, blendet aber bereits vorhandene Realitäten und mögliche Konsequenzen aus. Dabei boomt der Fußball in Deutschland tatsächlich, aber eben auch deshalb, weil die Ligen spannend sind, wie sie sind und weil eben noch der Fan zu vernünftigen Preisen auf Stehplätzen das Spiel sehen kann, an einem Samstagnachmittag. Wenn die Liga über die Auslandsvermarktung mehr Geld einnehmen will, sollte sie sich darüber im Klaren sein, wo sie Teile des Markenkerns unnötig opfert und wo nicht. Zudem sollte sie gerade im eigenen Land dringend an neuen Angeboten arbeiten. Die Nachfrage nach Fußball ist hoch wie nie und die Bereitschaft, für gute Inhalte zu zahlen, ebenso. Dieses Potenzial ist noch lange nicht ausgereizt, gerade in den unteren Ligen.

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5 Antworten zu Warum das Premier-League-Modell in Deutschland Unsinn ist

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  3. benfries schreibt:

    Toller Beitrag. Als im fernen Ausland lebender finde ich das das Kernproblem des deutschen Fussball nicht die Anstosszeiten, sondern die Verfuegbarkeit ist. Ich wuerde mir ja gerne Zeitverzoegert eine lokale Variante der Sportschau oder live Spiele anzusehen aber selbst wenn ich zahlen moechte ist das mangels Vefuegbarkeit nicht moeglich.

    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass man die Umwaelzung vom TV ins Internet verschlaeft, statt die Chance zu nutzen ohne die Huerde der existierenden regionalen Exklusivrechte ein Angebot aufzubauen.

    Man stelle sich einfach mal ein kostenpflichtiges Angebot ala NHL oder NFL in der USA seitens der DFL vor das Weltweit verfuegbar ist und sowohl eine Zusammenfassung als auch gesamte Spiele mit ein wegen meiner 1-2 Tagen verzoegerung anbietet. Dazu dann historische bericht Erstattung und man hat ein relativ guestiges Angebot das den Lizensnehmern nicht weh tut, extra Geld in die Kassen spuelt und fuer Interesierte oder neue Fans einen einfachen Einstieg bietet.

    Die Zerhackstueckelung des Spieltags hilft doch nur den Pay-TV Sendern aber nicht dem Wachstum des Interesse an der Liga.

  4. Carsten schreibt:

    Ein guter Punkt. In den USA wird vieles richtig gemacht, bei dem in Deutschland Skepsis die Innovation verhindert.

  5. blablabla schreibt:

    Das Problem liegt denke ich auch einfach an den Mannschaften und den Spielen selbst. Leverkusen gegen Wolfsburg ein absolutes Topspiel der Bundesliga…und auch wirklich spektakulär…reizt, wegen der wirklich uninteressanten Vereine, einfach nicht.

    Vergleicht man dies mal mit England sind die Spiele dort meilenweit interessanter, was einfach schon an den Vereinen liegt und der Geschichte hinter diesen. In der Bundesliga hat man dagegen Vereine wie Wolfsburg, Hoffenheim, Hannover, Paderborn und und und…

    Hinzukommt die Anzahl der „Derbys“ in der Premier League. Allein mit den etlichen Londonern Vereinen könnte man gefühlt jede Woche ein Derby ansetzen, welches fasziniert.
    Bsp: Arsenal-Tottenham
    Chelsea-Arsenal
    Chelsea-Tottenham
    Tottenham- West Ham
    Crystal Palace – West Ham
    Und das sind nur einige mögliche Kombinationen. Mit Hin- und Rückspiel hat man hier nahezu jeden Spieltag mindestens 1 Spiel welches wirklich fesselt.
    Hinzukommen dann nochmal die Vereine in Liverpool und Manchester. Welche jeweils Stadtintern und gegeneinander jeweils ein Derbyähnliches Spiel zelebrieren.
    Holt man allein schon die „großen Vereine“ Manchester City, Liverpool, Manchester United, Chelsea und Arsenal hat man 5 Vereine welche untereinander Topspiele liefern.
    Rechnet man dann noch Tottenham und Everton hinzu hat man einfach eine Menge an hochklassigen und spannenden Spielen, welche die Bundesliga einfach schon aufgrund der etlichen langweiligen Vereinen niemals erreichen kann.

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