Was Fußball-Fans im Saarland kosten

Polizeieinsatz in der Bahnhofsstraße

Polizeieinsatz in der Bahnhofsstraße

SR-online hat aktuelle Zahlen zu Polizeieinsätzen bei Fußballspielen im Saarland veröffentlicht. Die Hauptfrage: Was hat der Fußball im vergangenen Jahr den Steuerzahler gekostet? Gerade aus Sicht der Fans des 1. FC Saarbrücken ein spannendes, oft auch zu emotionales Thema. Überraschend sind die Zahlen nicht wirklich – sie sorgen aber an einigen Stellen leider für Unklarheit.

Die Statistik zum Aufwand liest sich wie folgt:

Saison Stunden Beamte Aufwand in Euro
2012/2013

35.519

5.552

2.092.069

2010/2011

20.872

3.328

1.229.361

2007/2008

28.998

3.627

1.707.982

Zahlen: Saarländisches Innenministerium

Auf den ersten Blick mag es überraschend sein, dass der Aufwand tendenziell zwischen 2008 und 2013 stark angestiegen ist. 2010/2011 scheint hingegen komplett aus dem Rahmen zu fallen. Für den Laien könnten jetzt Allgemeinplätze wie „Die Gewalt im Fußball ist halt gestiegen!“ oder „Überall Chaoten“ eine naheliegende Antwort geben. Solche Schlüsse gehen aber an der Realität vorbei. Tatsächlich erklärt der Blick auf die Situation in den Ligen schon viel Zahlenwerk. Das Jahr 2007/2008 sorgte gerade durch die außergewöhnliche Konstellation in der Oberliga Südwest für viele Polizeieinsätze: Fünf saarländische Vereine, darunter der 1. FC Saarbrücken, Borussia Neunkirchen und der FC 08 Homburg spielten in der Liga. Und das unter anderem gegen Wormatia Worms, die zweite Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Trier. Einige Mannschaften trafen nach langer Pause wieder in regulären Ligaspielen aufeinander – viele sogenannte „Risikospiele“ waren das Ergebnis.

Der Rückgang der Zahlen zur Saison 2010/2011 verwundert ebenso wenig: Der 1. FC Saarbrücken war gerade in die 3. Liga aufgestiegen, in der aufgrund der hohen Entfernungen nicht immer viele Gästefans anreisten. Das einzige „Derby“ im weitesten Sinne gab es gegen die TuS Koblenz. Durch den Aufstieg von Homburg in die Regionalliga änderten sich auch unterhalb einige Konstellationen.

Für 2012/2013 ist der Aufwand nun auf einem Höchststand. Das Innenministerium begründet das mit drei Spielen mit besonders hohen Einsatzzahlen – natürlich ist auch hier der FCS nicht weit:

Spiel Aufwand

1. FC Saarbrücken : 1. FC Kaiserslautern

(Freundschaftsspiel)

2.094 Stunden / 394 Beamte

1. FC Saarbrücken : FC 08 Homburg

(Saarlandpokal)

3.810 Stunden / 508 Beamte

1. FC Saarbrücken / Schalke 04

DFB-Pokal

3.950 Stunden / 516 Beamte

Zahlen: Saarländisches Innenministerium

Beachtet man, dass in der laufenden Spielzeit mit bislang drei DFB-Pokalrunden für den 1. FC Saarbrücken größere Spiele anstand, sowie die SV Elversberg einige Spiele im Ludwigspark austragen musste, ist wohl damit zu rechnen, dass sich die Zahlen für 2013/2014 auf einem ähnlichen Niveau wie die Zahlen der Vorgängersaison befinden werden. Doch wie sind die Zahlen zu bewerten? Kostet der Fußball die Steuerzahler wirklich zu viel? Natürlich ist die nachfolgende Sichtweise befangen (da ich selbst ein Fan bin) und außenstehend (da ich eben kein Polizist bin). Lediglich warne ich davor, zu große und zu schnelle politische Schlüsse zu ziehen, da:

1. Der Vergleichszeitraum relativ klein ist.

Erst mit der Einrichtung der „Zentralstelle Szenekundige Beamte“ 2007 wurden Jahresstatistiken über Polizeieinsätze bei Fußballspielen im Saarland überhaupt erst erhoben. Ein Zeitraum von fünf Jahren gibt nur einen kleinen Anhaltspunkt über die Entwicklung von Gewalt im Fußball – in den Fokus der Medien rückte der Hooliganismus im Deutschen Fußball in den 1970er Jahren. Zahlen über längerfristige Entwicklungen innerhalb des Fußballs sind somit bislang nicht vorhanden – wenn sie nicht mit erheblichem Verwaltungsaufwand rekonstruiert werden.

