Fuppes des Tages: Mission erfüllt?

Ex-Aufsichtsratsvorsitzender Reinhard Klimmt (Foto: oldforest.de)

Ex-Aufsichtsratsvorsitzender Reinhard Klimmt (Foto: oldforest.de)

Reinhard Klimmt ist seit knapp zwei Wochen nicht mehr der Aufsichtsratsvorsitzende des 1. FC Saarbrücken. Wer sich ein wenig im Umfeld des 1. FC Saarbrücken auskennt, war über das Votum der Mitgliederversammlung durchaus geschockt, aber nicht wirklich anhaltend überrascht. Anders das saarländische Feuilleton, die Kenner der Politszene oder vielleicht die Kultur-Bohème des Landes. Dort kennen sie eher Reinhard Klimmt, den Kunstsammler, Bücherfreund und klugen Beobachter. Bernard Bernarding, 61 Jahre alt und stellvertretender Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, mag ein Kenner eben dieser Szene sein, in der auch Reinhard Klimmt zu Hause ist. Von den Umständen beim 1. FC Saarbrücken scheint er allerdings nicht die geringste Ahnung zu haben. Seine heute erschienene Klimmt-Apologie mit dem Titel „Meine Mission ist erfüllt.“ lässt keinen anderen Schluss zu.

Rhetorische Fouls

Schon in den ersten beiden Absätzen bezieht Bernarding Position – natürlich für Klimmt. Der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende wird zum „Geldsammler, gute[n] Geist, graue[r] Eminenz“. Seine Abwahl am 19. November wird zur „Nacht der langen Messer“, Bernarding spekuliert wild über eine „Clique von Verschwörern“, die Klimmt mit einer „Blutgrätsche“ vom Platz fegen wollte. Eine plumpe Mischung aus Polit- und Fußball-Rhetorik, die schon Rollen im Drama um den SPD-Politiker verteilt, bevor überhaupt die Fakten genannt werden. Klimmt ist der „Sündenbock“.

Hält das den Fakten stand? Klimmt weiß es natürlich nicht, schiebt aber irgendwann ein „HO [Anmerkung FCSBlog 2.0: Hartmut Ostermann] wollte nur wieder einsteigen, wenn ich weiter zur Verfügung stehe“ hinterher, um die alte Mär des Victor’s-Rückzugs aufrecht zu erhalten. Eine Mär, die längst widerlegt wurde: Vom Votum der Mitgliederversammlung und der Tatsache, dass HO weitermacht.

Analyse an der Oberfläche

In der Ursachenforschung versucht sich Bernarding weiter im Text: Die Veranstaltung habe sich „elend lange“ hingezogen, viele Stammwähler Klimmts seien ob der fortgeschrittenen Stunde heimgegangen:

„Übrig blieben jene Fans, die endlich mal jüngere Vertreter im Aufsichtsrat sehen wollten – und sauer waren wegen des abgesagten Stadion-Neubaus. Dabei hatte nicht Klimmt kalte Füße bekommen, sondern ein kleiner Kreis der Verzagten, respektive Vernünftigen um Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, Oberbürgermeisterin Charlotte Britz sowie Meiser und Ostermann.“

Hier kommt Bernarding immerhin ein wenig näher an die Wahrheit – kratzt allerdings nur an der Oberfläche und zieht die alten Klimmt-Masche der Verantwortungsdiffusion einer Analyse vor. Tatsächlich war der Anteil jener Fans, die jüngere Menschen im Aufsichtsrat sehen wollte, enorm. Florian Kern erhielt knapp zwei Drittel der Stimmen. Aber wieso wurde dann auch ein Franz-Jakob Abel, der nach eigenem Bekunden auch gut mit seiner Abwahl hätte leben können, gewählt und Klimmt nicht? Hier kommt nicht nur das Thema Stadionneubau zum Tragen: Es sind Klimmts nicht eingehaltene Versprechen, die auch alteingesessene Mitglieder verärgerten. 2010 verkündete Klimmt stolz, er lasse sich nur wiederwählen, wenn es konkrete Zusagen zum Stadionneubau gebe. Die präsentierte er auch auf der Mitgliederversammlung 2010 und ließ sich wählen – am Folgetag berichtete Bernardings Blatt darüber, dass es keine Zusagen von Stadt und Land gegeben habe. Klimmt wurde als Lügner entlarvt – unabhängig vom mangelnden politischen Willen eines Neubaus.

Verklärung

Peinlich wird es dann, wenn in Mitten der Klimmt-Verteidigung auch Paul Borgards Abwahl mit dem vermeintlich einzigen Grund erklärt, er habe dafür gesorgt, dass „das beliebte Vereinsmaskottchen Dieter Ferner nach Neunkirchen“ flüchten musste. Abgesehen von der respektlosen Titulierung Dieter Ferners als „Vereinsmaskottchen“ (Wo war Herr Bernarding eigentlich zwischen 2008 und 2012?) kommt schlicht zu kurz, dass es nicht nur keinen Fortschritt unter Borgard gab, sondern auch viele Fehltritte. Schalke lässt grüßen.

Natürlich darf bei der ganzen Mythenbildung eine Geschichte nicht fehlen: Klimmts Abgang als Bundesverkehrsminister im Zuge der Caritas-Affäre. Bernarding: „In seiner Rücktrittserklärung steht ein ziemlich ehrlicher Satz: „Meine Absicht war es, den FC Saarbrücken zu retten und auf eine solide sportliche und wirtschaftliche Grundlage zu stellen.“ Als FCS-Fan leuchtet diese Argumentation durchaus ein: Klimmt opferte die politische Karriere im Kabinett Schröder für die Zukunft des Vereins. Andererseits darf hier einmal – ohne blau-schwarze Brille – gefragt werden, ob es dem Ruf des Vereins zuträglich war, wie der 1. FC Saarbrücken damals vor der Insolvenz bewahrt wurde? Hört man genau hin im Land, ist das zwar nicht der einzige, aber ein wesentlicher Grund, warum in vielen Köpfen noch das Bild vom „Skandalverein“ existiert.

Letztlich ist aber in der Logik von Bernard Bernarding Klimmt nur dieser Retter, dem man wohl als FCS-Fan bis in die Ewigkeit zum Dank verpflichtet sein muss. Auch wenn das Spätwerk des Kunstsammlers Klimmt daraus bestand, Innovation im Verein zu hemmen und die eigene Machtposition gegen jegliche Widerstände abzusichern. Bernarding fehlt dieser Blick auf den Verein. Deshalb hat er einen Text abgeliefert, der weit unter der Würde eines Politredakteurs steht – und auch unter der Würde eines stellvertretenden Chefredakteurs.

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