Adventskalender: 5. Dezember – Fanleiden

Ein leidgeprüfter FCS-Fan

Ein leidgeprüfter FCS-Fan

Im Adventskalender darf eines nicht fehlen: Unveröffentlichte Texte. Diesen hier hatte ich vor etwas über einem Jahr geschrieben, als so ziemlich jeder FCS-Fan andauernd nach Karten für das Dortmund-Spiel gefragt wurde. Und vermutlich hat das nicht nur bei mir dafür gesorgt, dass ich mich gleichermaßen genervt und geschmeichelt fühlen durfte Das fünfte Türchen.

„Weißt Du, wann es Karten für das Spiel gegen Dortmund gibt?“
„Kannst Du mir Pokalkarten besorgen?“
„Du kannst mir da doch sicher helfen!“

Nicht wenige Bekannte von mir und ich mussten einen der drei obigen Sätze bereits hören. Dann war da noch ein Freund von mir. Einer, den Fußball überhaupt nicht kratzt. Was ich mitunter nachvollziehen kann. Er fragte mich, ob es in dieser Saison ein wichtiges Spiel für den 1. FC Saarbrücken gebe, bei dem es sich lohne, mal ins Stadion zu gehen. Um zu beobachten. Auch, um mich in dieser für ihn unbekannten Umgebung agieren zu sehen. Ich verwies auf das Achterfinale im DFB-Pokal, 1. FC Saarbrücken gegen Borussia Dortmund. Um sogleich zu verneinen. Nein, sagte ich, an diesem Tag würde ich wahrscheinlich eine genau so große Aversion gegen Fußball empfinden wie er. „Ich wusste nicht, dass Fußball so komplex ist“, war sein nicht einmal spöttisch gemeinter Kommentar.

Ich habe später darüber nachgedacht, woran es liegt, dass so viele Saarbrücker Fans seit dem Pokallos so gereizt reagieren auf sämtliche Anbahnungen sonst am FCS desinteressierter Menschen. Würde ich die Perspektive wechseln, müsste ich sagen: Ist doch eigentlich bescheuert. Es ist nicht Dein Verein, sondern der von vielen anderen Menschen. Auch Leute, die Du vielleicht zum Kotzen findest. Aber es ist nun mal so.

Ja, aber.

Das berühmte „Ja, aber“ gilt hier den Leuten, die auf einmal kommen. Denen Du das ganze Jahr über suspekt erscheinst, wenn Du von der Tour letztes Wochenende nach Dortmund erzählst. „Wie, Dortmund? So hoch spielt der FCS?“, kommt als Frage. Nein, es war natürlich die Zweite Mannschaft. Klar würde auch ich gerne einen 1. FC Saarbrücken sehen, der wöchentlich in der Bundesliga aufschlägt. Aber es gibt ihn nicht. In der Logik vieler Bekannter, die quasi über Nacht zu Fans des FC Bayern München oder Borussia Dortmund wurden, kommen Menschen eben nicht vor, die auf die Frage „Welcher Mannschaft in der Bundesliga drückst Du denn die Daumen?“ nur sagen können:

Keiner. Weil meine Mannschaft in der 3. Liga spielt.

Es entsteht ein Rechtfertigungsdruck, der in den Wochen nach dem Pokallos verstärkt wird. Ja was ist denn nun? Du willst doch viele Fans? Also hopp, stell Dich nicht so an! Besorg uns Karten, ertrage 90 Minuten lang unsere spöttische Kommentare über Dein mehr als unmodernes Stadion. Ertrage unseren Spott, lass Dich von uns nur ein wenig auf den Arm nehmen. Ist ja nicht so gemeint.

Nein, wieso? Muss ich das denn?

Mit dem Wunsch des Erfolgs ist so mancher Ausverkauf der Werte meines Vereins von Leuten in Kauf genommen worden, die bei der nächstbesten Gelegenheit für sich in Anspruch nehmen werden, die „Retter des Vereins“ zu sein. Das ist schon genug. Das ist am Rande des Ertragbaren. Aber dann muss ich als einfacher Fan nicht noch andere Leute hofieren, die nicht Fan meines Vereins ist. Fantum ist für mich das Akzeptieren eines Spiels, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Und wenn mein Verein zu den chronischen Verlierern gehört, ist es Teil des Spiels, das zu akzeptieren. Und deswegen sind für mich Leute, die immer zu den Gewinnern gehören wollen, nicht Teil des Spiels. So wie ich in ihrer Logik schwer bestehen kann, wenn ich nicht wenigstens einen Zweit- oder Drittverein in höheren Klassen habe, so haben Sie in meiner Logik keinen Platz.

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