Gesucht: Der Sündenbock

Marc Lerandy 2011 in Bournemouth - damals noch kein Sündenbock

Marc Lerandy 2011 in Bournemouth – damals noch kein Sündenbock (Foto: Oldforest.de/Leuchtturm)

Der Ex-Kapitän ist gegangen. Nach 150 Ligaspielen für den 1. FC Saarbrücken hat dieser den Vertrag mit Marc Lerandy einvernehmlich aufgelöst. Für die einen war das Anlass für weder besonders kluge, noch zitierfähige Kommentare. Andere verwiesen darauf, dass es nun bald einen neuen Sündenbock geben müsse. Doch was ist ein Sündenbock? Und was macht jemanden zum Sündenbock beim 1. FC Saarbrücken?

Fangen wir mal bei der handelsüblichen Beschreibung des Sündenbocks, festgelegt durch das Standard-Nachschlagewerk des deutschen Journalismus an. Dort ist der Sündenbock jemand, „dem man die Schuld für Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle.“ Beim 1. FC Saarbrücken waren das in der Vergangenheit Marc Lerandy, davor Enver Marina, davor Stephan Sieger. Als Trainer musste auch Jürgen Luginger herhalten. Was in allen Fällen eine Rolle spielt: Es gab tatsächlich den Misserfolg. Aber wer war tatsächlich der Schuldige am Misserfolg?

Die Ahnentafel der Sündenböcke

Mit Stephan Sieger (von 2010 bis 2012 beim FCS) wurden die Blau-Schwarzen in der Liga Sechster und Zehnter und gewannen zwei Mal in Folge den Saarlandpokal. Eine Bilanz, von der so mancher Sündenbock nur träumen kann. Ihm wurde das Alter und damit einhergehend fehlende Schnelligkeit vorgeworfen. Dass er in 72 Spielen elf Tore erzielte – geschenkt. Auch Enver Marina – einst gefeierter Pokalheld und später noch mehr gefeierter Rückkehrer wurde irgendwann das unrühmliche Schicksal zuteil. Seine Patzer häuften sich in der Hinrunde 2012/2013 so sehr, dass er in der Rückrunde meist nur noch auf der Tribüne Platz fand. Der FCS kassierte zwar in der Hinrunde nur zwei Gegentore mehr (32), als in der Rückrunde (30), und insgesamt nur elf Tore mehr als in der Vorsaison – aber auch hier: unwichtig.

Und jetzt Lerandy, dem die Qualität für die 3. Liga abgesprochen wird, der zu langsam für die Gegenspieler sein soll. Und, und, und. Vergessen wir halt mal für ein paar Momente, dass Marc Lerandy in vier Jahren nur zwei Ligaspiele verpasste und das drei Jahre davon in der 3. Liga gespielt wurde. Marc Lerandy geht und alles wird gut.

Die Funktion des Sündenbocks

Was auffällt: Bei diesen Namen wurde irgendwann der Einsatz eines einzigen Spielers zum Symbol sportlicher Niederlagen. Was bei einer Mannschaftssportart wie Fußball durchaus in Zweifel zu ziehen ist. Mit einem schlechten Spieler ist eine Mannschaft sicher geschwächt. Aber die Leistung eines einzelnen Spielers ist auch für seine Nebenleute nie ein Alibi für eigene schlechte Leistungen.

Stattdessen erfüllt der Sündenbock einzig und alleine für den Zuschauer eine soziale Funktion. Missfolg braucht ein Gesicht – und das gibt ihm eben der Sündenbock. Einer Mannschaft mag man – wenn es nicht gerade ein Extremfall wie das Pokalaus in Mettlach ist – ungerne eine Komplettschuld geben. Schließlich gibt es in der Mannschaft den einen oder anderen Kicker mit Begabung, unverbrauchte Jugendspieler oder schlichte Sympathieträger. Dass die Mannschaft als Kollektiv in jedem Falle ein geeigneterer Adressat des eigenen Unmuts wäre, wird vergessen.

So können wir uns auch von der Idee verabschieden, dass der Abgang von Marc Lerandy alles ändert. Für Lerandy ergibt sich die Chance, vielleicht bei einem neuen Verein anzuheuern. Für diejenigen, die auch künftig lieber ihren Frust loswerden wollen, denn sich der Ursachenforschung zu widmen, geht nun die Suche nach dem nächsten Sündenbock los. Unabhängig vom Erfolg des Vereins.

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