Modeerscheinungen im Fußball, die ich nicht brauche II

Folge II: Der Zweitverein

Logo der Seattle Seahawks

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In der Nacht von Sonntag auf Montag waren mal wieder viele Mitteleuropäer entgegen ihrer Zeitzone in der Zeit zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens vor dem Fernseher anzutreffen: Super Bowl! In der Facebook-Freundesliste, sowie auf Twitter, gaben sich gegen Mitternacht die Denver-Broncos-Fans die Klinke in die Hand. Ich beschloss vor Beginn dem anderen Team, den Seattle Seahawks, die Daumen zu drücken. Die defensivstarke Truppe von Pete Carroll war mir irgendwie sympathisch, vor allem der mit einem großen Mundwerk ausgestattete Richard Sherman. Eine Ansammlung von Underdogs, mit einer taktisch sehr modernen Ausrichtung. Die Seahawks spielten am Ende routiniert, die Broncos zeigten Nerven und erlebten mit Star-Quarterback Peyton Manning ein Debakel.

Aber warum diese Vorrede über American Football? Es hat mich auf dieses leidige Thema des „Zweitvereins“ gebracht und ich stelle mir die Frage, ob ich selbst gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen hab, indem ich quasi vorübergehend Fan einer Mannschaft geworden bin. Rede ich mit anderen Leuten, die meine Leidenschaft für einen Drittligisten vielleicht noch nicht wirklich kennen, über den Fußball, taucht nämlich irgendwann eine Frage auf, die unvermeidlich ist: „Und welcher Mannschaft drückst Du in der Bundesliga die Daumen?“

Eigentlich ist die Antwort denkbar einfach: Keiner. Mein Verein ist aktuell Drittligist, vielleicht bald nur noch Viertligist. Der Blick des Fragestellers impliziert ohne es zu sagen: „Aber Du bist doch so fußballinteressiert, da muss es doch eine Mannschaft geben, die Du in der Bundesliga sympathisch findest!“ Gibt es vielleicht hin und wieder auch. Aber dann bin ich weit davon entfernt, mich als Fan dieser Mannschaft zu bezeichnen oder ihr gar die Daumen zu drücken. Weil es mir im Grunde egal ist, ob sie gewinnt, verliert oder Remis spielt. Mich interessiert die Bundesliga durchaus, weil ich gerne guten Fußball oder packende Spiele sehe. Aber wer da auf dem Platz steht? Wenn das Niveau stimmt, ist mir das herzlich egal.

„Aber in der Champions League, da drückst Du doch auch den Bayern die Daumen, wegen der Fünfjahreswertung ist das doch gut für Deutschland“, wird mir jetzt schon langsam ins Gewissen geredet. Jetzt werde ich innerlich schon etwas sauer, da ich dieses plumpe, von Verbandsfunktionären und/oder Journalisten konstruierte Argument nicht mag. Was hat denn mein Verein, aktuell Drittligist, davon? Nichts. Der wird so schnell keinen Europapokal gewinnen. Und auch hier interessiert mich ein Sieg des FC Bayern München gegen den CFR Cluj herzlich wenig, wenn ich parallel vielleicht den AC Mailand gegen den FC Barcelona spielen sehen kann. Generell hat der Gruppenmodus der UEFA-Wettbewerbe dazu geführt, dass ich mich erst ab der K.O.-Runde für den Wettbewerb interessieren kann.

Aber verneine ich damit nicht das Wesentliche des Fußballs, die Hoffnung auf Sieg, den Frust einer Niederlage…Moment, hier mal kurz Stopp. Genau DAS ist der Grund, wieso ich den Unsinn mit dem Zweitverein in gut vier von fünf Fällen ablehne. Sich einen Zweitverein in der Bundesliga zulegen, wenn der eigene Verein nur im Amateurfußball unterwegs ist, ist meistens die Flucht vor der negativen Seite des Fanlebens. Es gehört zur Situation des Spiels dazu, dass ich Niederlagen, auch wenn sie schmerzhaft häufig vorkommen, ertrage. Wo es Gewinner gibt, da zwangsläufig Verlierer. Und sich eine Ersatzbefriedigung zu suchen, wenn es bei der eigentlichen Liebe nicht läuft, mag zwar kurzfristig den eigenen Glückshaushalt aufbessern. Aber tief im Unterbewusstsein weiß jeder Zweitvereinsfan, dass er oft „fremdgeht“, weil ihm der eigentliche Erstverein peinlich ist. Und macht man so etwas mit seiner wahren Liebe? Natürlich nicht, denn man lässt niemanden so einfach im Stich.

Deswegen ist der Zweitverein per se noch nicht abzulehnen. Manche werden aufgrund von Fanfreundschaften mit anderen Fan von einem weiteren Verein, manche aufgrund eines Umzugs in ein anderes Land, manche suchen sich halt pro Sportart einen Verein. Das ist auch okay. Und auch wenn mich ein Sieg der Denver Brocos im Super Bowl nicht wirklich tief heruntergezogen hätte, habe ich den Seahawks die Trophäe von Herzen gegönnt. Trotzdem wäre das alles Nichts im Vergleich zum Klassenerhalt meines Drittligisten in dieser Saison. Der einzige Titel, der eine wirkliche Bedeutung für mich hat.

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6 Antworten zu Modeerscheinungen im Fußball, die ich nicht brauche II

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  2. Gunnar schreibt:

    Wie ist es denn, wenn man schon seit der Kindheit Fan eines Bundesligisten ist und irgendwann später aus regionalen Gründen noch einen Verein aus den Niederungen der Dritten Liga für sich entdeckt?

    • Carsten schreibt:

      Dann lebt man in bizarroworld. Oder Wiesbaden.

      • Gunnar schreibt:

        Wenn ich mal meine Twitter-Timeline als Vergleich heranziehe, würde ich so ein Konstrukt als gar nicht besonders abwegig bezeichnen. Da gibt es x Leute, die Fan eines „großen“ Vereins (Bayern, Dortmund etc.) sind, aber durchaus offen ihre Sympathien für den Verein ihrer Heimat (ob nun Wiesbaden, Berlin, Bielefeld, Kassel oder – Achtung – Saarbrücken) bekunden.

      • Carsten schreibt:

        Da hast Du nicht unrecht, darüber müsste es aber wohl einen eigenen Text geben, da das wieder ein ganz eigenes Phänomen ist. Bei denen ist ja nicht ein gefühlter Druck zur Rechtfertigung Ursache für den zweitverein.

  3. Alex schreibt:

    Schöner Text, den ich – als Fan eines Viertligisten – besonders im Moment gut nachvollziehen kann. Ich arbeite gut 370 km vom heimischen Stadion entfernt, einen Bundesligisten quasi vor der Haustür und wenn es mit den Kollegen um Fussball geht, ernte ich vor allem eins: ungläubig-mitleidige Blicke. „Wie, 4. Liga? Habt Ihr überhaupt ein richtiges Stadion? Echt, Ihr habt da auch Dauerkarten? Warum tust Du Dir das eigentlich an?“ ;-).

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