Fazit 2013/2014

fcsrwe09Seit der Saison 2006 ziehe ich zum Saisonende ein ausführliches Fazit in meinem Blog, seit 2010 auch – mit Unterbrechungen – für Ludwigspark.de. Nach dem Wiedereinstieg zur vergangenen Saison 2012/2013, die sich schon eher durchwachsen gestaltete, habe ich mich lange gefragt, ob ich tatsächlich auch der Aufgabe gewachsen bin, es erneut ein Fazit zu schreiben. Die Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Die vergangenen Wochen haben bei mir nur zwei große Gefühlseindrücke hinterlassen: 1. Es bringt nichts, ewig in der Vergangenenheit zu leben und die großen Schuldfragen zu klären. Es ändert sich nichts, wenn man den Schuldigen für vergangenes Fehlverhalten findet. Sondern nur dann, wenn alle ihr eigenes Verhalten an die neue Situation anpassen. Dazu braucht es die Erkenntnis. 2. Ich habe eigentlich nur noch wenig Lust, mich über diesen Verein zu äußern, der mich emotional zuletzt schwer enttäuscht hat. Aber ich werde es trotzdem versuchen.

1. Präsidium und Aufsichtsrat

IMG_5761Zentrales Thema der Saison war die Ablösung von Paul Borgard durch seinen Vorvorgänger Hartmut Ostermann während der Hinrunde. Angesichts der schwachen Präsidentschaft Borgards ein verständlicher Schachzug des größten Geldgebers, selbst wieder den wichtigsten Posten im Verein einzufordern. Borgard wirkte hilflos, uninformiert über viele Vorgänge im Verein und war schon bei der Suche eines Nachfolgers für Jürgen Luginger de facto entmachtet. Hartmut Ostermann erlebte in seiner zweiten, bislang kurzen Amtszeit als Präsident seinen insgesamt fünften Abstieg. Komplett schuldlos war er gewiss nicht, auch wenn er nur die schon zu Saisonbeginn geschehenen Fehler „verschlimmbesserte“: Er stattete Lugingers Nachfolger Milan Sasic mit zu großer Macht aus, verzichtete auf die Installation eines Sportdirektors, trug die sinn- und verstandslose Einkaufstour Sasics mit und hielt auch zwei Spiele zu lang an seinem Trainer fest. Vizepräsident Harald Ebertz, der in schlechten Zeiten in bester Pontius-Pilatus-Manier keine Verantwortung für sportliche Fehlentscheidungen übernehmen wollte, ist seit Ostermanns Rückkehr kaum mehr wahrnehmbar. Schatzmeister Dieter Weller machte öffentlich leider zuletzt damit Schlagzeilen, indem er schmutzige Wäsche wusch und via BILD Saarland zur Generalkritik ausholte.

AR-Vorsitzender Michael Arnold (Foto: Merl/Leuchtturm)

AR-Vorsitzender Michael Arnold (Foto: Merl/Leuchtturm)

Im Aufsichtsrat versuchte Boss Reinhard Klimmt nach dem Ausscheiden von Horst Hinschberger Ex-Präsident Borgard unterzubringen – und erhielt auf der Mitgliederversammlung im November die Quittung für seine von Ignoranz und verlorenem politischen Spürsinn geprägte Amtszeit. 2010 verknüpfte er seine Wiederwahl mit einem neuen Stadion – das Ergebnis ist bekannt. Klimmt schaffte es nicht einmal, seine nunmehr alten Verdienste um den Verein für sich gewinnbringend auszuspielen. Sein Nachfolger als Aufsichtsratschef ist Michael Arnold, der medial ebenso präsent wie sein Vorgänger ist, dabei aber bereits mehrfach die Konfrontation mit Hartmut Ostermann gesucht hat. Neu dabei sind mit Claude Burgard und Florian Kern zwei „Fanvertreter“, die in einem knappen halben Jahr wenig von ihren Wahlversprechen umsetzen konnten – wenngleich die von Kern eingeforderte Aktion zur Öffentlichkeitsarbeit bereits angerollt ist.

2. Trainer

Foto: Leuchtturm/Oldforest.de

Foto: Leuchtturm/Oldforest.de

Jürgen Luginger setzte die schwache Leistung der Vorsaison nahtlos fort. Das größte Rätsel zu Saisonbeginn lautete: Wie ersetzt er die starken Manuel Stiefler und Sven Sökler? Mit Philipp Kreuels und Andreas Glockner kamen zwei Spieler, die am Ende eher neben sich als auf dem Platz standen. Luginger hielt an Marc Lerandy als Kapitän fest – eine fatale Entscheidung, da Lerandy sich zu Saisonbeginn in einem großen Formtief befand. Er musste nach drei Jahren, zwei Monaten und vier Tagen als Trainer den Platz räumen.

