Rezension: 100 Jahre Ellenfeld-Stadion

ellenfeld_einband_RZ_120826.inddEine Rezension über ein Buch, das von Borussia Neunkirchen handelt, an dieser Stelle? Hätte es in den 60er Jahren schon Weblogs gegeben, wäre es nun wohl zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit religiösem Anklang gekommen. Aber im Urlaub ist es ein bekanntes Unterfangen, dass wir die örtlichen Kathedralen und Kirchen besichtigen und uns vielleicht sogar mit ihrer Bedeutung beschäftigen. Warum also nicht die Kirchen des Fußballs, die unsereins „Stadion“ nennt? Und selbst der erbittertste Neunkirchen-Gegner wird zugeben müssen, dass dieses Ellenfeld-Stadion etwas besonderes ist.

Tobias Fuchs und Jens Kelm zeichnen in ihrem Band „100 Jahre Ellenfeld-Stadion“ die Geschichte des ehemaligen „Borussia-Sportplatzes“ ausführlich und anschaulich nach. Von den Anfängen, als einige Neunkircher Gymnasiasten einen dauerhaften Platz für ihren english sport Fußball suchten, über Tribünengesellschaften, die einzelne Bauabschnitte des Stadions finanzierten, bis hin zu späteren Ausbauphasen in den 60er Jahren versammeln sich Fakten und Fachwissen, die uns in eine andere Zeit des Fußballs entführen.

Die Texte konzentrieren sich dabei auch konsequent an der Baugeschichte, der sportliche Werdegang der Borussia, sowie Anekdoten von Zeitzeugen und Originalquellen bilden eher den Erzählrahmen, der an den Stellen besonders gut wirkt, wenn die Ausführungen zu technisch werden. So wird eingestreut, wie einmal die eher mäßigen Schulnoten den Einsatz eines Borussen-Torwarts verhinderte, dieser aber mit einem fast schon genialen Trick doch noch zustande kam: Er klebte sich einen Schnurrbart an und lief unter falschem Namen auf.

Nicht immer schmücken heitere Anekdoten das Buch: Auch die Geschichte der jüdischen Kaufleuten Alfons Herzberger und Richard Rothenberg, die den VfB in den 30er Jahren vor dem Konkurs retteten, findet ihren Platz, sowie das anschließende „Vergessen“ bis weit nach Kriegsende. Das zeigt, dass die Autoren, immerhin für das Vereinsarchiv von Borussia Neunkirchen zuständig, nicht an Schönfärbung der Geschichte interessiert sind, sondern um Genauigkeit bemüht. Interessant wäre allerdings gerade für die Leser noch die Frage auf die Antwort gewesen: Wie hat das Ellenfeld-Stadion den Zweiten Weltkrieg so unbeschadet überstehen können? Der alte Ludwigspark wurde bekanntlich zerstört und nach Kriegsende aus Schutt neu aufgebaut.

Dies und vielleicht noch der große Platz, der altbekannten Verschwörungstheorien um die Rolle Hermann Neubergers bei der Bundesliga-Teilnahme des 1. FC Saarbrücken im Jahr 1963 eingeräumt wird – mehr hat selbst ein eingefleischter Blau-Schwarzer an diesem Buch nicht zu kritisieren. Und auch das ist verglichen mit dem Rest sehr verschmerzbar – ein wirkliches Eintauchen in die Vergangenheit des Ellenfeld-Stadions ermöglichen die Fotografien und Skizzen vergangener Tage. Imposante Bilder wie die alte Holztribüne der 20er Jahre, futuristische Entwürfe der Sporthalle oder ein vollbesetztes Ellenfeld beim Heimspiel gegen den Hamburger SV laden zum Kopfkino ein – was für ein magischer Ort das Ellenfeld doch war und ist!

Je mehr sich das Buch der Neuzeit nähert, umso stärker wird neben dem Gefühl der Nostalgie auch die Wehmut – was passiert wohl, wenn der Zahn der Zeit weiter an diesem Stadion nagt? Der FCS-Fan hat in Sachen Stadion gewiss ganz andere Sorgen, aber ein wenig fühlt er sicher auch mit den Neunkirchern mit, die ihrer samstäglichen Kathedrale mit „100 Jahre Ellenfeld-Stadion“ ein eindrucksvolles Denkmal in Buchform gesetzt haben.

Tobias Fuchs/Jens Kelm: 100 Jahre Ellenfeld-Stadion

Ottweiler Druckerei und Verlag 2012.
192 Seiten. 26×21 cm. Hardcover. Durchgehend farbig, über 260 Abbildungen.
ISBN 978-3-938381-59-5.

Preis: 24,90 Euro

Hinweis: Am Montag, dem 21. Januar findet in Neunkirchen auch ein großer Leseabend mit den Autoren statt.

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