Rezension: 90 Minuten, Teil 2: 1. FC Saarbrücken

90_0Ferdi Hartung mag zwar im Mai verstorben sein, sein Lebenswerk hält aber mehr als nur die Erinnerung an den Sportfotografen am Leben. Das Landesarchiv des Saarlandes hat den zweiten Band der Reihe „90 Minuten“ veröffentlicht, in dem sich über 500 Schwarz-Weiß-Fotografien von Hartung und aus seiner Agentur versammeln. Im ersten Band ging es für Borussia Neunkirchen „mit Ferdi Hartung in die Bundesliga“, nun ist der 1. FC Saarbrücken der 1970er Jahre an der Reihe. Die beiden Herausgeber Paul Burgard und Ludwig Linsmayer erzählen nicht nur die vielleicht letzten großen Jahre des Vereins mit viel Fachwissen und den Bildern des damals wohl besten Sportfotografen der Welt. Sie liefern ganz nebenbei ein Buch über die Modernisierung der Bundesliga.

„König Fußball regiert die Welt“

Ein reiner Bildband ist „90 Minuten“ nicht geworden. Gerade zu Beginn des Buches wird die sportliche und wirtschaftliche Situation des 1. FC Saarbrücken der 70er Jahre zur Sprache gebracht. So sind gerade die älteren Fans schon zu Beginn mit dem Stichwort konfrontiert, das die Erinnerung an die Bundesliga-Jahre des FCS immer – zumindest ab der Pfalz – trübt. Das Stichwort „Alsenborn“ wird von den Historikern des Landesarchivs unaufgeregt und fundiert bearbeitet, dass selbst für jüngere Fans, die mitunter noch 2014 mit dem Schlagwort konfrontiert werden, endlich eine klare Darstellung der Ereignisse um die Einführung der 2. Bundesliga 1974 bekommen.

Dieter Ferner, Schlaghosen und Trikotwerbung

Das Herzstück des Buches folgt mit den meist auf einer kompletten Buchseite abgedruckten Fotografien. Die Autoren haben sich für eine thematische Unterteilung entschieden – mal werden die Spieler auf dem Platz gezeigt, mal im privaten Umfeld (wie etwa Niko Semlitsch mit stilechtem 70er-Mantel) oder es wird der Blick auf das Drumherum – Fußballfans in Jeansjacken und Schlaghosen, Polizei, Auswärtsfahrten – geworfen. Ein ganzes Kapitel ist dem damaligen Schlussmann Dieter Ferner gewidmet und macht dabei besonders Spaß. Der spätere FCS-Trainer wirkt fotogen wie kein zweiter Profi, sein markanter Blick – natürlich immer auf den Ball gerichtet – verleiht den Hartung-Fotos eine Aura, als wüsste Ferner selbst am besten, wie er dem Fotografen zu glanzvollen Fotos verhilft.

Dabei lassen sich nicht nur die Geschichten um den FCS gut mit den Bildern erzählen. Die Herausgeber widmen der Trikotwerbung einen kompletten Abschnitt und liefern neben Fotos aus den Anfangsjahren der Werbefläche auf den Spielerhemden auch spannende Hintergrunddetails. So lernt der Leser, dass Wormatia Worms in Deutschland die eigentliche Rolle des Pioniers zukommen müsste, dies aber vom Verband verhindert wurde. Gerade die Texte machen „90 Minuten“ hier zu mehr als einem Bildband. Das tröstet auch darüber hinweg, dass gerade in diesem Kapitel einige Bildunterschriften flapsig geraten sind und selten ein Wortspiel auslassen. Das war in den 70er Jahren in Fußballbüchern nicht unüblich, fällt an der Stelle manchmal aber aus dem Rahmen.

Kleine Schwächen in der Chronologie

Die andere kleine Schwäche des Buches ist die zeitliche Darstellung der beiden Bundesligajahre 1976/77 und 1977/78 im Abschnitt „Ein jeder Gegner will uns natürlich schlagen“. Hier verlassen die Herausgeber die Chronologie und listen zwölf prominente Gegner, etwa den 1. FC Kaiserslautern, den HSV oder Eintracht Braunschweig und zeigen die Bilder der bis zu vier Aufeinandertreffen (Hin- und Rückspiel aus den beiden Spielzeiten) manchmal nebeneinander. Das jeweilige Spielergebnis wird losgelöst von der jeweiligen Tabelle genannt. Leider grätscht das in den Lesefluss herein, da bei der Lektüre von zeitgenössischen Spielberichten aus Kicker oder Saarbrücker Zeitung immer wieder im Kopf die Frage kommt: Welche Saison war das noch mal? Hier hätten die Herausgeber die Chronologie durchaus beibehalten können – um dann vielleicht einzelne Spiele herauszuheben.

Das Jahrhundertspiel

Nachvollziehbar war hingegen die Entscheidung, zwei Ereignisse herauszustellen: Den bislang einzigen Klassenerhalt des 1. FC Saarbrücken in der Bundesliga, sowie das „Jahrhundertspiel“ gegen den FC Bayern München, bei dem um die 40.000 Menschen sahen, wie sich Roland Stegmayer mit vier Toren beim 6:1 unsterblich machte. Die meisten FCS-Fans werden – wenn sie denn nich selbst an diesem Tag schon im Ludwigspark standen – nur alte Fernsehausschnitte vom Spiel kennen. Obwohl sämtliche Fotos in schwarz-weiß gehalten sind, leisten sie Großes und geben viele neue Einblicke in einen der größten Momente der Vereinsgeschichte. Ob dramatische Spielszenen, gespannt blickende Zuschauer oder einfach der zum Jubel abdrehende Stegmayer – oft reicht nur der Bruchteil einer Sekunde, um 90 Minuten zu erzählen.

Fazit

Der 508 Seiten dicke Bildband ist nicht nur aufgrund des Formats ein Schwergewicht für das Bücherregal. Kein anderes Buch vereint die Geschichte der letzten wirklich großen Jahre des FCS mit fundiertem Fachwissen, dem gewissen Blick über den saarländischen Tellerrand hinaus und exzellenter Sportfotografie. Das ist der Verdienst von Ferdi Hartung, aber auch der des Landesarchivs, das viel Arbeit und auch spürbare Begeisterung in dieses Projekt gesteckt hat. Die 29,90 Euro für den zweiten Teil der 90-Minuten-Reihe sind bestens investiertes Geld für alle FCS-Fans, aber auch für Fußball-Nostalgiker anderer Vereine. Dieses Buch wird man noch in Jahren immer wieder aus dem Regel nehmen, um in einere andere Fußballzeit zu reisen oder aber die Eindrücke und Geschichten dieser Zeit an jüngere Fans weiterzugeben.

Informationen zum Buch

Paul Burgard / Ludwig Linsmayer (Hrsg.)
90 Minuten
Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga. Teil 2: 1. FC Saarbrücken


ECHOLOT. Historische Beiträge des Landsarchivs Saarbrücken, Band 14.
508 Seiten, Hardcover, ca. 550 SW-Fotografien
ISBN 978-3-945087-01-5
Preis: 29,80 Euro

Erhältlich im Buchhandel und hier: Link.

Weiteres zu Ferdi Hartung:

Interview mit Tobias Fuchs zu Ferdi Hartung und seinem Werk (18.06.2014)

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