Auswärtsspiel: RC Lens – Paris Saint-Germain

DSCN1665Freitagabend, zehnter Spieltag der Ligue 1, kurz nach 20:30 Uhr. Eine Gruppe von drei Deutschen steht vor den Toren des Südeingangs des Stade de France, zusammen mit vielen Anhängern des Racing Club de Lens. Drinnen liegt der Ball schon auf dem Anstoßpunkt, draußen drängeln sich gut 200 Menschen vor dem Eingang, bei dem es durchaus schnell gehen sollte. Das Problem: Hier tummeln sich immer noch Anhänger des Hauptstadtclubs Paris Saint-Germain, die ihre Fanschals abgeben müssen. Schließlich ist hier der Heimsektor der Lensois, in dem nur das Rot und Gelb der „Sang et or“ zugelassen ist.

Heimspiel in 200 Kilometern Entfernung

Die ungewöhnliche Situation hat ihre Gründe: Im nordfranzösischen Lens wird das Stade Bollaert-Delelis (Kapazität vor dem Umbau knapp 41.000 Plätze) gerade für die Europameisterschaft 2016 modernisiert. In der Zwischenzeit weicht der RC Lens aus – meistens nach Amiens ins Stade de la Licorne, das knapp 12.000 Zuschauer fasst. Etwas wenig für ein Spiel gegen den französischen Branchenprimus PSG, der seine Heimspiele im Parc des Princes vor 49.000 Zuschauer in der Liga austrägt. Also entscheiden sich die Verantwortlichen für etwas Kurioses: Das Spiel wird in das französische Nationalstadion in den Pariser Vorort Saint-Denis verlegt. Für die Fans der Heimmannschaft also ein Heimspiel in 200 Kilometer Entfernung (zwei bis zweieinhalb Stunden Autofahrt). Und für die Pariser Fans? Im schlimmsten Fall eine Anreise von einer Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Billig zu den Stars

DSCN1647Was natürlich dann auch viele Fans auf den Plan rief. Im Prinzenpark kostet ein Heimspiel der billigsten Kategorie in der Liga bereits 40 Euro – besonders attraktive Spiele kommen nur als Kombitickets für zwei bis fünf Spiele in den Onlineshop. Für das „Heimspiel“ der Lensois sollten die billigsten Tickets dann ab 18 Euro zu haben sein – allerdings nicht in den „neutralen“ Sektoren, welche auf der Webseite des Stade de France zu finden waren, sondern bei den Vereinen. Die Wahl fiel dann letztlich auf den Heimsektor, drei Karten für den Oberrang waren schnell erworben. Allerdings kamen auch die ein oder anderen Pariser auf die Idee, sich in dieser Ecke des Stadions niederzulassen – sehr zum Unmut der Heimfans und auch des Ordnungsdienstes.

Arbeiter gegen Neureich?

Wir kommen mit etwas Verspätung auf den Oberrang und lassen uns dort zwischen den Lensois nieder. In Frankreich (und in Deutschland seit dem Kinohit „Willkommen bei den Ch’tis'“) gilt der RC Lens als ehemaliger Bergwerksverein als der Arbeiterverein schlechthin – vielleicht vergleichbar mit den Vereinen des deutschen Ruhrpotts. Ein Spiel gegen den vom Katar finanziell aufgepumpten PSG ist also auch gleich das Duell zwischen dem armen und dem reichen Frankreich, zumindest aus medialer Sicht. Nach der Übernahme des Präsidentenamts durch Gervais Martel 1988 hat sich Lens modernisiert und drang bis in die Spitze der ersten Liga vor.

Ende der 2010er häuften sich die finanziellen, wie sportlichen Probleme und man fand sich vor dem Aus und in der zweiten Liga wieder. Auch Martel musste gehen. Heute gehört der Verein dem aserbaidschanischen Geschäftsmann Hafiz Mammadov, der Ex-Präsident Martel 2013 wieder in sein Amt beförderte und mit dem ehemaligen PSG-Trainer Antoine Kombouaré den Wiederaufstieg in die Ligue realisierte. Geblieben sind latente Konflikte mit der Liga und das sportlich schwierige Unterfangen, mit einem No-Name-Kader die Liga halten zu wollen.

Kombuaré gegen die alten Kollegen

DSCN1651Zunächst spiegelt sich das Kräfteverhältnis auch auf dem Platz so wieder. Der PSG, der zu ihrem Fast-Heimspiel ohne den verletzten Zlatan Ibrahimovic und ohne David Luiz angetreten sind, macht das Spiel und drängt in Richtung Gehäuse der Lensois. Kombauré, noch bis 2011 Trainer der Hauptstädter, will sich das zu eigen machen und lässt Konterfußball spielen. Nach einer Standardsituation der Pariser geht das Konzept auf und nach einer schnellen Umschaltaktion eilt Adamo Coulibaly auf dem linken Flügel allen davon und vollendet etwas glücklich zur unerwarteten Führung für den RC Lens (10.).

Laurent Blanc, Trainer des PSG, nimmt unzufrieden nach 20 Minuten Blaise Matuidi vom Platz und bringt Jean-Christophe Bahebeck. Das soll sich auszahlen, trotz vergebener Großchancen von Uruguay-Star Edinson Cavani. Nach einem Querpass von Maxwell schließt Yohan Cabaye in der 28. Minute mit einem Aufsetzer zum Ausgleich ab. Nur sechs Minuten später profitiert Maxwell dann selbst von einer halbherzigen Faustabwehr von Lens-Schlussmann Rudy Riou und lupft den Ball sehenswert in das leere Tor: 2:1 für die eigentlichen Hausherren.

Kartenfestival in der zweiten Halbzeit

DSCN1657Eingang in künftige Saisonrückblicke sollte dieses bis dato eher erwartbare Erstligaspiel dann zwischen der 50. und 60. Spielminute finden. Erst flog Cavania dramatisch an einer Flanke vorbei, leicht touchiert von Lensois Jean-Philippe Gbamin. Schiedsrichter Nicolas Rainville gab einen eher fragwürdigen Elfmeter und die zweite Gelbe Karte für Gbamin. Den anschließenden Strafstoß verwandelte der Uruguayer Cavani – und feierte diesen mit einer „Ich-schieß-Euch-ab!“-Geste in Richtung Fankurve RC Lens. Erneut ließ Rainville eine Gelbe Karte fliegen. Cavani hätte ob der berechtigten Verwarnung ruhig bleiben können, entschied aber zu protestieren und den Schiedsrichter am Arm zu ziehen. Rainville hatte an diesem Abend etwas Entschiedenes gegen Berührungen und verwies Cavani Sekunden nach der Gelben Karte des Platzes.

Beendet war die kuriose Ansammlung von Gelb und Rot abseits der Lens-Kurve noch lange nicht. In der 59. Minute riss Lens-Kapitän Jérôme Le Moigne im Pariser Strafraum Cabaye etwas heftig zu Boden und sah ebenfalls seine zweite Gelbe Karte des Abends. Kollektives Ausrasten und sich beschweren im Bereich der Nordfranzosen, gepaart mit allgemeiner Fassungslosigkeit über ein Spiel, das dem Unparteiischen entglitten war. Am Ende schafften dann aber weder zehn Parisiens, noch neun Lensois das Ergebnis zu verändern. Mit 1:3 traten die mitgereisten Nordfranzosen ihren 200 Kilometer langen Heimweg an – nach einem Heimspiel.

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