Rezension: Outsider. Eine Geschichte des Torhüters

9783730700990_0Wer im Tor steht, muss verrückt sein. Zumindest gehört es zum Glaubensgrundsatz vieler Fußballer, dass derjenige, der sich zwischen die Pfosten bewegt, im Grunde nicht ganz klar im Kopf sein kann. Der Torhüter ist der einzige Spieler, der den Ball mit der Hand spielen darf und dessen Auftrag es ist, das zu verhindern, was alle sehen wollen: Das entscheidende Tor. Für den englischen Journalisten Jonathan Wilson („Revolutionen auf dem Rasen“) war das Anlass, sich mit den Vertretern der haltenen Zunft zu beschäftigen. „Outsider“ erzählt nicht nur „eine Geschichte des Torhüters“, sondern vielmehr Geschichten von Torhütern, über Erfolge und Niederlagen, Evolution und Rückschritt, über den Weg vom Nichtfußballer zum Torwart.

Am Anfang war der Fußball, aber noch lange nicht der Torhüter. Mit dieser Erkenntnis konfrontiert Jonathan Wilson den Leser zu Beginn von „Outsider. Eine Geschichte des Torhüters“ und begibt sich zurück in die Anfänge des Sports. Der kannte eben zu Beginn nicht den einen Spieler, der den Ball in die Hand nehmen durfte – es war schlicht allen erlaubt und wer gerade ein Tor verhindern konnte, der erledigte halt die Torhüteraufgabe. Beim nächsten Mal war ein anderer dran. Wie das Spiel taktisch und regeltechnisch erst mit der Zeit – sprich: seiner Ausübung – an Form gewann, musste auch der Torhüter warten, bis er seine heutige Form annahm. Bis 1912 durfte er den Ball noch in der gesamten eigenen Hälfte in die Hand nehmen. Erst als einige Torhüter dies zum Anlass nahmen, gefährliche Angriffe auf diese Art einzuleiten, „sperrte“ ihn der Verband in seinen Sechzehner. Und seit 1992 muss er dann doch wieder Fußballer sein, der Abschaffung der Rückpassregel sei Dank.

Mythos vom stillen, nachdenklichen Außenseiter

Wilson erzählt die Geschichte der Torhüter nach einem Exkurs in die Regelhistorie ausschließlich über Torhüterbiografien. Im Fußballjargon würde man sagen: „Echte Typen“. Wie etwa William Foulke, Spitzname „Fatty“, der stolze 152 Kilogramm auf die Waage brachte und trotzdem bei Sheffield United und Chelsea erstklassig hielt. Lew Jaschin hingegen schaffte es als Torwart der Sowjetunion nicht nur im kapitalistischen Westen Ruhm und Anerkennung zu genießen. Der zeitlebens bescheidene, ruhige und akribisch arbeitende Schlussmann wurde nicht nur mit seinen Paraden weltberühmt, er begründete auch das Erbe der russischen Torhüter, an dem manch einer seiner Nachfolger zerbrach.

Unglück an den Händen

So leicht die herausragende Stellung des Torhüters Helden schaffen kann, so ist der Mann mit der Eins auf dem Rücken nur einen Fehlgriff vom Sündenbock entfernt. Moacyr Barbosa, brasilianischer Torhüter der Mannschaft, die 1950 im eigenen Land den Weltmeistertitel gegen Uruguay verpasste, musste nicht nur als vermeintlich Schuldiger am Versagen seiner Mannschaft herhalten. Sein Name steht auch für das Klischee vom schlechten brasilianischen Torhüter in anderen Ländern und den latenten Rassismus, den dunkelhäutige Torhüter noch bis Anfang der 2000er in Brasilien erdulden mussten.

Packend erzählte Torhütergeschichten

Eine Rezension über „Outsiders“ muss betonen, was dieses Buch nicht ist: „Die“ Geschichte des Torhüters. Ließe sich diese aufschreiben? Eine rein taktische Analyse über die Entwicklung des Torwartspiels über mehr als ein Jahrhundert hin zum antizipierenden Keeper wäre sicher keine 400 Seiten dick und wäre was für Fachpublikum. Wilson ist zwar vom Fach, kann aber auch erzählen. Er nähert sich dem Torhüter über die weit verbreiteten Klischees, wie das des nachdenklichen Intellektuellen, des untalentierten Ex-Feldspielers oder des extrovertierten Paradiesvogels. Er zeichnet Biografien nach, beleuchtet nicht nur das Bild von einzelnen Torhütern zu ihrer Zeit, sondern auch durchaus das Bild von ganzen Gesellschaften.

Leider gleitet dies in einigen Kapiteln in ein unstrukturiertes Erzählen ab, bei dem der Leser zuweilen den Überblick verlieren kann. Ist das Buch zumindest im ersten Kapitel noch klar linear, wechselt die Struktur ab dem zweiten Kapitel und widmet sich immer einem großen Thema, etwa die Torhütertradition einzelner Länder, bekannte Klischees, die Darstellung in der Fiktion. Da mag es schwierig sein, große Zeitsprünge mitzunehmen. Ausgeglichen wird das aber durch die Fülle an recherchierten Informationen, die selbst Kennern der Fußballgeschichte noch viele neue Dinge offenbaren.

Wenig neues über deutsche Torhüter

Aus deutscher Sicht muss mit leiser Enttäuschung zudem anmerkt werden, dass die hierzulande immer wieder betonte Torhütertradition bei Wilson vergleichsweise kurz abgehandelt wird. Dabei fehlen zwar die wichtigsten Vertreter wie Heiner Stuhlfauth, Bert Trautmann, Sepp Maier und Oliver Kahn zwar nicht, aber in dieser Perspektive wird wenig Neues offenbart. Das ist aber auch nicht unbedingt der Anspruch an ein englischsprachiges Werk in deutscher Übersetzung. Die Stärke von „Outsider“ liegt auch in den neuen Sichtweisen, die Wilson über die nicht ganz so alte Position des Torhüters zu vermitteln vermag. Er lädt ein, den Verrückten im Tor auf eine neue Art zu betrachten. Und das alleine lohnt die Lektüre.

Informationen zum Buch:

Jonathan Wilson
Outsider
Eine Geschichte des Torhüters

400 Seiten
ISBN: 978-3-7307-0099-0
1. Auflage 2014
Verlag Die Werkstatt
Preis: 19,90 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.