Auswärtsspiel: Frankreich – Spanien 1:0 (0:0)

matchfraesp01Es mag nicht auf jeden zutreffen, aber zumindest auf mich. Und ich weiß nicht, ob das mir ein schlechtes Zeugnis als Fußballfan, eine gewisse Abgestumpftheit oder vielleicht auch nur Pragmatismus bescheinigt: Ich spüre keinen Mangel an Stadionfußball, wenn ich mal für eine längere Zeit in der Ferne bin. Stadionfußball ist für mich der Saarbrücker Ludwigspark. Nicht, weil er „oldschool“ (oder in sanierungsbedürftigem Zustand) ist, sondern weil es das Stadion ist, in dem ich erst Fußballfan wurde. In dem die Mannschaft spielt, an der mir was hängt. In das die Leute gehen, die ich kenne. Also war es sicher keine Mangelerscheinung, dass ich zu einem Länderspiel gegangen bin. Ich, der normal Freundschaftsspiele zwischen Nationalmannschaften ob des sportlich oft zweifelhaften Werts gerne ignoriert. Aber dann ist da in gewissen Momenten wieder die Neugier und eben die Gelegenheit.

Frankreich gegen Spanien. Der Ausrichter der kommenden Europameisterschaft gegen den Weltmeister von 2010. Im Stade de France, das für mich immer den Klang des Besonderen hatte. Und nun praktischerweise mit dem Zug nicht weiter als eine halbe Stunde entfernt liegt. Da es zudem noch reichlich Eintrittskarten für 25 Euro gab, die unsere kleine Gruppe deutscher Studentinnen und Studenten im sonst wenig preiswerten Paris für ein faires Angebot hielten, zog es uns in den Pariser Norden. Nach kurzem Halt am Gare du Nord, wo unsere Gruppe den allgemeinen Treffpunkt ausgemacht hatte, ging es mit dem Zug eine Station zu „La Plaine – Stade de France“.

Schuhgrößenvergleich mit Marcel Desailly

Schuhgrößenvergleich mit Marcel Desailly

Alkoholfreies Bier und Marihuanaduft

Nach dem Ausstieg begrüßte uns eine lange Meile von Zuschauern und Essens- und Getränkeständen. Wir begaben uns recht zügig eine Stunde vor Spielbeginn schon in Richtung Stade de France, um uns ein wenig von der Außenansicht des WM-Finalstadions von 1998 berauschen zu lassen – also zumindest ich, der den ovalen Tempel zumindest von außen für eines der schönsten Stadien überhaupt hält. Tatsächlich verbinde ich mit den meisten TV-Übertragungen aus dem Stade de France nur den unnötig großen Abstand zwischen Tribünen und Spielfeld, eklig hohe Werbebanden und Testspielniederlagen der deutschen Nationalmannschaft.

Im Stadion angekommen richtete sich das allgemeine Augenmerk auf das kulinarische Angebot, das weder reichhaltig, noch nahrhaft, geschweige denn preiswert war. Der Franzose will auch im Stadion sein belegtes Baguette, dazu Fritten und alkoholfreies Bier (sieben Euro). Oder er nimmt sich gleich die Tüte vom gegenüberliegenden McDonals-Laden mit ins Stadion (dem Geruch zu Folge sind auch andere Tüten nicht so unpopulär in französischen Stadien). Nicht wirklich neues für mich, ebenso die leider immer wieder beobachtete karge Gestaltung dieser neuen Fußballtempel. Wo das rund aus der Ferne ein schöner Anblick ist, sind die nicht als Werbeflächen genutzten Stellen direkt vor den Tribünen kalter Beton. Aber man kommt ja für den Fußball.

Fanbespaßung

icke2Wir nahmen unsere Plätze auf relativ knapp bemessenen Plastikschalen auf dem Oberrang ein. Für 25 Euro boten diese aber immerhin eine sehr gute Sicht auf das Spielfeld und die Heimkurve an. Auch einige Spanier ließen sich in einer Stadionecke nieder, mussten sich aber mehr als einmal ausbuhen lassen. Vorbereitet auf unseren Plätzen lag für jeden Gast eine französische Flagge zum Schwenken – eine Einstimmung für die 2016 im eigenen Land stattfindende EM, die auch mit Erwartungen der Fans an die Grande Nation verbunden ist. Um das zu befeuern wartet man eben nicht, bis der Franzose die eigenen Autofähnchen kauft, sondern man hilft etwas nach.

Obwohl laut der Eintrittskarte schon seit 19.00 Uhr „Animation“ stattfinden sollte, schien der 80.000er Tempel gegen 20.30 Uhr noch kaum gefüllt. Das war bei den Essenspreisen und dem Programm, das wie alle Fußballvorprogramme versucht, amerikanische Sportveranstaltungen zu kopieren, leicht nachzuvollziehen. Dabei soll zwei Jahre vor dem großen Turnier alles passen: Es gibt einen „Club des supporters“, der mit Vergünstigungen lockt und den Fans das Erlebnis Fußball ganz nah an den „Bleus“ bietet. Und selbst die seit knapp zwölf Jahren bestehenden Irrésistibles erklären schon mal auf ihrer Webseite für alle Neufans ihre Gesänge.

matchfraesp06Kurz vor Anpfiff wurden die letzten Tänzer und T-Shirtkanonen abgezogen, die Mannschaften standen auf dem Feld, das Stadion war nun fast vollkommen ausgelastet und alle erhoben sich für die Nationalhymne. Nach der textlosen spanischen Hymne durften dann die Hausherren ihre Marseillaise schmettern – ein Moment, in dem auch ich vergaß, dass es eigentlich nicht wirklich um viel ging. Anpfiff.

