Das Spiel aus mehreren Brillen

Viel interessanter als der Sieg war die spontane Reaktion vieler Fans auf die Tatsache, dass der FCS mal gewonnen hat. Kennt ja hierzulande im Ludwigspark kaum noch einer dieses Gefühl des Siegens. Fast zwei Monate Pause sind im Fußball des Jahres 2012, der verseucht ist mit unsinnigen Saarlandpokalvorrunden, ja lange genug.

Es gab sie wirklich, diejenigen die erst einmal groß enttäuscht waren. Ob sie den Namen FCS-Fans verdienen, weiß ich nicht. Sie stehen im Stadion, werden wochenlang mit schlechten Leistungen bedacht, dürfen sich dafür auch enttäuscht fühlen. Aber wie kann sich einer, der sich FCS-Fan schimpft, dann sogar noch enttäuschter fühlen, wenn es mal nach langer Durststrecke einen Sieg gibt? Das ist das eigentliche Rätsel des Spieltags für mich. Nicht wie der FCS gewinnen konnte.

Jedenfalls war mein erstes, spontanes Gefühl über das Tor von Christian Eggert Erleichterung, gefolgt von dem leicht schamvollen Gefühl, dass ich mich nicht vielleicht vollends über das Tor gefreut hab. Dabei war es schön herausgespielt. Aber es war wohl eher eine Mischung aus einer gewissen Erwartungshaltung und Sicherheit, mit der ich das Spiel wahrgenommen habe. Das war vor allem meine Reaktion bei Toren in der Oberliga, die ich eher als Pflicht wahrgenommen habe, denn als etwas, was mich völlig ausrasten lässt. Ob es am Wetter lag, daran, dass ich meinen Besuch mit ins Stadion schleppte – es gäbe auch gute andere Erklärungen. Aber ich glaube keine davon trifft zu.

Etwas mehr Freude dann beim 2:0, da es mal ein wirklich schöner Treffer war, der mal wieder die Effektivität von Marcel Ziemer, aber vor allen Dingen auch von Sven Sökler unter Beweis stellte. Gefolgt von der Ernüchterung über den direkt folgenden Darmstädter Anschlusstreffer. Meine innere Stimme sagte mir: Das war absehbar. Ich habe in meinem direkten Umfeld keine Menschen stehen, die Luginger in absehbarer Zeit entlassen sehen wollen. Aber ich glaube dennoch, dass bei manchen die Hoffnung aufkeimte, dass es vielleicht doch noch für einen Darmstädter Sieg reichen könnte. Diese Menschen, die eben noch während des Spiels solche Beiträge bei ludwigspark.de schrieben:

zuckerpass
27-10-12 | 14:23
toll mit einem sieg heute wird wohl luginger noch 2 wochen auf der bank sitzen bleiben dürfen. 😦

Auch andere reihten sich in diese Reihe des Dumpfsinns ein, auch wenn sie es später richtigstellen wollten oder ihre eigenen Worte revidierten. Zuerst war da nicht Freude, sondern Enttäuschung. Und zwar darüber, dass Luginger jetzt doch noch mal die Kurve kriegt.

Ich kenne die unterschiedlichsten Charaktere im Ludwigspark. Diejenigen, die über 90 Minuten in den Block schauen, um den Support zu koordinieren und die in der Kurve stehen. Sie sehen weniger vom Spiel als andere und haben den Anstand, sich hinterher keine großen Urteile zu erlauben. Oder diejenigen, die ganz genau den Gästeblock beobachten. Oder unsere kleine Ecke im E-Block, die das Spiel recht aufmerksam verfolgt, aber sich auch gern durch die Kleinigkeiten des Fußballs ablenken lässt. Oder mein gestriger Besuch, der das Spiel nicht durch die blau-schwarze Brille sah, sondern eher ob der Kälte den Abpfiff herbeisehnte. Oder die Leute in unserer Ecke, die sich 90 Minuten darüber ausließen.

All diese Leute haben ihre mehr oder weniger guten Grüne, sich über Siege, wie das 3:1 gegen Darmstadt, zu freuen. Sich über Niederlagen zu ärgern und bei Unentschieden mit den Schultern zu zucken. Meinungsverschiedenheiten sind nichts neues im Fußball. Doch wer sich FCS-Fan schimpft und bei Niederlagen jubelt, muss sich einfach mal fragen, ob sein gesamtes Fanleben nicht eine einzige Verfehlung ist.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 3. Liga, Erlebnisbericht, Essay, Hinrunde abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.