Modeerscheinungen im Fußball, die ich nicht brauche I

Folge I: Online-Votings

abstimmen„Wir liegen nur mit 18 Stimmen zurück, auf geht’s Jungs!“ – Sätze wie dieser haben in ihrer Häufigkeit mit Entdeckung des Internets durch die Fußballfans der Republik einen dramatischen Anstieg erfahren. Es war keine Überraschung, lebte der Fußball doch schon immer von Abstimmungen: Das Tor des Monats, der Fußballer des Jahres – die klassischen Ehrungen ausgezeichneter Leistungen. Während sich beim Fußballer des Jahres ausschließlich Spieler von internationalem Format die Klinke in die Hand gaben, war das Tor des Monats der Sportschau schon früh klassenlos. Auch Amateurspieler konnten von einem Millionenpublikum für einen besonders kunstvollen Treffer ausgezeichnet werden – Bedingung war eigentlich nur eine Kamera am Spielfeldrand. Schon im Premierenjahr 1971 erzielte das Tor des Monats Juli ein gewisser Peter Braun vom SV Fraulautern. Der Fußballer mit dem Allerweltsnamen machte sich mit seinem Treffer gegen den FC 08 Homburg unsterblich. Und wer will das den Amateuren auch verdenken? Außerhalb der saarländischen Landesgrenzen ist der SV Fraulautern, aktuell Bezirksligist, nicht bekannt.

Wer mit der Einführung des Internets auf eine noch stärkere Demokratisierung solcher Wahlen hoffte, kann 2013 vor allem konstatieren: Die Voting-Kacke nervt. Keine Ligenseite, die nicht Woche für Woche ihre Besucher zur stumpfen Stimmabgabe nervt. Selbst eine Liga wie die 3. Liga hat nun mehrere Abstimmungen, teils offiziell, teils inoffiziell. Bei der Fanseite reicht es dann schon, als Einwechselspieler eine Minute vor Schluss einen Treffer erzielt zu haben – sportlich ist das subjektiv gesehen zwar ganz nett, aber wieso soll ich einen Spieler zum „Spieler des Spieltags“ wählen, der vielleicht nur fünf Minuten am Spieltag teilgenommen hat?

Die Abstimmungen boomen, weil nicht mehr nur Tore oder Spieler von Interesse sind. Nun gibt es den „Trainer des Monats“, die „Choreographie des Monats“ und „der größte Traditionsverein“. Ob Fans sportlich mäßig erfolgreicher Vereine sich ihr Ego damit aufbessern, dass sie nach gewonnenem Online-Voting mit stolz geschwellter Brust und dem Fantasie-Orden „Gewinner beim Online-Voting einer Fanseite zur besten Zaunfahne der Woche“ gewonnen haben? Vielleicht, denn es gibt in jeder Fanszene die Lautsprecher, die ihren Google-Alert auf eben solch unnötige Abstimmungen eingestellt haben. Sie haben stets das aktuelle Abstimmungsergebnis parat und nehmen ihre Mitfans moralisch in Haftung, indem sie auf die Dringlichkeit der Abstimmung hinweisen: „Man kann nur noch eine Stunde voten!!! ALLE MANN abstimmen, sonst verlieren wir gegen die Bauern!!!1“

Vom ursprünglichen Sinn des Abstimmens, nämlich dem unvoreingenommen Goutieren hervorragender Leistungen, unabhängig von Vereinszugehörigkeiten, hat sich das schon längst entfernt. Selbst die Sportschau muss beim „Tor der Woche“ schon einen Kombiwagen verlosen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Ein frommer Wunsch ist es daher, dass die Online-Votings endlich zwangsumbenannt werden, nämlich in das, was sie wirklich sind:

„Spieler des Vereins, dessen Fans sich am meisten davon versprechen, bei irgendwelchen Online-Votings zu gewinnen.“

„Choreographie der Fanszene, die mehr Fans im Internet als im Stadion hat.“

„Größter Traditionsverein mit Anhängerschaft, die 24 Stunden am Tag auf Facebook abhängt.“

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