Auswärtsspiel: BFC Türkiyemspor – Spandauer Kickers

Bundeskanzleramt

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Ein Besuch im Bundeskanzleramt am Tag der Offenen Tür sieht 2013 in etwa so aus wie die Saarmesse zu ihren Glanzzeiten. Die Menschen drängen in das futuristische Gebäude, machen staunende Gesichter und gehen auf die Jagd nach Geschenkartikeln (oder „Give-Aways“). Als Kind mochte ich diese Saarmesse, also stand ich nach circa anderthalb Stunden im Amtssitz der Kanzlerin mit drei Jutebeuteln, einer Kaffeetasse, einem Klemmbrett und mehreren Jutebeuteln auf der Brücke über der Spree. Und schaute auf die Uhr.

12:45 Uhr. Noch eine gute Stunde bis zum Besuch der Kanzlerin Angela Merkel auf ihrem eigenen Fest. Ein Termin, der mich überhaupt nicht interessierte. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich längst in Kreuzberg sein. Ich nahm meine erspielten/geschenkten Give-Aways und zog erst einmal zum Hackeschen Markt, um zu Mittag zu essen und die anschließende Route nachzuschauen. Mir kamen plötzlich Zweifel: Würde ich mit diesen ganzen Sachen – immerhin gäbe eine Kaffeetasse im Zweifel ein durchaus taugliches Wurfgeschoss ab – überhaupt ins Stadion kommen? Doch dann fiel mir ein: Ist ja nur Landesliga. Leider.

Das war mal anders. Zeitweise war der BFC Türkiyemspor nicht nur ein Verein mit großer Symbolkraft, sondern auch eine sportliche Hausnummer. In Berlin von türkischen Einwanderern 1978 gegründet, entwickelte sich zu einem ganz speziellen Phänomen. Im Stadtteil Kreuzberg beheimatet, schaffte es eine ehemalige Truppe aus Freizeitkickern innerhalb eines Jahrzehnts bis in die höchsten Amateurspielklassen vorzudringen. 1987 schaffte der Verein den Aufstieg in die Oberliga, damals die dritthöchste deutsche Liga. Es folgten Derbys gegen Vereine wie Hertha BSC oder Tennis Borussia, die bis zu 10.000 Zuschauer anzogen. Meist spielte Türkiyemspor im Katzbachstadion, zu großen Spielen wurde in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ausgewichen. So etwa im DFB-Pokal 1990/91, als man in der ersten Runde dem 1. FC Saarbrücken unterlag.

Türkiyemspor_Logo_2010Türkiyemspors Erfolg prägte sogar DFB-Rechtsprechung: Als Türkiyemspor Anfang der 1990er Jahre an die Tür zur Zweiten Liga klopfte, hätten restriktive Ausländerregelungen dies verhindern können: In der Mannschaft spielten türkische, griechische, jugoslawische und deutsche Spieler zusammen – zu viele „Ausländer“ für den Profibereich. Also führte der Verband den Begriff des „Fußballdeutschen“ ein. Wer eine gewisse Zeit lang in Deutschland Fußball gespielt hatte, wurden nun für den DFB zum Inländer. Den großen Sprung schaffte der Kreuzberger Verein nie. Nach fast einem Jahrzehnt in der Drittklassigkeit folgten Misserfolge, ein Insolvenzverfahren und der tiefe Fall in die Landesliga Berlin. 2013/14 ist Türkiyemspor erstmals seit 26 Jahren wieder siebtklassig.

IMG_517913:30 Uhr. Ich verließ die S-Bahn an der Station Yorckstraße und nahm den letzten Kilometer Richtung Willy-Kressmann-Stadion, dem ehemaligen Katzbachstadion. Über eine lange Brücke, von der aus man nur in der Ferne das „neue“ Berlin erahnt, ging es zu dem Ort, an dem sich zu Aufstiegsspielen noch tausende Zuschauer einfanden. Ich konnte es mir nur noch vage vorstellen, als ich hinter Büschen den Stadioneingang erblickte. Kein Anzeichen dafür, dass Spiel stattfinden würde. Ich näherte mich und sah dann doch die Kasse – platziert auf einer Bierbank. Für drei Euro Eintritt durfte ich 90 Minuten Landesliga-Fußball genießen. Und noch ein paar Minuten das Spiel der Zweiten Mannschaft – stilecht mit behelfsmäßigen Linienrichtern vom Verein, die in Jeans ihr Werk vollrichteten.

IMG_5138Statt eines Würstchenstandes gab es auch nur eine Bierbank – natürlich mit türkischen Fleischspezialitäten und dem in Berlin üblichen Bier aus der Mehrwegflasche. Meine Bedenken aufgrund des Gepäcks waren also umsonst. Die Atmosphäre glich ein wenig dem, was ich vom saarländischen Amateurfußball gewohnt war – ein großes, angestaubtes Stadion mit Laufbahn, mitten im Wohngebiet. Das hätte genauso gut die Dillinger Papiermühle sein können. Nur das Publikum war anders – gerade einmal 60 bis 80 Leute fanden sich zum Spiel ein, darunter jüngere wie ältere türkischstämmige Migranten, sowie einige ältere Herren aus Kreuzberg, deren lange Haare auf Hippie-Vergangenheit hindeuteten. Kein verbissenes, aufgeladenes Publikum, sondern eher eines, das den Absturz von Türkiyemspor stoisch mitnimmt. Die Gespräche drehten sich um die Vergangenheit des großen Berliner Fußballs. Nicht um die Hertha, die aktuell ganz passabel in die Saison gestartet ist.

Auf dem Platz zeigte sich Türkiyemspor von Beginn an dominierend und sicher. Der Ball zirkulierte durch die Reihen, Ballbesitz als Mittel zum Sieg. Nur, dass da eben Amateurfußballer auf dem Platz standen und keine teuer ausgebildeten Bundesligaspieler. Als Zuschauer sieht man, dass die Amateurfußballer genaue Beobachter des Profitums sind – freilich ist die Umsetzung weit von dem entfernt, was es in der Bundesliga zu sehen gibt. Irgendwann verlagerten sich auch die Spieler von Türkiyem auf bekannte Bolzplatztaktiken – weite Bälle in den Lauf des Stürmers, der hoffentlich nicht im Abseits steht. Einmal klappte das, 1:0 zur Halbzeit.

IMG_5173Nach dem Seitenwechsel zollten die Spieler dem heißen Tag – und wohl auch der Landesliga – Tribut und spielten eine eher bedingt interessante Partie herunter. Die Zuschauer flachsten abseits des Punktspiels oder genossen einfach nur die Möglichkeit zum Sonnenbad im Katzbachstadion. Die Spandauer Kickers – auf der Homepage von Türkiyemspor eher unglücklich mit „Spaki“ abgekürzt – wollten zwar kämpfen, waren aber weit davon entfernt, den Hausherren gefährlich zu werden. Einzig der starke Torhüter der Gäste verhinderte die frühe Entscheidung mit guten Reflexen. Und er war es dann auch, der seine Vorderleute mit einer großen Tirade nach dem 2:0 zusammenstauchte. Viel lauter wurde es an diesem Tag nicht mehr im Katzbachstadion.

Gegen 16:50 Uhr endete meine Reise in die Berliner Landesliga. Türkiyemspor feierte einen Pflichtsieg und muss künftig viele solcher Nachmittage dafür schuften, um vielleicht einmal wieder an alte Zeiten anzuknüpfen. Vermutlich wird es aber noch sehr lange ein Freizeitvergnügen bleiben, bei dem man einfach so reinschlendern kann – auch mit Kaffeetassen im Gepäck.

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