Willkommen in Walldorf

Walldorfs Fanclub '87 (Foto: Andreas Schlichter)

Walldorfs Fanclub ’87 (Foto: Andreas Schlichter)

Zu den Vorzügen der Regionalliga gehört seit der Einteilung in fünf Staffeln, dass die wenigsten Auswärtsfahrten sich lange hinziehen. Das mag als Vorteil empfunden werden, macht natürlich aber auch etwas von dem Flair kaputt, sich abgekämpft nach Stunden von Staus, überteuerten Raststätten und schmutzigen Witzen aus einem schlecht klimatisierten Bus herauszukämpfen, um in einer der Metropolen dieses Landes „Hurra, hurra, die Saarbrücker sind da!“ zu verkünden. Zu diesen Zeiten dachte noch niemand an den FC-Astoria Walldorf. Was der Bindestrich nach dem „FC“ soll? Fragen Sie nicht mich.

Statt dem Mythos der Auswärtsfahrt zu erlegen, quetschte sich unsere vierköpfige Autobesatzung aus ökonomischen Gründen um 11.00 Uhr morgens zusammen und rollte los in Richtung Baden-Württemberg. Keine zwei Stunden später lotste uns ein Mann, den sein gelbes Polohemd als Mitglied des Teams „Sicherheit“ auswies, auf einen Parkplatz – ein Radweg mit Grünstreifen. Am einzigen Kassenhäuschen tauschten wir Euros gegen eine Eintrittskarte und das Programmheft. Manch einer traute sich dann noch am einzigen Essensstand drei Euro gegen eine warm gebrühte Wurst zu tauschen, die im Heimbereich einigen Gerüchten nach billiger zu haben war. Andere trauten sich an das alkoholfreie Bier, das Lieblingsgetränk von Fußballfans aus Baden-Württemberg. Keine Weinschorle für Saarbrücker Fans, die in einem Gästeblock auf der Gegengerade schnell an dunkelste Kapitel der Oberliga erinnert wurden: Ein Zaun, der Baustellenatmosphäre versprühte, in einem Ministadion. Angereichert mit echtem Dorffanclub mit Rasseln und Trommeln auf der Haupttribüne. Also wie es vor 15 Jahren in Hoffenheim aussah, als noch nur Kenner ahnten, dass der SAP-Verein mal in höchste Sphären vordringen sollte.

Die Heimat des deutschen Fußballs: Der Hoffenheimer Speckgürtel.

Die Heimat des deutschen Fußballs: Der Hoffenheimer Speckgürtel.

Unter den Mühen eines einheimischen Fahnenschwenkers und zu den Klängen von „Sirius“ vom Alan Parson’s Project (also so wie auch sonst überall vor einigen Jahren) zogen die Mannschaften auf den Platz. Ex-FCS-Kapitän Stephan Sieger führte die Hausherren – auch hier als Spielführer – an. Beim 1. FC Saarbrücken nahm Fuat Kilic die erwarteten Veränderungen vor. In einem nominellen 4-4-2 probierte er es von Beginn an mit der Doppelspitze aus Matthew Taylor und Felix Luz, zudem kehrte André Mandt in die Startelf zurück. Auch Patrick Zoundi musste erstmals nicht von der Bank starten. Den Beginn des Spiels bestimmten allerdings die Gastgeber: Der Aufsteiger versuchte, den FCS früh unter Druck zu setzen und erarbeitete sich Chancen. Unangenehm fiel der Aufsteiger dadurch auf, dass schon früh im Strafraum der Bodenkontakt gesucht wurde, der Schiedsrichter fiel aber auf die Schwalben von Marcel Carl nicht herein – Carl wurde augenblicklich zur Zielscheibe des Gästeblocks. Nicht zu Unrecht.

Neben dem forschen Auftreten des Aufsteigers lag das Aufkommen gefährlicher Situationen vor allem an haarsträubenden Patzern von FCS-Akteurern. Alexander Hahn ließ in einer besonders unverständlichen Aktion den Gegenspieler passieren – augenscheinlich eine verkackte Abseitsfalle oder schlechte Spielübersicht – dass nur David Hohs Schlimmeres verhinderte. Ein weiterer Schwachpunkt des ersten Durchgangs war Zoundi, dem anzumerken war, dass er noch nicht alle Laufwege verinnerlicht hat. Das führte mehrmals zu ärgerlichen Ballverlusten. Aber wie es oft so ist: Die offensivere Mannschaft hat mehr Spielanteile und Gelegenheiten, die erfahrenere Mannschaft macht das Führungstor: In der 17. Minute landete ein Eckball auf dem Kopf von Alexander Hahn, der auf den Kasten köpfte, Peter Chrappan veränderte die Flugrichtung noch einmal – Tor.

