Freund der Verallgemeinerung: Ralf Rangnick

Ralf Rangnick, hier als Hoffenheim-Trainer 2007 im Ludwigspark (Foto: Andreas Schlichter)

Ralf Rangnick, hier als Hoffenheim-Trainer 2007 im Ludwigspark (Foto: Andreas Schlichter)

Lieber Ralf Rangnick, Sportdirektor der Red-Bull-Fußballfilialen Deutschland und Österreich,

Sie erinnern sich sicher daran, als Ihnen Fußballdeutschland den Spitznamen „Professor“ verpasste, nachdem dem noch steinzeitlichen Expertenpublikum im Fernsehen die Viererkette näher brachten. Der Begriff war abschätzig, Fußballdeutschland mag es nicht, belehrt zu werden. Dabei ist gerade der Prozess des Lernens und Verstehens oft genau das, was im deutschen Fußball fehlt. Schade eigentlich!

Nehmen Sie es mir deshalb nicht übel, dass ich den Artikel einer deutschen Boulevardzeitung, basierend auf der RB-Pressekonferenz vor dem Spiel Leipzig – Karlsruhe, zum Anlass nehme, um ein wenig den Lehrer für Sie zu spielen. Denn leider befinden Sie sich zwar nicht in der Steinzeit (das wäre auch etwas merkwürdig angesichts des Erfolgs der Roten Bullen auf sportlicher Ebene), sondern in Schubladen. Diese da lautet: Eigene Fans gut, andere Fans eher nicht so.

Fan(um-)erziehung

Los ging es mit der Frage zum Verhältnis zu den Leipziger Fans, denen auch schon mal eine Choreographie verboten wurde. Der Grund: Ein „spezieller Humor“ und der Gegnerbezug. Rangnick stellte fest: „Solange die Fans sich nicht mit dem Gegner beschäftigen, können sie machen, was sie wollen.“  Generell scheint Herr Rangnick die positiven Aspekte des Fanlebens zu bevorzugen: „Wenn dann wieder irgendwelche negativen Rufe im Stadion kommen, dann wird drübergeklatscht, drüberapplaudiert und nicht drübergepfiffen.“ Das ist allerdings auch eine Frage des Vereins: „Wir müssen schauen, dass das so bleibt….das hat auch ein bisschen mit Erziehung zu tun.“

Der Gegner gehört zum Spiel

Lieber Herr Rangnick, ich will jetzt nicht naiv wirken, aber haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, dass die Grundlage Ihres Berufs der Gegnerbezug ist? Wenn die Fußballliga sich von heute auf morgen sagen würde: Ach nee, das mit den Gegnern ist uns zu negativ, wir sind alle Gewinner! Dann wäre Fußball vielleicht etwas leichter, der Sport sicher unattraktiver. Die Frage des Gewinnens oder Verlierens (selbst bei Unentschieden existiert die allzu oft) ist das entscheidende Kriterium, warum auch Herr Mateschitz einen Fußballstandort Leipzig finanziert. Es zieht die Leute an. Sie werden es kaum für möglich halten, aber die Identifizierung mit der eigenen Mannschaft – die sich ja mit jedem Gegner beschäftigen muss, fragen Sie mal Ihren Trainer – führt schlicht zu so etwas wie: Gesänge gegen den Gegner.

Das muss gewiss nicht immer die Dimension haben, in der man dem Gegner sein Existenzrecht abspricht (wer das tut, hat den Fußball ebensowenig verstanden). Das Spötteln über ausbleibenden Erfolg des Gegners, das kreative Veräppeln anderer sind für viele Fans das „Salz in der Suppe“. Auch ein Blick auf die von Ihnen geschätzte Insel würde sie eines Besseren belehren. Glauben Sie, dass hier „Erziehung“ das richtige Wort ist? Es ist schlicht und ergreifend ein Verbot. Und Verbote besitzen meist eine dem Fußball ähnliche Anziehungskraft.

„Sogenannte Traditionsvereine“

In diesem Zusammenhang durften Sie auch noch Ihren Unfug über die Fans von Traditionsvereinen loswerden – und nicht etwa um die Nürnberger Ultras, in der es in der eigentlichen Frage ging. Diese hatten in einer peinlichen Aktion die eigenen Spieler nach einer Niederlage in Karlsruhe um ihre Trikots erleichtert – weil sie das Tragen des edlen Fetzens nicht würdig sind, so die Edelfans. Ihr Kommentar, Herr Rangnick:

„Das sind genau die Dinge, die bei sogenannten Traditionsklubs passieren, wenn sie meinen, sie müssten ihre Fans hofieren.“

Lassen Sie mich so nett sein und Ihren Satz korrigieren:

