Warum wir eine neue Vereinskultur brauchen

antragWer sich mal ein wenig in der deutschen Wikipedia umsieht, dem fällt auf, dass die Fußball-Bundesligisten in der Übersicht der „Vereine und Unternehmen in der deutschen Fußball-Bundesliga 2013/14“ vermerkt sind. Die wenigsten Bundesligisten sind noch im klassischen Sinne Vereine, bei den meisten wurde die Profiabteilung ausgegliedert. Mitgliederversammlungen haben also nur noch einen begrenzten Einfluss darauf, was im Profibereich passiert.

Wer die Mitgliederversammlungen des 1. FC Saarbrücken kennt, wird sich nun fragen: Haben wir denn wirklichen Einfluss auf irgendwas? Im Grunde nur über Satzungsänderungen, Anträge für die Mitgliederversammlung und die Wahl des Aufsichtsrats. Das hört sich zunächst ganz ordentlich an, ist aber schon an und für sich eine Mogelpackung. Für Satzungsänderungen braucht es eine Zustimmung von drei Vierteln der anwesenden, stimmberechtigten Mitglieder. Dass es schwierig ist, so etwas vorzunehmen, wenn die Kommunikation des Präsidiums mit der Basis nicht vorhanden ist, zeigte die letzte Sitzung.

Misstrauen und verbale Stiche

Derzeit häufen sich leider sogar die Vorkommnisse auf eine unangenehme Art und Weise, die deutlich vor Augen führen, wie schlecht es um die Vereinskultur beim 1. FC Saarbrücken bestellt ist. Es gibt konkurrierende Trainerkandidaten, einer vom Präsidium, einer vom Sponsor. Der Sponsor setzt sich durch, wird gleich drauf wieder Präsident. Der neue Trainer bekommt fast absolutistische Befugnisse. Ein Blogger (Oldforest.de) berichtet über die Hintergründe und darf sich daraufhin öffentlich vom Trainer diffamieren lassen: „Diese Leute haben keine Ahnung. Sie sind nicht seriös, weil sie sich nicht erkundigen, sondern einfach Lügen verbreiten.“ Milan Sasic sagte dies gegenüber dem Magazin Forum, das zur Gruppe von Hauptsponsor und Präsident Ostermann gehört. Autor des Artikels: Dominique Rossi, ehemaliger Pressesprecher des FCS. Wirklich subtil ist das nicht.

Dass sich diese Vereinskultur durch fast alle Ebenen zieht, zeigen die Vorgeplänkel zur Mitgliederversammlung am 19. November. Reinhard Klimmt, seines Zeichens ehemaliger Verkehrsminister und SPD-Mitglied, kündigte an, dass zwar neue Ideen im Aufsichtsrat nicht schaden würde, aber selbst im Falle einer Wahl von Florian Kern und/oder Claude Burgard die Stimmmehrheit im Aufsichtsrat bei den alteingesessenen Mitgliedern verbleiben würde. Und die machen dann auch weiter wie bislang. Ein offensichtlicher Angriff, der in der Saarbrücker Zeitung fortgeführt wurde: Klimmt verwies darauf, dass Sitzungen des Aufsichtsrats nicht öffentlich seien – auch wenn sich Wähler von Kern und Burgard eben mehr Transparenz erwarten werden. Eine Antwort auf eine Frage, die nie gestellt wurde – das gehört ebenso zum Wahlkampf-Repertoire wie die „Kooptierung“ von Ex-Präsident Paul Borgard. Ein Vorgang, der weder in der Satzung steht, noch irgendeine inhaltliche Notwendigkeit besitzt. Er zielt rein darauf ab, Paul Borgard am 19. November als Mitglied des Aufsichtsrats zu präsentieren. Obwohl dieser bisher noch nie von der Mitgliederversammlung in ein Amt gewählt wurde.

Ein Verein, der gerne Unternehmen wäre

Vielleicht liegt es daran, dass die erste Herrenmannschaft im Abstiegskampf steckt. In der Vergangenheit wurde besonders in diesen Momenten den Vereinsmitgliedern wenig Mitbestimmung eingeräumt, mit der zweifelhaften Begründung, dass dies zum Wohle des Vereins sei. Vulgo: Wir dürfen nicht absteigen, weil dann gehen hier die Lichter aus. Gebracht hat es freilich nichts, außer dass der 1. FC Saarbrücken die Abhängigkeit von Hartmut Ostermann auch in sportlich ruhigeren Zeiten nur noch vergrößerte. Das ist so lange kein Problem, wie es sportlich läuft. Der erfolgreiche Unternehmer Ostermann hat es dabei leider nach zwei Jahrzehnten noch nicht geschafft, ein Personal hinzustellen, das den finanziellen Aufwand in Erfolg umwandelte. Wo Saarbrücken sich gerne sähe – in einer Reihe mit Hannover, Mainz oder anderen – kam man nie hin, weil man sich lieber Loyalität viel kosten ließ, denn Innovation, Kreativität oder einfach nur Kompetenz. Man wäre gerne Fußball-Unternehmen geworden, ist aber stattdessen im alten Mief des deutschen Vereinswesens stecken geblieben. Der Paragraph 23 der Satzung, die Möglichkeit der Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung für das Präsidium, steht als Mahnmal für diese Entwicklung, wie der bislang gescheiterte Stadionumbau. In Saarbrücken mag man halt unsichtbare Mahnmale.

Die Mitgliederversammlung als Chance

Man kann von Glück sagen, dass die Ausgliederung bislang eben an den nichtvorhandenen VIP-Logen und Business-Seats gescheitert ist. Denn so hat erst einmal der Verein 1. FC Saarbrücken die Chance, sich von der unangenehmen Vereinskultur der Vergangenheit zu lösen. Indem endlich offen diskutiert wird – zur Sache und nicht übereinander. Indem Satzungsänderungen diskutiert und ordentlich abgestimmt werden – und nicht an einem „Rache-Votum“ scheitern, weil eine Seite nicht das bekommen hat, was sie wollte. Ein besonders schönes Zeichen wäre es zudem, wenn die Mitglieder am 19. November diejenigen in den Aufsichtsrat wählen, die sie für besonders geeignet für den Posten und gut für den Verein halten – und wir nicht in den alten antidemokratischen Reflex verfallen, ein Verein sei innerlich gespalten, nur weil es mehr Kandidaten als zu vergebene Posten gibt. Wenn der 1. FC Saarbrücken mal ein erfolgreiches Unternehmen werden will, muss er zunächst mal das Ziel in Angriff nehmen, als Verein erfolgreich zu werden. Auch neben dem Platz.

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