Angst vor der Verantwortung

Foto: Leuchtturm/Oldforest.de

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Fordert man den Rauswurf von Luginger, ist man Mainstream. Ist man gegen einen Rauswurf von Luginger, gehört man derzeit zu den Schönrednern. Das Bild des 1. FC Saarbrücken im Internet ist derzeit sehr simpel gezeichnet – wie auch nicht wenige Wortmeldungen der letzten Wochen. Vieles, was an Luginger kritisiert wurde, bezog sich auf reine Äußerlichkeiten: Der Trainer sei nicht emotional genug (diesen Vorwurf machte ich Luginger etwa 2011 herum in einer Zeitungskolumne – hinterher verlangte der Trainer bei der Saarbrücker Zeitung nach meiner Telefonnummer), er sei zu Lasch, traue sich nicht, Spieler in Interviews zu kritisieren. Das sind meiner Meinung nach Kleinigkeiten. Ein guter Trainer muss kein Lautsprecher sein. Die „harten Hunde“, die ihren Ruhm auf mediengerechte Bestrafungen gründeten, waren immer populär bei den Fans. Aber sie sind ein Auslaufmodell.

Bei einem früheren Kommentar über Jürgen Luginger gab es von mir diese Worte:

Er ist der richtige Trainer, solange er die Mannschaft nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Solange er ein passendes, taktisches Konzept präsentieren kann und sich auch nicht Neuerungen der Fußballwissenschaft, die dieser Sport geworden ist, verschließt. Und auch, solange er – das ist die wichtige psychologische Aufgabe des Trainers – Streitereien und Unzufriedenheit innerhalb der Mannschaft vermeiden kann.

Luginger ist im vierten Jahr Trainer des 1. FC Saarbrücken. Von den Spielern, die noch unter Ferner (zumindest als Sportdirektor) aktiv waren, sind nur noch vier übrig (Lerandy, Eggert, Kruse, Ziemer), den Rest hat Luginger so mit Harald Ebertz zusammengestellt, wie er es wollte. Sein taktisches Konzept scheint bislang nicht aufzugehen, da der FCS nach sechs Spielen auf gerade einmal vier Punkte kommt. Statt der Rolle als Geheimfavorit auf den Aufstieg einzunehmen, nimmt der FCS Kurs auf die Abstiegsränge. Innovationen im Spielsystem gab es in vier Jahren Luginger zwar mehrfach zu sehen – allerdings dauerte das oft lange. Über Streitigkeiten innerhalb der Mannschaft kann niemand etwas sagen, der nicht direkt dran am Geschehen ist. Gerüchte in dieser Hinsicht machen die Runde, neu ist vielleicht, dass auch als sachlich bekannte Beobachter der Trainingseinheiten von Grüppchenbildungen berichten.

Gemessen an diesen Kriterien, ist Luginger für mich nicht mehr der richtige Trainer für den 1. FC Saarbrücken. Andere sagen genau das schon länger, teilweise fingen sie mit ihrer Kritik sicher auch zu früh an (ich erinnere mich an die Aussage von jemanden, der nach Lugingers zweitem Pflichtspiel sagte: „Der hat schon das Leichenhemd an.“). Was aber an der aktuellen Situation seitens des Präsidiums und des Trainers besonders perfide ist, ist die neue Art von Rhetorik, die mittels der Bemühung alter Allgemeinplätze sämtliche Verantwortlichkeiten verwischt. Die BILD Saarland fasste es in ihrer Überschrift ausnahmsweise treffend zusammen: „Vorstand gibt der Mannschaft die Schuld“. In der Saarbrücker Zeitung urteilte Patric Cordier vielsagend: „Man konnte Jürgen Luginger am Samstag wenig vorwerfen. Außer vielleicht, dass der Trainer des Fußball-Drittligisten 1. FC Saarbrücken gemeinsam mit dem für den sportlichen Bereich zuständigen Vize-Präsidenten Harald Ebertz diese Mannschaft zusammengestellt hat.“

Es ist die zur Methode gewordene Angst vor der Verantwortung. Niemand hat Schuld und wenn doch, dann ist es jemand anders. Der Fehlstart in der Liga wird der Mannschaft in die Schuhe geschoben. Das ist faktisch gesehen sogar richtig. Aber es ist zu einfach, da sich die Mannschaft ihrer Verantwortung schnell entziehen kann: Man kann immer nur einzelne Spieler sanktionieren, nie den kompletten Kader. Ein einfacher und schneller Vorwurf, da sich die Konsequenzen überschaubar halten.

Während die Verantwortung für die Misere komplett auf die Mannschaft abgewälzt werden, verbietet sich im gleichen Moment die Suche nach Fehlern auf anderen Ebenen. Dort ist ja niemand mehr verantwortlich. Dabei kann Ebertz und Luginger durchaus vorgeworfen werden, dass sie die Mannschaft zusammengestellt haben. Dem Präsidium kann vorgeworfen werden, dass es Luginger trotz dem Verfehlen des sportlichen Ziels in der letzten Saison (einstelliger Tabellenplatz, vor einigen Jahren war das Ziel bis 2013 aufzusteigen) nicht beurlaubt hat. Eben das sind alles Handlungsoptionen, in denen Verantwortlichkeiten existieren, die nun keiner mehr wahrhaben will. Weil derzeit niemand beim 1. FC Saarbrücken offen zugeben will, Fehler gemacht zu haben. Dabei wäre zumindest das mal der Anfang, nach Lösungen zu suchen.

Zuletzt – und das ist derzeit wohl der Knackpunkt – liegt es in der Verantwortung des Trainers, die Spieler auf den Gegner einzustellen und aus 20 bis 30 Einzelakteuren eine Einheit zu formen. Ich bin kein Spieler und kein Trainer des 1. FC Saarbrücken und weiß also nicht, was im Inneren dieses Gefüges vor sich geht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ein Trainer, der Angst davor hat, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, schnell an Autorität verliert. 2005/06 und 2006/07 war einer der wesentlichen Gründe für den Abstieg das Fehlen einer Einheit auf dem Platz. Dieser Verantwortung, nämlich dem Herstellen einer Mannschaft, muss sich Luginger nun stellen, indem er die Spieler aus der Mannschaft entfernt, die sich nicht in den Dienst des Kollektivs stellen – ohne Rücksicht auf frühere Verdienste oder vermeintlich „unentbehrliche“ Spieler. Versagt Luginger dabei, dann muss ein neuer Trainer her.

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