„Solche Dinge können leider passieren, wenn die Funktionäre von Fußballvereinen, solche mit großer Fanbasis, keine Grenzen setzen.“

So und nicht anders müsste Ihr Ausspruch lauten, wenn Sie nicht verallgemeinern wollen. Sie stellen es so dar, als existiere eine zwangsläufige Entwicklung, wenn Vereinsvorsitzende besonders großzügig mit Freiheiten und Rechten für Fans sind. Wenn dem so wäre, müssten dann nicht alle Zeitungen jedes Wochenende voll mit diesen Meldungen sein? Sie sind es nicht, weil auch Fans Entscheider sind – und auch eben oft mit ihrer Mitgliedschaft (ich werde das Thema für ein anderes Mal aufheben müssen) Teil ihres eigenen Fußballvereins. Sie schweben nicht im Luftleeren Raum, sind das kontrollierbare (im Fall von RB Leipzig) oder unkontrollierbare („sogenannte Traditionsvereine“) Etwas. Sie sind rationale Wesen, die im Rahmen ihrer eigenen Verantwortung handeln. Nürnberger Fans haben mit der Trikotaktion gezeigt, wie man diese missbrauchen kann und eine junge Mannschaft zusätzlich verunsichert. Aber denken Sie bitte nicht, dass alle Fans von Traditionsvereinen eine derart dumme Aktion bejubeln, nur weil Nürnberg etwas länger im Profifußball spielt als andere.

Verantwortung wird nicht immer missbraucht

Im Gegenteil, Fans können gerade durch viele Freiheiten da Verantwortung zeigen, wo der Verein schlicht durch mangelnde Kenntnis und mangelndes Verständnis der Fanszene versagt – etwa in der Fanbetreuung, in der Handhabung des Fanblocks an Spieltagen. Oft wird das als das Streben nach einer „Vorherrschaft“ im Verein verstanden (was eher auf manche Sonnenkönige in Vereinsvorständen zutrifft) – dabei ist es meist nur das natürliche Verhalten, seine eigene Leidenschaft möglichst positiv ausleben zu wollen. Und das heißt nicht, Pfeifkonzerte zu überklatschen.

Zu Ihrer Verteidigung, Herr Rangnick: Leider trifft auch RB Leipzig viel überzogene, weil falsch addressierte Kritik. Ihr Verein ist zu einem Symbolbild geworden, an dem sich Fans aus ganz Deutschland abarbeiten – obwohl im Gegensatz zum Salzburger Modell kein bestehender Verein mitsamt seiner Geschichte einfach rot-weiß überstrichen werden sollte. Deswegen kann ich nachvollziehen, dass Ihnen vielleicht auch ganz menschlich manchmal der Kamm schwillt, wenn der x-te Protest gegen RB Leipzig aufkommt. Wenn Sie darauf mit Verallgemeinerung aller Fans von Traditionsvereinen reagieren, senken auch Sie Ihr Niveau.

Erinnern Sie sich?

Deswegen mein ganz ernst gemeinter Ratschlag zum Schluss: Überdenken Sie Ihr Verhältnis zu Traditionsvereinen. Sie haben selbst mehrere davon trainiert, in Gelsenkirchen damals sogar eine Aktion zum Abgang hingelegt, die Sie in Ihrer heutigen Funktion wohl zu einem BILD-reifen Zitat animieren würde und nichts anderes als ein Aufhetzen der Fans gegen den Vorstand wäre. Vielleicht sollten Sie einfach mal ein wenig näher die Fankultur beobachten – und auch einer im Wachstum begriffenen Fanszene in Leipzig nicht schon mit Verboten kommen, sondern mit mehr Neugier. Das zeichnet Professoren aus.

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6 Antworten zu Freund der Verallgemeinerung: Ralf Rangnick

  1. LE schreibt:

    Sehr schön formuliert. Sehr hoher Wahrheitsgehalt. Vielen Dank dafür aus Leipzig!

  2. Pingback: Presse 24.09.2014 | RB Leipzig News - rotebrauseblogger

  3. Hubert Richter schreibt:

    Hallo Carsten,
    das hat einfach große Klasse was und wie Du schreibst – UND wie Du deinen Auftritt gestaltest (auch en Detail). Da können alle FC-Fans stolz sein, dass dein Fußball-Herz dem FCS gehört. Ich hab das Gefühl, Du wirst noch so Einiges für die FCS-Familie bewegen.
    Würde mich sehr freuen, wenn wir mal ein Bier zusammen trinken können. Das erste geht schon mal auf mich.
    Hubert Richter

  4. electrolutz schreibt:

    Vielleicht das Beste was du bisher geschrieben hast.

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