Mittelmaß mit Tradition

Zuschauer - auch Teil der Mittelmäßigkeit vieler Traditionsvereine

Zuschauer – auch Teil der Mittelmäßigkeit vieler Traditionsvereine

Abstieg und nächstes Jahr wieder Regionalliga. Es hat sich seit Wochen abgezeichnet und obwohl es eigentlich genug Zeit gab, sich mental auf einen weiteren Ligenwechsel nach unten vorzubereiten, ist das Umfeld des 1. FC Saarbrücken befindet sich trotzdem in mentaler Auflösung. Und damit meine ich nicht die Profi-, sowie Jugend- und Amateurabteilung, die sich seit der Ära Sasic nur noch angiften zu scheinen. Oder einzelne Personen im Präsidium und Aufsichtsrat, die im stillen Kämmerlein Pläne schmieden und verwerfen. Heute spreche ich mal vom Umfeld im Sinne von: Zuschauer, Fans, Mama, Papa, Oma und all diejenigen, die meinen, sie sind nicht Teil der Misere. Sind sie aber. Es ist eine der Eigenheiten fast aller Traditionsvereine.

Tradition ist ein Klotz am Bein. „Du weißt selbst, dass das nicht so ist“, meinte ein anderer Blogger, auch Fan eines Traditionsvereins. Seiner ist gerade dabei von Liga fünf in Liga sechs zu verschwinden. Oder noch schlimmer. Vielleicht habe ich das polemisch formuliert. Es ist durchaus ein Kapital. Mit der Bundesliga verbindet jedes Kind noch Namen wie den FC Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 oder den Hamburger SV. Eben nicht in erster Linie 1899 Hoffenheim oder den VfL Wolfsburg. Wir denken an auch Mannschaften früherer Tage , große Erfolge, lassen diese vor unserem inneren Auge wieder aufleben. Gerade bei Mannschaften, die nun in der zweiten, dritten oder einer noch tieferen Liga spielen, ist das Schwelgen in Nostalgie verlockend. Aber wir vergessen dabei oft einige Dinge:

1. Wir erkennen den Bedeutungsverlust nicht an

Die sichtbaren Folgen nehmen alle Problemlos wahr: Sinkende Zuschauerzahlen, wechselnde Ligazugehörigkeit, abgehalfterte Altstars auf Abschiedstour und so weiter. Wir glauben insgeheim, dass dieser Zustand nur vorübergehend ist und sich mit wiederkehrendem Erfolg beheben lässt. Dass es aber auch langfristig dazu führen kann, das Fanpotenziale sinken und der Name des eigenen Vereins eben den Glanz alter Tage verliert – und damit auch die Anziehungskraft auf Sponsoren, die Landespolitik und andere verliert – will uns gar nicht erst in den Sinn kommen. Wenn die Realität uns einholt, reagieren wir beleidigt. Ist ja die Schuld der anderen, die lieber den Plastikvereinen nachrennen, als Fan von dem zu sein, der schon früher da war.

Marcel Ziemer - rettete einst den 1. FC Kaiserslautern vor dem Abstieg.

Marcel Ziemer – rettete einst den 1. FC Kaiserslautern vor dem Abstieg.

2. Wir teilen unsere Tradition nicht mit jedem

Tradition heißt Geschlossenheit – gerne oft im positiven Sinne einer Geschlossenheit aller Fans, einem Schulterschluss von Mannschaft und Zuschauern. Aber ohne es wahrzunehmen schließen wir über die Tradition auch schon im Vornhinein all diejenigen aus, die nicht in unser Bild von Tradition passt. Konkret heißt das: Trainer und Spieler, die zuvor beim Lokalrivalen unter Vertrag waren, werden bei uns besonders kritisch beäugt, manchmal schon direkt zur Begrüßung in Saarbrücken beschimpft (Ehrmantraut, Henke, Ziemer). Einfach weil sie anders sind – so denken wir es zumindest. Eben dieser Druck wird von Zuschauern dann auf das Präsidium umgemünzt und führt entweder dazu, dass der Geduldsfaden früher als bei anderen reißt. Oder dass der besagte Spieler/Trainer außergewöhnliche Leistungen vollbringen muss, um akzeptiert zu werden. Wir fordern oft die Rückkehr verdienter Trainer und Spieler schon alleine aufgrund ihrer früheren Verdienste. Das macht uns blind dafür, ob uns die besagten Menschen wirklich weiterhelfen. Und im Endeffekt sind wir dann enttäuscht, wenn sich der Held von damals als Nichtskönner von heute erweist. Obwohl wir ihn vorher selbst gefordert haben.

Die Führungsebene (Foto: Fanbetreuung, Lizenz CC BY-NC-ND 4.0)

Die Führungsebene (Foto: Fanbetreuung, Lizenz CC BY-NC-ND 4.0)

3. Wir wissen alles besser – hinterher

Wir sind schlauer als unsere Vereinsführung, unsere Trainer, sogar unsere Spieler. Weil wir das auch in der Vergangenheit schon immer waren und weil unsere Führungsetagen schon immer schlecht besetzt waren. Wir kritisieren, obwohl wir nicht unbedingt immer Einblick in alle Ereignisse in diesem Verein haben. Die kriegen wir, weil wir irgendjemanden kennen, der für jemanden arbeitet, der einen kennt, der uns etwas erzählt. „Das darfst Du aber nicht weitererzählen“, sagt uns diese Person. Wir scheißen darauf. Wir lassen uns für die Verbreitung von Wahrheiten und Halbwahrheiten ausnutzen, weil wir es eigentlich ziemlich geil finden, mal diesen inneren Kreis zu streifen oder zu erahnen. „Ich kann nicht erzählen, wer mir das gesagt hat, weil er mir dann gar nichts mehr sagt“, verteidigen wir uns kleinlaut. Wenn jemand uns den Spiegel vorhält, weil wir unsere Meinung dauernd wenden, verteidigen wir uns damit, wie lange wir schon dem Verein die Treue halten. Immer länger als ein anderer.