Walldorf war nur kurz geschockt, blieb beim eigenen Spiel. Der FCS überstand die Druckphase der Gastgeber und setzte zum Knockout an. Ein schneller Angriff führte über Luz zum schnellen Zoundi, der zum 2:0 vollstreckte (39.). Die typische Lehrstunde, die ein Kandidat für die oberen Plätze einem Liganeuling erteilt, wenn dieser vor dem Tor nicht die gebotene Kaltblütigkeit besitzt.

Luz trifft zum 3:0 - so sah es der Fanblock.

Luz trifft zum 3:0 – so sah es der Fanblock.

Nach der Pause spielte nur noch eine Mannschaft: Der 1. FC Saarbrücken. Als Zuschauer drängte sich vermehrt der Eindruck auf, dass der FCS, so oft er bei Angriffen Walldorfs zugesehen hatte, wenigstens genau hingesehen hatte und sich auf den Gegner nun einzustellen wusste. Auch kamen nun Zoundis Schnelligkeit, sowie das Zusammenspiel von Luz und Taylor besser zur Geltung. In der 57. Minute trug sich Felix Luz nach einer Ecke in die Torschützenliste ein – wann waren FCS-Standards zuletzt so gefährlich und auch effektiv? Das Spiel war gelaufen und Saarbrücken nahm nun etwas Tempo aus der Partie. Zehn Minuten nach dem 3:0 erlöste der Schiedsrichter dann den Walldorf-Verteidiger Benjamin Kaufmann mit einer Gelb-Roten Karte, da dieser sich nur noch zu Frustfouls im Stande sah. Auch Gästeliebling Karl durfte kurz darauf gehen – allerdings war das nur eine Auswechslung. Die Heimfans machten sich nun mit „Schieber“-Rufen bemerkbar, im Gästeblock wurde gegen Hoffenheim demonstriert – das andere, prominentere Spielzeug von SAP-Gründer Dietmar Hopp.

Beim FCS probierte Kilic nun einige Varianten aus. Für Taylor brachte er Patrick Schmidt, der in der Vorbereitung überzeugte, aber in der Liga bisher nicht zum Zuge kam. Schmidt machte Druck, blieb aber vor allem im Abschluss erschreckend schwach und traf in seiner besten Szene den Ball nicht richtig – vermutlich einfach der Druck, sich zu beweisen, der hier zu groß war. Dass der gebürtige Saarländer ein guter Fußballer ist und mit etwas mehr Kaltschnäuzigkeit auch seine Chance bekommen wird – geschenkt. Weniger ermutigend war dann, dass nach der Auswechslung von Abwehrchef Peter Chrappan Walldorf noch zu einem Tor kam – zwar in Unterzahl, aber dennoch vermeidbar.

Aus dem Sieg in Walldorf lassen sich einige Erkenntnisse mitnehmen: Dass Fußball in  Walldorf Saarlandpokal-Flair hat und dass es viel angenehmer wäre, wieder richtige Auswärtsfahrten zu machen. Und dass der FCS auch am dritten Spieltag wohl noch lange nicht die endgültige Stammformation gefunden hat und dass auch einzelne Spieler noch nicht die Form haben, die ihren Stammplatz sichern. Aber die Mannschaft besitzt bereits jetzt einzelne, herausragende Qualitäten, die dafür reichen könnten, sich kontinuirlich in der Spitzengruppe der Liga zu bewegen. Dazu gehört vor allem, dass das Spiel bei hohen Bällen zu einer großen Waffe der Kilic-Truppe geworden ist. Ob es aber am Saisonende zu einem Relegationsplatz reichen wird, kann das kommende Heimspiel gegen Elversberg zeigen.

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3 Antworten zu Willkommen in Walldorf

  1. Gunnar schreibt:

    Der Bindestrich soll wohl auf die beiden urspünglichen Fusionspartner hindeuten.

  2. Schatten-AR, Sektion Mariotto schreibt:

    Ursprünglicher Textbeginn:
    Zu den Nachteilen der Regionalliga gehört seit der Einteilung in fünf Staffeln, dass die wenigstens Auswärtsfahrten sich lange hinziehen. Daher bleibt wenig Zeit für das Studium französischer Wochenzeitungen sowie das Lösen kniffliger Matheaufgaben.

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