Über Strafe und Erziehung

Pyrotechnik im Ludwigspark - hier beim DFB-Pokal gegen Dortmund, Dezember 2013

Pyrotechnik im Ludwigspark – hier beim DFB-Pokal gegen Dortmund, Dezember 2013

Die Fans des 1. FC Saarbrücken haben agiert, der Verband reagiert. Laut einem Bericht der BILD Saarland hat das Sportgericht der Regionalliga Südwest den Verein zu einer Geldstrafe von 15.000 Euro verurteilt. Ausschlaggebend seien die Spiele in Walldorf, Trier und Nöttingen, sowie die Heimspiele gegen Worms und Homburg gewesen. Außerdem verurteilte das Sportgericht den FCS zum einem Teilausschluss der Zuschauer, setzte diese Strafe allerdings für die kommenden sechs Monate zur Bewährung aus. Sprich: Die nächste Maßnahme des Sportgerichts bei Fehlverhalten der Fans wird eine Sperrung der Blöcke D1, D2, E1, E2, und E3 für mindestens ein Meisterschaftsspiel erfolgen.

Dass es für den 1. FC Saarbrücken eine Strafe aufgrund von Pyrotechnik gibt, ist nichts neues. In der vergangenen Saison lag der Verein mit 34.000 Euro auf dem Spitzenplatz der Strafzahlungen der 3. Liga, noch vor Vereinen wie Münster oder Rostock. Am teuersten schlug das Feuerwerk im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund zu Buche – allein 25.000 Euro Strafe verhängte der Deutsche Fußball-Bund. Als Wiederholungstäter und notorischer Zündler dreht nun die Regionalliga Südwest die Schraube für den FCS etwas enger, was sich im Teilausschluss zur Bewährung zeigt. Doch ist eine solche Strafe überhaupt sinnvoll?

Der freie Raum

Der aktuelle Zuschauerschnitt des FCS beträgt 4.874, damit liegt man auf dem zweiten Platz der Liga, hinter den Kickers aus Offenbach. Bei einer Gesamtkapazität des Ludwigsparks von knapp 30.000 Plätzen, dürfte eine Sperrung der genannten Blöcke Fans und Pyrofreunden ein müdes Lächeln ins Gesicht zaubern. Da das Auswärtsspiel in Elversberg zum Auftakt des Fußballjahres 2015 ansteht und danach die Heimspiele gegen Baunatal und Nöttingen anstehen, könnten zynische Zungen behaupten: Alle Seiten könnten es darauf ankommen lassen.

Konflikte im Block, Konflikte anderswo

Elversberg lässt indes weitere Erinnerungen wach werden: Vor einem Jahr kam es zu Rangeleien im Gästeblock, nachdem einige FCS-Anhänger mit rassistischen Pöbeleien und dem Werfen von Gegenständen Richtung Spielfeld aufgefallen waren. Als Mitglieder der Virage Est sich gegen die Störer erhoben, gab es zunächst Lob von Heimseite und unter Journalisten war man sich einig, dies als „Selbstreinigung des Blocks“ oder „Zivilcourage“ zu verbuchen. Die Polizei in Neunkirchen sah das freilich anders, es wurden Stadionverbote vor allem gegen die Virage-Est-Mitglieder ausgesprochen – die meisten eigentlichen Störer gingen leer aus. Die SV Elversberg übernahm eine passive Rolle. Viele Beobachter wollten in dieser Aktion vor allem eines sehen: Eine Racheaktion der Polizisten an den Ultras, die jahrelang vom „Saarbrücker Modell“ profitierten, das aus einer Zusammenarbeit von Fanprojekt, Peter Becker (damals Leiter der Polizeiinspektion St. Johann) und den Ultras selbst bestand. Einer von Beckers internen Konkurrenten soll Thomas Dräger-Pitz, Leiter der PI Neunkirchen und damit zuständig für Spiele in Elversberg, gewesen sein.

Seit Ende des Jahres ist Peter Becker frischer Sicherheitsbeauftragter des 1. FC Saarbrücken und Nachfolger des in Ultra-kreisen wenig beliebten Charly Mai – ein Schritt, der nicht allen innerhalb der Polizei und der Politik gefallen haben wird. Becker steht vor der schwierigen Aufgabe, nun Mittler zwischen Fans und Polizei, Fans und Verein, sowie zwischen Verein und Polizei sein zu müssen. Er wird dadurch automatisch von Zeit zu Zeit auch zum Übermittler schlechter Nachrichten. Das müssen die Fans akzeptieren, da auf lange Sicht der Wechsel eher zu ihren Gunsten ausfallen wird, auch dank der jüngsten Entwicklungen in Sachen Fanarbeit.

Auf der Suche nach dem verlorenen Image

Sebastian Pini (Foto: Andreas Schlichter)

Sebastian Pini (Foto: Andreas Schlichter)

Die ist auch verbunden mit dem neuen Vizepräsident Sebastian Pini, der seit Anbruch des neuen Jahres wie kein zweiter Funktionär in der Presse auftaucht und offensichtlich versteht, die Journalisten mit interessanten Infos zu Füttern. Er will sich als Mann positionieren, der dem Verein ein neues Image gibt. Nicht unerheblich dabei ist auch die gestiegene Reaktionszeit bei aktuellen Anlässen. So bezog der Verein immerhin zwei Tage nach den Anschlägen auf das französische Magazin Charlie Hebdo Stellung (auch wenn ich mir persönlich ein stärkeres Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, denn den Bezug zur Integrationsdebatte gewünscht hätte).

Pinis Auftrag der Imagebildung mündete heute in die Fanerziehung, als er in der BILD Saarland zitiert wurde, die Möglichkeit auf Regress-Ansprüche in Sachen Geldstrafen nach Pyrotechnik zu prüfen. Auf der anderen Seite, der der Saarbrücker Zeitung, wird er mit seiner Vision zitiert, einen „geschlossenen Fanblock“ im Ludwigspark zu haben. Ein Wunsch, der mit einer Teilsperrung des Ludwigsparks zwangsläufig in Erscheinung treten könnte – auch wenn das eher dazu geeignet wäre, den Strafenkatalog der Regionalliga Südwest der Absurdität zu überführen und vermutlich alteingesessene Zuschauer im A- und F-Block nerven würde.

Es geht nicht von heute auf morgen

Pini wird verstehen lernen müssen, dass sein Wirken bis jetzt objektiv kein schlechter Anfang ist, aber dass in einigen Wochen auch nicht Jahrzehnte der Versäumnisse aufgeholt werden können und das dazu mehr nötig ist als Botschaften in der Presse. Die Fan- und Förderabteilung von Florian Kern kann dazu nur der Anfang sein. Die Fans, insbesondere die Ultras, müssen ihrerseits dazu bereit sein, weder der Polizei, noch dem DFB oder gar dem Verein Anlass zu geben, aufgrund von einzelnen Vorkommnissen jeden mühsam erkämpften Fortschritt wieder zurückzunehmen. Es ist ein Rennen gegen Windmühlen, bei dem Fehler von Ultras weit schneller und größer bestraft werden, als jegliches Fehlverhalten anderer Seiten (man denke zurück an Rostock 2005). Das ist traurig, wird sich aber nur langsam ändern lassen.

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