Interview mit Tobias Fuchs über Ferdi Hartung

Foto: Hartung/Landesarchiv Saarbrücken

Foto: Hartung/Landesarchiv Saarbrücken

Gerade vor einer Fußballweltmeisterschaft sorgte die Nachricht vom Tode Ferdi Hartungs Anfang Mai für große Betroffenheit. Der saarländische Fotograf wurde mit seinen  Bildern von den Weltmeisterschaften der 1950er, 1960er und 1970er Jahren weltberühmt und hielt bis ins hohe Alter Spielszenen in Eindrucksvoller Qualität fest. Um aber einmal richtig auf die Frage einzugehen, was Ferdi Hartung einzigartig gemacht hat, gibt es ein Interview mit Tobias Fuchs, Vorstandsmitglied bei Ellenfeld e. V., Historiker, Blogger und Mitorganisator der Ausstellung „Kleines Land, großer Fußball – Das Saarland in der Bundesliga“, die vom 7. bis 18. Juli in der saarländischen Landesvertretung in Berlin zu Sehen ist.

Das FCSBlog (FCSB): Hallo Tobias, Dein Blog Ellenfeldstrasse kennen wohl die meisten Leser, deshalb fangen wir einfach mal kurz mit was ganz anderem an: Wer war Ferdi Hartung und warum sollte jeder saarländische Fußball-Fan diesen Namen kennen?

Tobias Fuchs (TF): Ferdi Hartung war einer der wichtigsten deutschen Sportfotografen des 20. Jahrhunderts. Und er war Saarländer, so dass viele seiner Bilder in der Region entstanden sind. Wer ein Foto aus den besseren Tagen des 1. FC Saarbrücken sieht, etwa aus der Bundesliga, kann sich ziemlich sicher sein: Das hat Hartung gemacht. Es werden also viele seine Arbeiten kennen, auch wenn sie die Bilder erst mal nicht mit dem Namen Hartung verbinden.

FCSB: Du hast für das Buch „100 Jahre Ellenfeld-Stadion“ und die Ausstellung „Kleines Land, großer Fußball“ viele Fotos von Hartung gesichtet. Wie war diese Aufgabe für Dich?

TF: Sportfotografie lebt von ihrer Aktualität, da ist es natürlich seltsam, sich im Archiv über diese Bilder zu beugen, sie als historische Dokumente in den Blick zu nehmen. Das Landesarchiv Saarbrücken hat vor ein paar Jahren die Rechte an so ziemlich allen Fotos von Hartung erworben, die einen Bezug zum Saarland haben. Wir reden über tausende Aufnahmen, die ich mir alle anschauen durfte. Das war anspruchsvoll, aber vor allem ein großes Vergnügen, eine ausgedehnte Zeitreise – mit vielen Kuriositäten. Hartung hat auch viel außerhalb des Stadions fotografiert, Bernd Förster vom 1. FC Saarbrücken beim Friseur oder die ganze Saarbrücker Mannschaft der späten Siebziger beim Spanferkelessen in einem irgendeinem Lokal.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Juli.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Juli.

FCSB: Hartung war – wie Du in Deinem Nachruf geschrieben hast – in den 50er, 60er und 70er Jahren nicht konkurrenzlos im Südwesten, ist aber im Gegensatz zu vielen anderen zu Weltruhm gelangt. Woran lag das Deiner Meinung nach?

TF: Hartung war Anfang dreißig, als 1963 die Bundesliga an den Start ging, also deutlich jünger als andere Fotografen im Saarland. Er war in einer Pionierzeit im besten Alter, beharrlich und innovativ, immer auf der Suche nach dem besonderen Bild. Wenn die anderen Fotografen standen oder saßen, legte er sich eben auf den Boden. Hartung hat sich voll auf die Welt des Sports eingelassen, kein Abenteuer ausgelassen, er ist viel gereist. Er fotografierte bei neun Weltmeisterschaften. Bei den Turnieren entstanden atemberaubende Aufnahmen, die ihn bekannt gemacht haben. Gleichzeitig konnte er aus dem Saarland immer etwas Aktuelles anbieten, solange Saarbrücken, Neunkirchen, später Homburg oder auch Völklingen im Profifußball waren.

