Nützliche Feindbilder

Feindbild Journalist?

Feindbild Journalist?

Sherlock Holmes hat Professor Moriarty, der Batman hat den Joker, Dortmund hat Schalke und umgekehrt. Feindbilder scheinen, obwohl uns immer wieder als die Plage schlechthin erscheinen, doch von großem Nutzen zu sein. Wir definieren über sie, was wir absolut nicht mögen und damit folglich auch ein Stück weit, wer wir selbst sind. Doch gerade im Fußball ist das nützliche Feindbild oft nicht nur langweilig. Sondern auch schlicht die nützliche Ausrede für eigene Schwächen.

Doch wie sieht das aus? Ich nehme mal ein paar Beispiele, wie sie in jedem Fußballverein vorkommen könnten und natürlich auch bereits vorgekommen sind. Einen Disclaimer, dass hier keine Ähnlichkeiten mit lebenden Personen zu finden seien, ist hier also gänzlich überflüssig. Denn es kommt immer wieder vor.

Trainer gegen Spieler

Da wäre vielleicht der Trainer, der gewisse Spieler nicht mehr aufstellt. Für die gemiedenen Spieler taucht schnell die Erklärung auf, dass er nach Sympathie und nicht nach Leistung aufstellt. Auf die Idee, dass für den Trainer vielleicht nicht die Sympathie, sondern wirklich das Können zählt, kommt man dann nur noch selten.

Doch auch der Trainer kann mitunter vermuten, dass einzelne Spieler gegen ihn den Aufstand proben oder absichtlich schlecht spielen. Aber ist das wirklich immer so? Vielleicht äußert sich so auch nur schlicht der Wille nach mehr Einsätzen bzw. ein reales Formtief. Profisportler, die auch weiter Geld im Profizirkus verdienen wollen, können sich nicht viele unprofessionelle Verhaltensweisen erlauben.

Auch der Spielerberater wird von Zuschauern, Fans und Vereinsoffiziellen wahlweise als Verbündeter oder ärgster Feind betrachtet. Dem Vorwurf, dass ein Spielerberater nur seine Spieler von der Resterampe an einen Verein verscherbeln will, um sich den Porsche zu leisten, kann ebenso entgegen gesetzt werden: Wenn ein Spielerberater zu viele unpassende Spieler zu einem Verein lotst und damit einen Abstieg provoziert, droht ihm auch ein guter Kunde wegzubrechen und statt dem Sportwagen reicht das Geld vielleicht nur noch für den ÖPNV. Da helfen auch keine wutschäumenden Briefe an Rundfunkanstalten mehr.

Fans gegen Polizei

Ein gutes Feindbild gibt aus Fan- und Ultrasicht gerne die Polizei ab, die mittels der bekannten Losung „ACAB“ dem Generalverdacht ausgesetzt wird, gegen den sich die aktiven Fans zur Wehr setzen. Dass auch Polizisten mitunter einfach nur daran interessiert sind, dass Menschen nicht zu schaden kommen und es auch innerhalb der Polizei sehr weitsichtige und für Faninteressen offene Menschen (in Saarbrücken sollte Peter Becker noch bekannt sein) gibt? Unvorstellbar.

Auf der anderen Seite rekrutieren sich auch die Ultras nicht aus gewaltsuchenden Halbstarken, die das alte Pfadfinderspiel „Erobere die Flagge“ als einzigen moralischen Kompass in sich tragen. Wo vielerortes der kommunale Sparzwang Jugendzentren hat sterben lassen, beschäftigen die Ultras junge Fans auch außerhalb der Spieltage sinnvoll und zeigen auch soziales und karitatives Engagement (man denke an die Kleidersammlung für Obdachlose im Dezember).

Schmierfinken

Und zum Abschluss der Klassiker unter den Feindbildern: Der Journalist. Von Fans und Funktionären gerne gleichermaßen gehasst, weil er nicht den erhofften „Lokalpatriotismus“ zeigt und lieber das eigene Nest beschmutzt, Lügen abdruckt, nur die unschönen Seiten des Geschäfts aufzeigt und so weiter. Dass auch der Journalist unter seinesgleichen unter Rechtfertigungsdruck steht und schon „Sportberichterstattung“ manchen als Synonym für „Hofberichterstattung“ gilt? Geschenkt. Dabei sollten auch Vereine wissen, dass sportlicher Erfolg für jeden Fußballjournalisten wünschenswerter ist, als alles andere.

Doch auch der Journalist hat nicht nur manchmal die Schere im Kopf, sondern lässt sich auf Freund-Feind-Spiele ein. Weil man vielleicht mal mit einem neuen Trainer nicht klarkommt, weil der neue Verhaltensregeln für die Pressearbeit eines Vereins wünscht. Als Schreiberling dann mit dem Gedanken „Der ist längst gefeuert, wenn ich noch hier berichte“ zu kommen, mag zwar oberflächlich helfen und den Kreis an Feindbildern schließen. Aber es verdeutlicht genau, was hier falsch läuft.

Komplex statt einfach

Feindbilder existierten und fußen durchaus auf Begebenheiten, bei denen der Neutrale sagt: Hm, joa, stimmt schon. Aber Fußball ist ebenso komplex wie der Rest der Welt, selbst dieses einfache Spiel mit den 22 Spielern, einem Ball und einer stetig wachsenden Anzahl an Schiedsrichtern auf dem Feld und drum herum. Die oben genannten Beispiele zeigen, wie schnell aus dem Feindbild ein Schwarz-Weiß-Denken entsteht, bei dem der eigentliche Sinn und Zweck darin besteht, eine einfache Antwort für etwas zu suchen, was einem gerade nicht in den Kram passt. Kann man machen, ist aber ziemlich dumm, da es einem auch die Chance nimmt, nach komplexeren Erklärungen zu suchen.

Perfektioniert haben manche das Schwarz-Weiß-Denken dann eben mit dem Feindbild, das immer noch dem gleichen Muster funktioniert. Somit besteht überhaupt keine Chance mehr dafür, dass sich das Feindbild anders verhält und selbst wenn dem so ist, wird dieses abweichende Verhalten bewusst ignoriert. Um sich die schön vorbereitete Entschuldigung, dass halt andere schuld seien, doch nicht zu zerstören?

Warum diese Tirade mit durchaus simplen Beispielen? Mein Verein startet in Kürze in das Pflichtspieljahr 2014, es läuft nicht mal so gut und der Abstieg droht. Da habe ich eben keine Lust, dass schon nach dem ersten Spiel das große „Mit-dem-Finger-auf-andere-zeigen“ losgeht, wenn es eigentlich sinnvoll wäre, mal zu schauen, was man selbst noch ändern kann. Wobei in einer Beziehung Feindbilder durchaus auch nützlich sein können: Die Spiele zwischen Dortmund und Schalke wären etwa ohne Feindbilder für jeden Fußballinteressierten nicht interessanter als ein Spiel von Leverkusen gegen Hoffenheim.

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