Nach zwei Spielen unter Bernd Eichmann kam Milan Sasic – der Gegenentwurf zum oft nachsichtigen und durchlässigen Luginger. Aber auch taktisch war Sasic der Traditionalist, ließ einen auf Ergebnissicherung abgestimmten, defensiven Fußball spielen. Für dieses Ziel fehlte ihm allerdings die sattelfeste Defensive. Hinzu kam, dass sich der ehemalige Koblenzer und Lautrer zu sehr mit Nebenschauplätzen beschäftigte, dem Enttarnen von vermeintlichen Spionen um Training, sowie der Umstrukturierung des Trainingsbetriebs am Sportfeld und dem Verpflichten neuer Mitarbeiter. Nach der 1:4-Niederlage in Osnabrück musste Sasic gehen.

Fuat Kilic (Foto: 1. FC Saarbrücken/Schlichter)

Fuat Kilic (Foto: 1. FC Saarbrücken/Schlichter)

Sein ehemaliger Assistent Fuat Kilic wurde der dritte Trainingsleiter der Saison. Unter dem Neuling schien der Fußball anfangs attraktiver und moderner zu werden – allerdings blieb die eklatante Schwäche in Auswärtsspielen erhalten. Kilic versprach Kampf bis zum letzten Spieltag – und blieb das Versprechen schuldig. Obwohl er einen Vertrag bis in den Sommer 2016 besitzt, bestehen bereits jetzt Zweifel, ob Kilic noch lange Trainer bleibt – der Punkteschnitt wurde zum Ende hin (0,93) schlechter als der seines direkten Vorgängers Sasic (1,00).

3. Neuzugänge

Sagenhafte 27 Neuzugänge gab es in dieser Saison für den FCS, zählt man Aufsteiger (oder Rückkehrer) aus dem Jugend- und Amateurbereich mit. Von den unter Jürgen Luginger geholten zwölf Spielern können lediglich Torhüter Timo Ochs und Eigengewächs Philipp Hoffmann und mit Abstrichen die Braunschweiger Leihgabe Raffael Korte als drittligatauglich bezeichnet werden. Bei den „Königstransfers“ machte manchmal das Verletzungspech einen Strich durch die Rechnung, aber es gab auch handfeste Enttäuschungen wie Maurice John Deville. Unter Milan Sasic kamen weitere 15 Spieler hinzu, davon einige Leihspieler. Von diesen überzeugte niemand auf voller Linie, wobei Florian Ballas, Kevin Pezzoni, André Mandt, Manuel Zeitz und Patrick Schmidt oftmals die rühmlichen Ausnahmen darstellten. Was sich Sasic mit Spielern wie François Marque, Vito Plut, Julien Humbert und Juri Judt gedacht hat, wüsste ich auch gerne. Und da die Saison nun vorbei ist, darf auch bitte gerne der echte Stefan Reisinger aus Düsseldorf nach Saarbrücken kommen und erklären, warum er ein halbes Jahr seinen untalentierten Zwillingsbruder für den FCS auflaufen ließ.

4. Mannschaft

Im Tor war der 1. FC Saarbrücken drittligatauglich aufgestellt. Der ehemalige Münchner Löwe Timo Ochs spielte sicher und erfahren – leider konnte er aber keinen einzigen Elfmeter halten.

Marc Lerandy 2011 in Bournemouth - damals noch kein Sündenbock

Marc Lerandy

In der Abwehr versuchten die drei FCS-Trainer so einiges Unsinniges, etwa Philipp Hoffmann als Linksverteidiger. Die Innenverteidigung aus Marc Lerandy und Nils Fischer entpuppte sich als nicht drittligatauglich, Rechtsverteidiger Kim Falkenberg zeigte gute Ansätze, war aber verletzungsanfällig und oft schlecht in der Abseitsfalle. Hier wurde wild hin und her getauscht – auch ein Symbol für den Abstieg. Zum Saisonende wurde die Abwehr erst mit Mounir Chaftar, Tim Knipping/Kevin Pezzoni, Florian Ballas und Martin Forkel wieder halbwegs wettbewerbsreif – aber das war schon viel zu spät.

Das Mittelfeld war die Problemzone des Vereins. Luginger glaubte, Sökler und Stiefler ersetzt zu haben – musste aber erst einmal auf Andreas Glockner verzichten und hatte einen gesundheitlich stark angeschlagenen Philipp Kreuels. Christian Eggert nahm die Formschwäche der Vorsaison mit in die Neue und auf links konnten weder Tim Stegerer, noch Serkan Göcer Marius Laux ersetzen. Unter Milan Sasic wurde es plötzlich kreativ im Mittelfeld – im ironischen Sinne. Nach der Logik des Neuen konnte jeder tendenziell die im modernen Fußball wichtige Position des Sechsers übernehmen: Also auch Martin Forkel, Raffael Korte, Nils Fischer, Florian Ballas, Philipp Hoffmann oder sogar ein seelenloser Stahlbolzen. Das war zwar nur idiotisch, aber überdeckte nicht das zentrale (im Wortsinne) Problem: Die Abwesenheit eines zentralen Ballverteilers. Dort versuchte man es am Ende mit Korte, was aber auch nicht verdeckte, dass dies ein Flügelflitzer ist.

