Modeerscheinungen im Fußball, die ich nicht brauche III: WM-Songs

(Foto: : Mario Casciano, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

(Foto: : Mario Casciano, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Es waren einmal die Siebziger Jahre. Der Deutsche Fußball erlebte zwangzig Jahre nach der Weltmeisterschaft in der Schweiz einen Aufschwung, bedingt durch die Ausrichtung einer Weltmeistersschaft, also der Entstehung moderner Stadien wie dem Westfalenstadion, dem Parkstadion oder eben dem Münchner Olympiastadion. Andererseits begannen Mannschaften wie Borussia Mönchengladbach oder Bayern München auch internationale Titel zu gewinnen, die Grundlage dafür schaffte die Nationalmannschaft mit dem EM-Titel 1972. Doch es gibt zwei Ereignisse, die einen Schatten über diese Zeit legen. Das eine ist der Bundesliga-Skandal um manipulierte Spiele. Das andere war die Erfindung der deutschen WM-Songs.

Es begann mit dem Pirmasenser und Zweibrücker Fußballer Horst Nußbaum, der unter dem Namen Jack White zum Musikproduzenten wurde. 1973, ein Jahr vor dem großen Turnier im eigenen Land, kam er auf die geniale Idee, ein Lied zum Thema Fußball zu schreiben, das die A-Nationalmannschaft auf Platte einsingen sollte: Fußball ist unser Leben. Der sehr an die Fangesänge erinnernde Marsch, der sich so anhört, dass die Nationalmannschaft nur den „Ha! Ho! Heja Heja He!“-Part so richtig mitgesungen hat, ist für seine Verhältnisse in Ordnung. Und eigentlich hat er alles zum Thema Fußball gesagt, was ein Lied über den Sport erzählen kann. Und es wäre gut gewesen.

Trash-Hymne mit den Village People

Stattdessen folgten nicht nur Soloversuche von Spielern wie Franz Beckenbauer, der DFB ließ fortan zu jeder Weltmeisterschaft die Nationalmannschaft ins Studio fahren und mit Schlager“künstlern“ Lieder aufnehmen. Mal musste der arme Udo Jürgens ran, mal der „Kinderquatsch mit Michael“ Schanze oder auch Peter Alexander. Diese Praxis wurde erst nach 1994 in die Mülltonne gekloppt, als für den Auftritt in den USA extra die Village People verpflichtet wurde – vielleicht die konsequente Entscheidung, um das Modell des WM-Songs für alle deutlich abzuwirtschaften. Die Village People – entgegen vieler Vermutungen eine extra für eine schwule Zielgruppe zusammengecastete Band, also purer Mainstream – hatten da schon den Zenit weit überschritten. So unmotiviert das im Dauertakt geschmetterte „Far away in America“ daherkommt und obwohl die Mannschaft wohl doch beim Videodreh ihren Spaß hatte (wer es noch nicht kennt, muss es sich einfach anschauen): 1994 war der DFB für seine Progressivität so bekannt, wie Max Merkel für seine gewonnenen Literaturnobelpreise. Vielleicht kostete das nachfolgende Generationen ab 1998 den WM-Song. Und es wäre gut gewesen.

Wer ist der größte Trainer der Stadt? Bördi Vogts!

Hätten sich damals nicht schon auf anderen Kanälen dunkle Wolken zusammengebraucht. 1990 war es bereits so weit, dass auch die FIFA jeder eigenen Fußball-Weltmeisterschaft ihren Stempel draufdrücken musste. Was heute noch vielen Fußball-Fans als guter WM-Song, also richtig gute Musik gilt, fällt auch eher in die Kategorie des mittelmäßigen Italo-Pop – gut genug für einen ESC, aber nichts, was man sich privat anhören müsste, der Titel von Gianna Nannini und Edoardo Bennato. Stefan Raab hatte 1994 schon erkannt, dass sich das Thema zur Parodie eignete und haute mit „Bööööördi Vogts“ eine nicht immer als Parodie verstandene Hymne raus, die es in die Hitparade schaffte. Und zumindest im deutschsprachigen Raum war es das.

Die Sportfreunde Stiller und die Büchse der Pandora

Bis 2006 die eher ruhigen und sympathischen Sportfreunde Stiller die Polka auspackten und anhand der Zahlen „54, 74, 90, 2006“ den kommenden WM-Titel orakeln wollten und den Spagat zwischen Mainstram, Mitgröhlen und doch mitnichten zu großer Abgedroschenheit schafften, indem sie genau bei Baddiel, Skinner & Lightning Seeds hinschauten, die mit „Three Lions“ eine Hymne schafften, die zwar den Mitschunkel-Effekt hat, aber angenehm authentisch – weil aus Fansicht – daherkommt. Doch die Sportis versauten das Thema im Grunde auf Jahre, indem sie 2010 sich selbst coverten und mit neuem Text nicht etwa der Mannschaft zu verstehen gaben: Holt den Titel. Sondern allen Ballermann-Musik-Produzenten: Mit eingängigen Texten und eindimensionaler Musik könnt Ihr so richtig Kohle machen.

Musik aus der Hölle

Dschungelkönigen ohne Stimme: Melanie Müller (Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 3.0)

Dschungelkönigen ohne Stimme: Melanie Müller (Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 3.0)

Das war schon 2010 mitunter unerträglich, doch 2014 ist das Jahr, indem es hässlich wird. In Redaktionen laufen seit Wochen Promomails mit vorhersehbarem Inhalt ein: Eine Gruppe, von der noch nie irgendein Schwein gehört hat, hat sich Hilfe bei irgendeinem C-Promi genommen, um den eigenen WM-Song aufzunehmen. Aber es ist nicht nur der eigene, sondern laut PR-Floskel sogar „DER WM-Song“ (bitte ‚DER‘ immer groß schreiben!). Die Musik ist meist austauschbar, die Texte stammen aus der Reimhölle. Etwa der „Adler Song„, für den Manfred Sexauer auf seine alten Tagen die total hirnrissige Feststellung ins Mikrofon hauchen muss, alle WM-Teams hätten einen Spitznamen, nur die Deutschen nicht. Beispiel für lyrische Totelausfälle?

Kommt, lasst uns Feste feiern
mit dem Adler auf der Brust.
Wir haben einfach Bock auf Euch,
in uns da brennt die Lust.

Noch debiler ist die Hymne, die von der Kombi „Jörg und Dragan (Die RTL Autohändler) & Remmi Demmi Boys“ (Nein, diese Beschreibung ist kein Witz) auf dem Markt geworfen wurde:

Die Holländer, die essen Käse
und in England trinkt man Tee.
Italiener lieben Bolognese
und der Spanier ruft Olé!

Der Tiefpunkt ist das von Melanie Müller vorgetragene Liedchen, für das wohl schon alle Reime ausgegangen waren und man sich auf das Wesentliche beschränkt: Frauen in knappen Outfits und „Deutschland schieß‘ ein Tor!“. Und selbst Stefan Raab, der 1994 noch wenigstens etwas hintergründig daherkam, ist längst zu einer Karikatur seiner Selbst geworden, da er eher ein schier unendlich gewordenes Bedürfnis nach WM-Songs befriedigt, denn er liefert gleich mehrere Versionen, seines Versuchs. Die einzige Hoffnung, die angesichts so viel akustischer Körperverletzung bleibt: Dass die WM-Song-Blase einfach platzt und sich Ballermann-Produzenten wieder dorthin verziehen, wo sie hingehören: In die Schlagerhölle. Und nicht ins Fußball-Stadion.

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