4. Und wir finden das Mittelmaß doch eigentlich ganz nett

Aber im Grunde – da ja sowieso alle anderen an unserer sehr persönlichen Misere schuld sind – beginnen wir eben jenes Elend zu romantisieren. Wir beginnen davon zu reden, dass ein Abstieg an sich ja nichts Schlimmes sei, dass wir im Gegensatz zu Plastikklubs wie RB Leipzig künftig „wahre Derbys“ mit „echten Fans“ gegen unsere „Erzrivalen“ bestreiten werden, dass vielleicht altgediente Helden wieder zurückkehren. Kurzum: Dass ja doch eine richtig geile Zeit ansteht, zusammen mit den anderen Fans von heruntergekommenen Traditionsvereinen.

Zum Abschluss möchte ich kurz mal noch erklären, warum ich das für mich eher untypische „wir“ über die meiste Zeit des Textes benutzt habe: Weil auch ich nicht frei bin von diesen oben genannten Fehlern. Weil auch ich schon vorschnell geurteilt habe, ohne es besser zu wissen. Weil ich schon Spielern aus unlogischen Gründen schon von Anfang an keine Chance gegeben habe, von mir akzeptiert zu werden. Weil auch ich schon romantisiert habe, was eigentlich nur meinen Frust über den Bedeutungsverlust verdeckt hat. Weil auch ich schon lieber die Tradition meines Vereins gefeiert habe, statt zuzugeben, dass „Emporkömmlinge“ wie Heidenheim, Sandhausen oder Hoffenheim mit ihren Mitteln gut umgehen können.

Wenn es eine Lehre ist, die Zuschauer und Fans des 1. FC Saarbrücken aus diesem Abstieg mitnehmen sollten, dann dass auch die eigene Rolle im Bezug auf den Verein zu hinterfragen ist. Ich persönlich möchte zwar immer noch nicht meinen Traditionsverein gegen einen anderen Verein austauschen. Aber ich möchte mir nicht immer jedes Mittelmaß schön reden oder auf vermeintlich alles sagen, ich hätte es schon vorher gewusst.

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4 Antworten zu Mittelmaß mit Tradition

  1. Pingback: #Link11: Eingemauert | Fokus Fussball

  2. Wolfgang Folz schreibt:

    Hallo,

    ich habe selten einen besseren Beitrag zum Thema Verein, Vereinsleben und Tradition gelesen wie diesen!

    Ich musste während des Lesens schmunzeln, in den Spiegel schauen und wurde gegen Ende doch sehr traurig.

    Traurig, weil der Text so viel Wahrheit beinhaltet. Vor allem das Tradition zu 90 % Vergangenheit ist.

    Unser Verein lebt von und ich denke in weiten Teilen immer noch in der Vergangenheit.

    Ich erinnere mich gerne an frühere Spiele, frühere Zeiten, aber aktuelle Dinge oder zukünftige Dinge machen einfach keinen Spaß.

    Aufjedenfall nehme ich mit was ich selber tun kann; mich zu hinterfragen und zu versuchen fairer mit der aktuellen Situation umzugehen und versuche, dies auf die Leute, die neben mir stehen im Stadion zu übertragen.

    Gruß Wolfgang Folz

  3. Dieter Danninger schreibt:

    Zitat: „Ich persönlich möchte zwar immer noch nicht meinen Traditionsverein gegen einen anderen Verein austauschen. Aber ich möchte mir nicht immer jedes Mittelmaß schön reden oder auf vermeintlich alles sagen, ich hätte es schon vorher gewusst.“

    Naja, was willst du dann ? Oder besser gefragt: Was willst DU dagegen tun ?
    Man muss nicht unbedingt zwangsweise fern jeder Realität leben um zu SEINEM gefallenen Traditionsverein zu stehen.
    Sich auf Derbies nächste Saison zu freuen hat auch m.E. nichts mit „schönreden“ zu tun. Man nimmt einfach was man bekommt und versucht das Beste daraus zu machen. Und wenn das Beste was wir bekommen Derbies gegen Offenbach, Homburg oder Mannheim sind… BITTE !
    Das soll jetzt aber nicht heißen das ich auch gern drauf gesch**** hätte wenn wir dafür nicht in die 4.Liga abrutschen würden… ES IST ABER NUNMAL SO !!!

    • Carsten schreibt:

      Es ist nun mal so, aber mir ist diese regelrechte Vorfreude auf dem Abstieg zuwider. Mir scheint so, dass manche lieber die alten Derbys vor eher mittelmäßiger Kulisse der Aussicht auf 3. Liga vorziehen. Bitte, wer sich freuen will, der soll sich freuen. Ich kann mich nicht über einen Abstieg freuen.

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