FCSB: Wie hast Du Ferdi Hartung persönlich erlebt?

TF: Entdeckt habe ich Hartung, als ich mit vierzehn im Vereinsarchiv von Borussia Neunkirchen saß, vor mit stapelweise Aufnahmen aus der Bundesliga. Auf den Rückseiten fand ich immer wieder den gleichen Stempel: Fotoagentur Hartung. So wurde ich ein stiller Bewunderer von Hartungs Bildern. Später bin ich ihm öfter begegnet, ohne den Mut, ihn anzusprechen. Hartung war ein kleinerer Herr mit einer besonderen Ausstrahlung, er wirkte freundlich und zurückhaltend, ein wenig verschmitzt, aber doch bestimmt im Auftreten. Bei der Saarbrücker Zeitung wussten die erfahrenen Redakteure immer schon, dass er gleich den Raum betreten würde. Seine Pfeife kündigte ihn an. Mit der saß er auch im Stadion, in konzentrierter Ruhe.

FCSB: Was machen die Fotos von Ferdi Hartung Deiner Meinung nach besonders?

TF: Hartung war dort, wo man als ambitionierter Bildreporter sein muss. Seine Bilder leben von den großen Ereignissen, die er festgehalten hat, und von seinem Auge für das Spiel. Hartung hat im Stadion auf seine Chance gelauert, mit feinem Gespür und einem ausgezeichneten Timing, wie ein guter Stürmer. Außerdem hat Hartung viel ausprobiert, mit seinen technischen Möglichkeiten virtuos gespielt.

FCSB: Worin unterscheidet sich Deiner Meinung nach die Sportfotografie der 60er zur Sportfotografie im Jahr 2014?

TF: Heute konzentriert sich die Sportfotografie meist auf das Spiel, wir sehen einzelne Aktionen in bestechender Klarheit, eingefangen mit Super-Teleobjektiven. Doch der Hintergrund verschwimmt, wirkt flächig, da ist kaum etwas zu erkennen. Bei Aufnahmen aus den Sechzigern hat man noch den Raum vor Augen, in dem sich das Spiel ereignet, mehr Atmosphäre. Man kann die gebannten Zuschauer einzeln betrachten, ihre Kleidung, alles. Das hat seinen Reiz, auch wenn sich der Blick manchmal verliert. Damals hatten die Fotografen noch mehr Bewegungsfreiheit im Stadion, konnten ihren Blickwinkel freier wählen, was Hartung sehr geschätzt und für sich genutzt hat. Der größte Unterschied ist natürlich die Farbe, die sich längst auch in den Zeitungen durchgesetzt hat. Hartung mochte das Fotografieren in Schwarz und Weiß, das Spiel der Kontraste, doch er hat sich gegen die Farbe nicht gesperrt, auch nicht gegen die Digitalfotografie, die heute natürlich Standard ist.

FCSB: Zum Abschluss: Welches Foto von Ferdi Hartung ist Dein absoluter Favorit?

TF: Das „Fußball-Ballett“ von 1963, ein Schnappschuss von einem Spiel der Deutschen Endrunde zwischen Dortmund und Neunkirchen.

FCSB: Vielen Dank für das Interview!

Neben der Ausstellung in Berlin gibt es derzeit eine Reihe von Neuerscheinungen, die mit vielen Bildern von Ferdi Hartund aufwarten. Der Katalog zur Ausstellung über die Saarfußballer erscheint etwa im Juli (Kleines Land, großer Fußball – Das Saarland in der Bundesliga, Neunkirchen: Edition Ellenfeld, 2014 (ISBN 978-3-9816672-0-2). Zudem haben Dr. Paul Burgard und Ludwig Linsmayer zuletzt den zweiten Band der Reihe „90 Minuten – Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga“ herausgebracht, der sich dem 1. FC Saarbrücken widmet.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Interview, WM abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.