2. Die Methodik an einzelnen Stellen eher für Unklarheit sorgt.

Zwei Punkte der Statistik sind im Besonderen dafür geeignet, eher für Missverständnisse, denn Klarheit zu sorgen. Zum einen ist es die Anzahl der Verletzten bei Fußballspielen:

Saison Zuschauer Störer Beamte
2012/2013 7 22 5
2010/2011 8 18 6
2007/2008 2 8 2

Zahlen: Saarländisches Innenministerium

Diese Statistik wirft mehr Fragen auf, denn Antworten zu liefern: Welche Verletzungsarten liegen vor? Wodurch wurden die Verletzungen verursacht? Waren es Verletzungen in Folge von Schlägereien oder gab es weitere Ursachen (Autounfälle im Stadionumfeld? Baufällige Stadien, wie in Neunkirchen oder Saarbrücken)? Ebenso wäre es wichtig, die Definition der „Störer“ der Statistik mitzuliefern. Natürlich werden hier einige Leute einwenden: „Ist doch klar, wer gemeint ist!“ Tatsächlich ist es das nicht. Sind es gewaltsuchende oder gewaltbereite Fans? Auch das sind zunächst einmal Zuschauer. Auch hier wäre die Frage eher: Wie viele Verletzungen wurden durch „Störer“ verursacht?

Saison Eingeleitete Strafverfahren
2012/2013 191
2010/2011 142
2007/2008 60

Zahlen: Saarländisches Innenministerium

Auch bei der Statistik der eingeleiteten Strafverfahren, bleiben Fragen offen: Wie viele Verfahren wurden wieder eingestellt? Welche Delikte waren Gegenstand der Verfahren?

Diese Statistiken werden meiner Meinung nach erst dann richtig gelesen werden können, wenn obige Fragen endlich beantwortet werden. Erst dann lassen sich auch solche Zahlen mit den Einsatzkosten verknüpfen.

3. Zahlen alleine zu oft der Kontext fehlt.

Was in den beiden vorherigen Punkten bereits beschrieben habe, soll in diesem Kritikpunkt noch einmal allgemein auf den Punkt gebracht werden. Es fehlt oft der Zusammenhang, die Statistiken überhaupt erst zu wirklichen Aussagen machen. Wie stark war der Einfluss vom Wechsel an der Spitze der Polizei von Peter Becker zu Udo Schneider? Becker etablierte einen Dialog mit Fans und Fanprojekt, um Einsätze bei Spielen besser einschätzen zu können. Sein Nachfolger Schneider gilt als Hardliner und zeigte sich nach seinem Antritt oft selbst mit einfacheren Situationen, etwa einer spontanen Feier von Fans aus Saarbrücken und Nancy in der Innenstadt, überfordert. Wie sehr hat sich die Arbeit der Fanprojekte verändert? Es sind Informationen, die eine reine quantitative Aufzählung definitiv aufwerten würden. Zahlen können nur Ergebnisse sein, aber eines darf kein Leser einfacher Zahlen glauben: Dass er alle Variablen kennen würde. Selbst der alten Polemik, dass Fußballvereine bitte selbst für die von ihnen verursachten Einsätze aufkommen sollten, fehlt oftmals die logische Entgegnung, dass sich eben diese Vereine auch mit Steuergeldern an der Finanzierung der Polizei beteiligen.

Zahlen können je nach Lust und Laune und mit relativ einfachen Mitteln zu diesem oder jenem Zwecke benutzt werden. Wozu ich die Zahlen und meinen Artikel also nutzen möchte? Zur Aufforderung, gelassen zu bleiben. Wer nach Statistikveröffentlichungen meint, irgendwelche schnellen Schlüsse hinsichtlich der Finanzierung von Polizeieinsätzen treffen zu können, ist nicht wirklich ernst zu nehmen. Dahinter steckt meist Populismus, über den jeder mündige Fußball-Fan drüber stehen sollte. Meine zweite Aufforderung: Es muss mehr Aufwand in die qualitative Forschung zur Gewalt im Fußball gesteckt werden. Sonst müssen andere Diskussionen gar nicht erst geführt werden, da man die Probleme nie bei der Wurzel packen wird.

Die Links zum Thema:

SR-online: Teure Saison für den Steuerzahler
Deutschlandfunk: Tiefe Gräben

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2 Antworten zu Was Fußball-Fans im Saarland kosten

  1. Necaro schreibt:

    Ich stell mir natürlich dabei auch die Frage, wieviel Geld das Land im gleichen Zeitraum auch durch den Fussball eingenommen hat ?

  2. Peter Müller schreibt:

    Unsinniger Polizeieinsatz in dieser Größenordnung beim Spiel Homburg gegen Saarbrücken. 6000 Zuschauer und 508 Polizisten. Pro 12 Zuschauer 1 Polizist: total überzogen.

    Zum Vergleich: In praktisch jeder Disko gibt es hin und wieder eine Schlägerei. Bei 300 Diskobesucher müssten dann mit der gleichen Logik ständig 25 Polizisten vor Ort sein.
    Wie sieht aber die Realität aus? Sollte es tatsächlich eine Schlägerei geben, wird die Polizei gerufen.

    Merkwürdig auch die Anzahl der aufgeführten Stunden: 7,5 Stunden Einsatz pro Polizist!

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