Bitte mehr Selbstironie!

Brtp8IsIgAANW_VAch, Twitter und Deine „Gates“. Nun also das #gauchogate, nachdem unter anderem die FAZ es gewagt hatte, den Deutschen Spielern bei ihrer Siegesfeier am Brandenburger Tor den „Gaucho-Tanz“ schlecht zu machen. Der Shitstorm ging los, das #gauchogate und die Diskussion über nationale Identität, Fußball und Feiern. In den meisten Fällen blieb es aber noch bei einer großen Masse, die sich empörte: Dürfen wir denn nicht mehr feiern, wie wir wollen? Das ist doch unglaublich!

Unglaublich ist in diesem Falle meiner Meinung nach etwas anderes. Es ist nicht dieser Tanz, den ich schon vor Jahren so dämlich fand, wie ich ihn heute finde. Der Gesang ist nicht das Problem, sondern einfach nur eine Erscheinungsform eines viel tiefer sitzenden Zustands, der auf der mangelnden Selbstwahrnehmung vieler „Schland“-Eventfans (die alle vier Jahre aus dem Nichts auftauchen zu scheinen), aber auch vieler Deutscher Fußballfans, die bald den DFB-Dress wieder gegen ein Vereinstrikot eintauschen werden. Es ist die mangelnde Fähigkeit vieler Fans, auch selbst im Falle einer Niederlage Größe zu zeigen.

Wenn Deutschland, wie Sonntag im WM-Finale, triumphiert, hat der Rest der Welt Applaus zu spenden und auch Spott zu ertragen. Aber konnten Deutsche Fans auch mit Größe das WM-Aus beim „Sommermärchen“ 2006 ertragen? Sicherlich gab es welche, aber eine große Masse reagierte schlicht mit der Herabwürdigung des Gewinners, der auch später Weltmeister wurde. Die italienische Trikotfarbe war „Dreck„, es wurde zum Boykottieren von Pizzarien und Eiscafés aufgerufen. Nachträglich erhöhte die DFB-Elf mit einem sportlich nicht sehr wertvollen Sieg im Spiel um den Dritten Platz noch das Halbfinal-Aus und gab den Fans Anlass zu denken: „Die schlechtere Mannschaft“ ist Weltmeister geworden.

Auch in den Folgejahren zeigten Deutsche Fans immer dann wieder mangelnde Größe in den Momenten, an denen es angebracht war. Das entlud sich nicht immer am Gegner, sondern auch mal am Schiedsrichter, an der eigenen – zu verweichlichten – Mannschaft oder an Trainer Jogi Löw, dem nachgesagt wurde, einfach keinen großen Titel gewinnen zu können. Aber auch das ist nicht im Kurzzeitgedächtnis vieler Schland-Fans hängen geblieben, die nun weniger daran denken, dass sie schlicht vollkommen falsch lagen. Denn im WM-Titel die Erfüllung einer Bringschuld der Mannschaft sehen.

Natürlich sind nicht alle Fans der DFB-Elf – zu denen ich mich auch seit ich große Turniere schaue zähle – so vergesslich, gedankenlos und nur auf den eigenen Triumph und die positiven Seiten des Fußballs fixiert. Aber eben jenen Fans will ich nicht so recht abnehmen, dass sie unverkrampft den Titelgewinn feiern können. Ist es unverkrampft, bei Kritik an überzogenem Spott gegen den Gegner direkt aggressiv zu reagieren? Ist es unverkrampft, im Falle einer Niederlage auf den vermeintlich Schuldigen einzuhauen?

Das „Recht“ den Unterlegenen im sportlichen Vergleich zu verspotten, ergibt sich immer aus der eigenen Fähigkeit, im Falle einer Niederlage Spott von der Gegenseite zu ertragen. Ob die deutschen Fans dazu bereit sind? 1958 waren sie es nicht, 2006 auch noch nicht. Vielleicht sollten sich die Deutschen Fans deshalb, bevor sie sich über ein weiteres #gauchogate aufregen, mal auf die Insel schauen und sich ein Beispiel an Englischen Fans nehmen. Viele von denen kennen den letzten großen Titel (WM 1966) nur aus Rückblicken im Fernsehen. Und dort haben auch die großen sportlichen Niederlagen gegen den großen Rivalen Deutschland Eingang in den eigenen Erzählkanon der Nationalmannschaft gefunden. Etwas mehr Selbstironie und Unverkrampftheit schaden nie.

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