Im Sturm ging die One-Man-Show des Marcel Ziemer weiter – bedingt dadurch, dass dieser aufgrund von Verletzungen nur 24 Spiele bestritt, aber sehr limitiert. Mit einer etwas disziplinierteren Einstellung zum Profifußball wären sicher mehr als acht Tore herausgesprungen. In den entscheidenden Spielen unter Kilic versagten zudem einfach die Nerven. Thomas Rathgeber traf anfangs noch als Joker und zweiter Stürmer, war aber auch keine Verstärkung. Maurice Deville blieb den Beweis seiner Drittligatauglichkeit schuldig, ebenso Vito Plut. Der junge Patrick Schmidt zeigte vielversprechende Ansätze, war aber auch nicht treffsicher genug gegen Saisonende.

5. Punktspiele

Ich möchte es abkürzen: 32 Punkte aus 38 Spielen. Das ist schlicht zu wenig und bedeutete vollkommen zurecht am Ende die Rote Laterne.

6. Pokalsaison

Viele Zuschauer sanktionierten das „Wasserdesaster“ der Vorsaison und blieben zum Erstrundenspiel gegen Werder Bremen (15.400 Zuschauer) zu Hause. Sie verpassten den überraschenden 3:1 Sieg nach Verlängerung gegen den Bundesligisten – wohl das einzige Mal in der Saison, dass die Mannschaft tatsächlich auch mal Lust hatte, ihr Können abzurufen. Es folgte ein Sieg gegen Zweitligist Paderborn, sodass kurz vor Weihnachten schon die Bescherung anstand: Achtelfinale gegen Borussia Dortmund. Vor ausverkauftem Hause verlor der FCS mit 0:2.

Im kommenden Jahr wird es keine solchen Szenen geben. Beim Saarlandligisten Mettlach erlebte die Sasic-Truppe ihr Waterloo im Saarlandpokal und gab sich nach schlechter Vorstellung in der Verlängerung geschlagen. Für Aufsehen sorgte, dass Sasic bereits im Vorfeld seinen Unmut über die „zusätzliche Belastung“ durch den Wettbewerb äußerte. In Anwesenheit von Zeitungsjournalisten.

7. Fans

fcsbvb05Ein schlechtes Jahr erlebte auch die Fanszene. Kurz vor Weihnachten sorgte eine Rassismus-Affäre für Aufsehen im Ludwigspark und innerhalb der Fanbetreuung. Die Virage Est rückte im Vorfeld der Kartenvergabe zum Dortmundspiel in den Fokus und warf Schatzmeister Weller vor, Absprachen nicht eingehalten zu haben. Zum Pokalspiel selbst gab es dann von der Virage Est eine Choreographie mit viel Feuerwerk, die eine Geldstrafe für den Verein und einzelne Stadionverbote nach sich zog. Noch extremer wurde es beim Gastspiel in Elversberg. Einen Vorgang, der von anwesenden Journalisten als die viel geforderte „Selbstreinigung des Blocks“ beschrieben wurde, nahm die Polizei zum Anlass, um bei der SV Elversberg Stadionverbote vorzuschlagen. Hierbei wurde nach dem Gießkannenprinzip und nicht mit Augenmaß vorgegangen, wie dem Autor bekannte Einzelfälle belegen. Personell geschwächt, schwieg die Virage Est bis Saisonende und machte mit Plakaten auf sich aufmerksam.

DSCN0023Der D-Block meldete sich kurz nach Beginn der Rückrunde mit einem erneuten Wiederbelebungsversuch zurück. Dieser war in manchen Spielen auch als solcher spürbar, allerdings nahmen die Macher der Wiederbelebung den Mund etwas zu voll, wollten zu jedem Heimspiel eine Choreographie präsentieren, blieben auswärts aber zumindest am Anfang unsichtbar. Auch der Wiederbelebungsversuch schloss sich zum Saisonende dem Stimmungsboykott an und beteiligte sich nicht mehr an der Anfeuerung. Man darf gespannt sein, ob der D-Block nun in der Regionalliga weiter mit von der Partie ist. Angesichts der anstehenden Vielzahl von Derbys ist das zu vermuten.

Für Aufsehen sorgte zudem der Abgang des langjährigen Fanbetreuers Meiko Palm, dessen Folgen derzeit noch nicht abzusehen sind. Peter Thielges wurde zum hauptamtlichen Fanbeauftragten befördert. Insgesamt ist auch festzustellen, dass trotz einer engagierten Arbeit in einzelnen Gruppen wie der Fanbetreuung, den Innwurf-Supporters und anderen eine allgemeine Anti-Stimmung auch den Willen zur Mitarbeit überwiegt. Das ist einerseits verständlich. Andererseits zeigt es halt, dass die Fans auch der schlafende Riese im Verein sind. Also vor allem der Teil mit der Schlafmütze.

8. Mein persönliches Fazit

Letztes Jahr stand an dieser Stelle: Eine Saison mit Höhen und Tiefen. Dieses Jahr kann hier im Grunde nur stehen: Scheiße war’s.

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