Französische Widersprüche

Hinter uns kam kurz nach Anpfiff eine Gruppe von Jugendlichen auf ihre Plätze – Jogginghose, Fußballtrikots, kurzer Haarschnitt, Kinder von Einwanderern und Franzosen aus den Vorstädten. Ein Kontrast zu den umliegenden Zuschauern, die eher wie wir als glatte Fußballtouristen gebrandmarkt waren (allein schon so oft, wie wir fotografiert haben) oder aber die gutbürgerlichen Franzosen, die selbst für den Abendkick nicht den Anzug ausziehen. Die erste halbe Stunde des Spiels verbrachten wir deutschen Studenten im Ausland also vor allem in der Zeit, in der das Spiel abflachte, vor allem dem Trashtalk hinter uns zuzuhören und uns über die Schimpftiraden über den zu behäbigen Benzema und anderen Spott zu erfreuen.

Ihr Spiegelbild hatten die Jugendlichen an diesem Abend auf dem Platz – die französische Mannschaft mit ihren zahlreichen Auswahlspielern mit Migrationshintergrund wird im öffentlichen Diskurs immer wieder zum Politikum. Gerade Politiker der neuen Rechten stoßen Debatten um sportliche Misserfolge immer wieder mit der „Disziplinlosigkeit der Spieler“ (siehe WM 2010) an und meinen eigentlich die Hautfarbe der Spieler. Gerne wird dann vergessen, dass für die größten Momente des französischen Fußballs immer wieder die Kosmopoliten (wie Zidane) verantwortlich waren. Und dass Disziplinlosigkeit keine Frage der Herkunft ist, sondern schlicht eine Folge von mangelnder Sozialkompetenz und der Frage, ob man ein Profi ist oder nicht.

Großes entsteht unter Deschamps

matchfraesp15Auf den Rängen blieb es während der Anfangsphase relativ still – mit Ausnahme des offiziellen Fanblocks, der sich ähnlich vieler Ultra-Gruppen um 90 Minuten Support bemühte, der aber aufgrund zahlenmäßiger Unterlegenheit meist von der stummen Masse geschluckt wurde. Aber wirklich stumm bleibt es nie bei Länderspielen im Stade de France. Nachdem die unsägliche Sitte der Laola-Welle mehrfach durchgeprobt wurde, zeigten sich die Zuschauer dann bei allgemeinen Schlachtrufen wie „Allez les bleus!“ immer schnell im ganzen Stadion willig zur Anfeuerung. Irgendwann fehlt dem Ohr ja doch das gewohnte Stadiongeräusch.

Gegen Spanien zeigte nun diese französische Mannschaft eine durchaus ansprechende Leistung, hätte bereits in der ersten Halbzeit in Führung gehen können. Benzema scheiterte in zwei Versuchen am konzentrierten de Gea, der bald Torwart-Legende Casillas ablösen wird. Spanien befindet sich aufgrund der Rücktritte verdienter Spieler, aber auch schlicht aufgrund des Ausscheidens in Brasilien im Umbruch, versucht das auf Ballbesitz ausgelegte Kurzpassspiel zu modifizieren. Frankreich ist allerdings weiter in seinem eigenen Umbruch – Spieler wie Hugo Lloris und Karim Benzema sind gereift und können eine Mannschaft führen. Der 29-jährige Matthieu Valbuena ist auch nach seinem Wechsel in die erste russische Liga ein Antreiber im Mittelfeld. Hinzu kommen vielversprechende Jungtalente wie Antoine Griezmann oder der Ausnahmespieler Paul Pogba. Beide sind früh bewusst ins Ausland gewechselt, vereinen also verschiedene Ausbildungssysteme in ihren Lebensläufen.

Nicht die Disziplin fehlt dieser französischen Mannschaft, sondern schlicht die Erfahrung – und das ist auch sicher kein Makel, sondern etwas, was mit der Zeit zwangsläufig erarbeitet werden muss. Auch wenn der 1:0-Sieg (da Benzema ein Hackentor aufgrund vermeintlicher Abseitsstellung aberkannt wurde) wenig spektakulär wirkte – da es auch um nichts ging – zeigten die Franzosen Ansätze von klugen Kontern, guten individuellen Aktionen und kleinen, genialen Momenten. Der Mangel an Erfahrung ist es, der für Griezmann und Pogba derzeit aus einem guten Einfall manchmal noch eine vergebene Chance oder einen Ballverlust macht. Aber auch sie lernen mit jedem Spiel, ihre Entscheidungen besser einzuschätzen.

Am Ende durfte dann der Gastgeber des Testspiels und der kommenden EM jubeln – der eingewechselte Rémy vollendete eine wunderbare Kombination mit dem Tor des Tages. Kurz vor Abpfiff entbrannte dann hinter uns die heftige Diskussion unter den Jugendlichen – schon früher gehen, um zeitig im Zug zu sitzen. „Ich hab für 90 Minuten Fußball bezahlt“, antwortete einer, um dann eine Minute später doch dem Gruppendruck nachzugeben. Wir blieben noch bis Abpfiff und kamen auch entsprechend in den Massenandrang in Richtung Zug, in dem sich noch etwas französischer Spott über Spanien mit beherzten Verteidigungsreden spanischer Zuschauer (also Franzosen spanischer Herkunft) mischte.

Für weitere Fotos hier entlang: Link.

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3 Antworten zu Auswärtsspiel: Frankreich – Spanien 1:0 (0:0)

  1. Carsten schreibt:

    Hat dies auf 75° rebloggt und kommentierte:

    Von meinem Fußballblog übernommen – der Spielbericht zu Frankreich – Spanien.

  2. electrolutz schreibt:

    Diesen Bericht hab ich gerne gelesen.

  3. Kai Hawaii schreibt:

    sehr guter Bericht ^^

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