Rezension: Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte.

9783730700938_0Heute von Millionen geachtet oder manchmal auch eher achtlos geliebt, ist Fußball der Sport Nummer eins in Deutschland. Der einstige „Engländersport“ hatte hierzulande keinen reibungslosen Start und begann nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern eben auch eine Aussage für internationale Verständigung. Walther Bensemann war als Vereinsgründer, Funktionär und Sportjournalist einer der Pioniere des Sports, zumindest für den süddeutschen Raum – wenn auch zu Lebzeiten mehr gehasst als geliebt. Bernd-M. Beyers biographischer Roman über den „Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte“ gibt Einblicke in heutzutage nicht mehr Selbstverständliches.

Walther Bensemann, einer jüdischen Bankiersfamilie aus Berlin entstammend, ist ein 13-jähriger Internatsschüler in Montreux in der Schweiz, als er mit dem Fußball in Berührung kommt, der mal fein ausgearbeitete Importware aus England ist, mal einfach nur ein zusammengeschustertes Etwas aus Stoffflicken. Im international geprägten Umfeld der Schweiz aufgewachsen, verfällt er schnell dem neuen Sport, seiner Eleganz, seiner Klasse – und auch dem „Fairplay“. Fußball ist in Zeiten des Säbelrasselns von Briten, Deutschen und Franzosen ein willkommenes Mittel, um die Völker im Wettstreit zu einen. Es beginnt mit der Gründung des Footballclub Montreux, dem Bensemann als erster Sekretär vorsteht und die Spiele organisiert, sowie auch die Besorgung der Spielhemden organisiert – auch gegen widrige Umstände, wie die notorisch klamme Kasse des Fußball-Enthusiasten.

Wanderjahre in Deutschland

Es folgt die Übersiedlung nach Karlsruhe und damit der eigentliche Moment, in dem Bensemann, der spöttisch als „Nicht-Deutscher“ betrachtet wird, den Fußball ins Rollen bringt. Erst die Auseinandersetzung mit den Turnern, dann Auseinandersetzungen gegen verbandsinterne Gegner. Bensemann lässt sich nicht durch Widerstände und aufgeheizte Nationalisten bremsen, er ist Gründungsvater von Vereinen und Verbänden, trägt die Idee Fußball durch Süddeutschland. Sein größter Coup: Bensemann bewegt englische Auswahlmannschaften dazu, über den Ärmelkanal zu reisen und erstmals für einige Spiele in Deutschland anzutreten.

Das Ereignis zählt

Bensemann erlebt – meist als Beobachter – die wichtigsten Momente des jungen Sports in Deutschland. Als Gründungsherausgeber des Kickers hat er dabei weniger das Spiel an sich im Blick, sondern meist das große Ganze, das seiner Meinung nach den Fußball ausmacht:

Es war das Gesamtereignis, das ihn interessierte. Für Bensemann begann ein Spiel mit der Anreise der Akteure, der Funktionäre und der Zuschauer, und es endete erst, wenn die Berichte in den Zeitungen standen. Dazwischen lagen Debatten und Bankette, lagen Stil und Blamage, lagen Lust und Zorn, Kampf und Versagen, Gegnerschaft und Versöhnung. Eine Mannschaft mochte ein Spiel mit 12:0 für sich entscheiden – ob sie das Ereignis damit siegreich bestanden hatte, war noch nicht ausgemacht. Hatte sie lustlos agiert, unfair gespielt oder auf gesellschaftlichem Parkett versagt, so wogen das auch zwölf Tore nicht auf.

Beyer schafft es, anhand von Originaltexten aus Bensemanns Zeit einen Roman zusammenzustellen, der authentisch wirkt, aber eben auch weit über das hinaus geht, was ein Sachbuch zum Thema Bensemann leisten könnte. Der Leser bekommt so einen besseren Einblick in den vom Fußball begeisterten jungen Bensemann, aus dem ein Idealist erwächst, der aus tiefer persönlicher Überzeugung für den Fußball in erster Linie, aber dabei auch immer für die Verständigung der Völker eintritt. Der Autor legt dabei in einem ausführlichen Anhang dar, welche Teile des Romans als fiktionale Erweiterung der Figur Bensemanns dienen, um diese besser greifbar zu machen. Die offenen Stellen in Bensemanns Biographie mag eben ein Roman nur mit Interpretationen füllen können – in „Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte“ trüben sie den Spaß beim Lesen allenfalls gering.

Einblick in die Fußball-Geschichte

Spaß hat man vor allem, wenn einen die geschichtlichen Aspekte des Fußballs interessieren. Freunde von ausufernden Beschreibungen von Spielverläufen oder einer damals noch nicht in heutigem Ausmaß vorhandenen Fanszene werden weniger auf ihre Kosten kommen. Dabei entfaltet der Romen seine Spannung eher in den Momenten, wenn Bensemann für sein Lebenswerk kämpfen muss – sei es auf der Suche nach Gönnern, bei Auseinandersetzungen auf Verbandstagen oder etwa in scharfzüngigen Kolummnen für seinen Kicker.

Dabei leistet Beyer zugleich einen Beitrag, um gewisse Mythen über den Fußball aus der Welt zu schaffen: Es war eben in seinen Anfangstagen ein Sport, der aufgrund von nationalistischen Stimmungen in der deutschen Bevölkerung eher auf Skepsis stieß, denn mit offenen Armen empfangen zu werden. Außerdem war der Fußball Bensemanns weit entfernt vom „Arbeitersport“ – die Pioniere des runden Leders waren Oberstufenschüler und Lehrer. Zuletzt sensibilisiert Beyers Buch auch für eine Aufarbeitung der Rolle der Verbände in Zeiten des Nationalsozialismus – Bensemanns jüdische Abstammung sorgte nicht nur dafür, dass er 1933 vor den Nazis in die Schweiz fliehen musste, wo er ein Jahr später verstarb. Auch Bensemanns Beitrag zum deutschen Fußball wurde lange erst geleugnet und dann schlicht vergessen.

Informationen zum Buch:

Bernd-M. Beyer
Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte. Das Leben des Walther Bensemann
Ein biografischer Roman

592 Seiten
ISBN: 978-3-7307-0093-8
1. Auflage 2014
Verlag Die Werkstatt
Preis: 19,90 Euro

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