Das Torwartproblem

Es gibt Probleme, gegen die ist man machtlos. Und es gibt selbstgeschaffene Probleme, die man meist erst ganz am Ende erkennt. Im Fußball sind erstgenannte meist Verletzungen, bei denen selbst ein guter medizinischer Beistand nur die Zeit bis zum Auskurieren abkürzen kann. Selbstgeschaffene Probleme sind zum Beispiel die Personalplanungen eines Vereins, die Aufstellung und all das, was von Menschen selbst beeinflussbar ist.

Das Torwartproblem beim 1. FC Saarbrücken ist nicht eindeutig eingrenzbar. Zunächst waren da die anhaltenden Leistenprobleme von Enver Marina und der Knöchelbruch von Michael Müller. Diese Probleme zwangen den Verein, personell nachzulegen und Benedikt Fernandez zu verpflichten. Marina war zu Saisonbeginn die nominelle Nummer eins im Tor, während viele gerne schon eine Wachablösung gesehen hätten. Als Marina schwächelte und Müller durch starke Trainingsleistungen auf sich aufmerksam machte, wurden die Stimmen nach einem Torwartwechsel unüberhörbar. Jürgen Luginger reagierte und machte Müller zur Nummer eins.

Als Stammtorwart machte Müller zunächst eine gute Figur, auch wenn er bereits kleine Patzer in seinem Spiel hatte (etwa in Stuttgart). Anders als Marina schien Müller mehr Punkte zu retten, als zu kosten. Das änderte sich nun in den letzten Wochen, wo Müller nun auch deutlich und sichtbar patzte, dass es auch nach dem Schlusspfiff in Erinnerung blieb, wie gegen Wehen.

Nun wollte es der Zufall vor kurzem, dass Benedikt Fernandez erst im Pokalspiel beim FC 08 Homburg zum Einsatz kam und sich dann auch noch Müller eine Bauchmuskelzerrung zuzog. Fernandez hielt im Waldstadion zweimal stark, strahlte Ruhe und Sicherheit aus. Und auch gegen Halle stand die Null – wenngleich der Gegner nicht wirklich bemüht war, ein Tor zu erzielen.

Und jetzt ist der FCS in einer denkbar unangenehmen Situation: Sollte Luginger tatsächlich den zweiten Wechsel auf der Torwartposition in der laufenden Saison vornehmen, wäre seine sportliche Kompetenz infrage gestellt und seine Autorität fast dahin. Einmal zu lange am formschwächeren Torwart festzuhalten würde ihm verziehen werden. Aber dann weiter auf den besten Mann zu verzichten – nein, das nicht.

Ein weiteres Problem ist die Frage, wer denn nun tatsächlich der beste seiner Zunft ist. Von vielen Fans wird unreflektiert nach Fernandez geschrien – obwohl der ehemalige Leverkusener in dieser Saison noch nicht ernsthaft geprüft wurde. Einzig das Spiel gegen Homburg spricht für Fernandez. Möglich, dass es einen guten Torhüter auszeichnet, 88 Minuten nicht zu sehen zu sein und dann zweimal stark zu halten. Aber rein praktisch ist Fernandez der Torwart, der in den letzten 1,5 Jahren die geringste Spielpraxis aller drei FCS-Torhüter hatte.

Michael Müller hat in wenigen Wochen das Wechselbad der Gefühle vom gefeierten neuen Stammtorwart zum Buhmann durchlaufen. Gewiss nicht im gleichen Ausmaß wie Marina, dennoch ist er vorerst wieder in der Situation, nicht der Mann zu sein, den die Mehrheit der Meinungsführer im Stadion und Netz fordert. Enver Marina ist indes fast aus der Wahrnehmung der Fans und der Öffentlichkeit verschwunden.

Es bleibt problematisch auf der Position im Tor und das wird auch nach dem Winter so bleiben – der ehemalige Stammtorhüter Marina kostet nicht wenig Gehalt, das für neue Spieler gut zu gebrauchen wäre. Müller ist noch sehr jung und ging wohl nicht ohne Hintergedanken zum FCS zurück – in der Thronfolge stünde er normal hinter Marina. Gefährlich für die Leistung der Mannschaft wird es nun durch Fernandez. Dieser ist im besten Torwartalter und hat einen Vertrag bis Saisonende, der Verein wohl die Option, sich im Winter von Fernandez zu trennen. Das wird sie wohl nicht können, falls Marina wirklich geht.

Die Frage bleibt: Wie handelt der FCS? Hält er an Müller fest und macht Fernandez zur Nummer zwei, wird es auch 2013 bei weiteren Fehlern zu Diskussionen über den Torwart kommen. Trennt sich der FCS im Winter von Fernandez und hält an der Wachablösung fest, bleibt Marina weiter auf der Gehaltsliste und muss mit einer unpopulären Entscheidung leben. Eine Rückkehr zu Marina erscheint unwahrscheinlich, noch mehr ein Abgang von Müller im Januar.

Vermutlich wird der Verein diese Entscheidung, wie so vieles, auf die Saison 2013/14 vertagen. Das könnte die Lage durchaus noch einmal verschärfen – aber angesichts der Komplexität dieses Torwartproblems, ist das fast noch verständlich.

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