Warum es schwierig ist, Spielberichte zu schreiben

0:1 wird es morgen schwarz auf weiß in allerlei Druckerzeugnissen zu lesen sein: Das Endergebnis der Drittligabegegnung SV Babelsberg 03 gegen den 1. FC Saarbrücken. Normalerweise würde der Stammleser in diesem Blog auch schon jetzt an dieser Stelle einen Spielbericht – oder Erlebnisbericht – erwarten. Doch den gibt es heute nicht, da ich zum ersten Mal in dieser Saison ein Ligaspiel verpasst habe. Das an sich wäre ja noch lange kein Grund, auf einen Spielbericht zu verzichten. Aber der Gedanke hat mich auf die fast schon banale Frage gebracht, was Spielberichte so besonders macht – und was macht sie zudem so schwierig zu schreiben?

Den Begriff „Erlebnisbericht“ habe ich irgendwann 2007 zum ersten Mal im Vorgängerblog benutzt. Warum diese Abgrenzung zu den viel einfacheren Wörtern „Bericht“ oder „Spielbericht“? Nun, der Bericht als solcher trifft nun überhaupt nicht auf die Texte zu, die ich über Fußball schreiben will. Der Bericht ist der Versuch der Versachlichung eines Fußballspiels. Ähnliches gilt für den Spielbericht. Beide versuchen die 90 Minuten auf dem Platz in möglichst neutrale, objektive Worte zu fassen und versuchen, ein möglichst zutreffendes Bild von der Wirklichkeit zu zeichnen. Dieser Versuch kann eigentlich nur zum Scheitern verurteilt sein. Zeitungsreporter unterliegen redaktionellen Zwängen, müssen eine genaue Anzahl von Anschlägen einhalten, haben ein gewisses Raster an relevanten Ereignissen für den Spielbericht. Das zwingt sie zu ganz subjektiven Entscheidungen – welche Mannschaft habe ich stärker wahrgenommen? Wie wichtig war die taktische Umstellung des Trainers in diesem Spiel? Und – ohne es zu merken – ist auch in den Versuch einer objektiven Annäherung an das Spiel eine persönliche Note eingeflossen. Das ist nicht verwerflich, sondern auch der Charme des Sportjournalismus.

Aber dieses Blog will ja nicht objektiv sein. Ich nenne meine Berichte Erlebnisberichte, weil ich das am Spieltag Erlebte wiedergeben will. Würde ich das auf die 90 Minuten beschränken, in denen auf dem Platz vor mir ein Spiel stattfindet, würden das Leser wohl langweilig finden. Eine Aufzählung der Tore, der Zuschauerzahlen und der im Spiel verteilten Karten lässt sich auch woanders lesen. Und mit taktischen Feinheiten im Spiel des 1. FC Saarbrücken beschäftige ich mich zwar auch mal, aber auch eher mal am Rande oder in Form von Spielerporträts. Ich lese sehr gerne taktisch geprägte Spielanalysen oder Texte der Taktiktheorie auf spielverlagerung.de – aber ich sehe mich eben nicht als Experte, sondern Laie. Und wer will sich von einem Laien was in Sachen Taktik erklären lassen, der es auch mal genießt, sich von den kleinen Randbegebenheiten eines Stadionbesuches ablenken zu lassen?

Lieber schreibe ich darüber, wie sich ein erlebter Tag oder Nachmittag Stadionfußball anfühlt. Wie die Zuschauer reagieren, wenn es zur Halbzeit schon 0:2 steht. Wie ich mich über den gegnerischen Stürmer geärgert habe, als er nach seiner misslungenen Schwalbe wild beim Schiedsrichter gestikuliert hat. Wie der Mann hinter uns plötzlich keine Stimme mehr hat, nachdem er zwanzig Minuten ununterbrochen auf den Torwart geschimpft hat. Die Kleinigkeiten am Rande des Spiels und auf dem Spielfeld, die den Stadionbesuch für mich unersetzlich machen und gegen die selbst der Komfort einer TV-Übertragung nie anstinken wird. Das Spiel die Sahnetorte, der Besuch im Stadion die Kirsche obendrauf.

Dennoch gibt es – selbstverständlich – die Möglichkeit einen Spielbericht zu schreiben, auch wenn man selbst nicht im Stadion war. Wenn bei regionalen Zeitungen wie dem saar.amateur, einzelne Redakteure eine ganze Liga im Alleingang betreuen und zu jedem einzelnen Spiel ein paar Zeilen schreiben müssen, bleibt das nicht aus. Oft wird dann nach Spielende im Vereinsheim angerufen, Torschützen werden aufgeschrieben, ein paar Worte der beiden Trainer, vielleicht noch besondere Vorkommnisse. Jedes Fußballspiel endet auch mit einer Reihe unumstößlicher Fakten, die sich nicht ändern und anhand derer sich ein Bericht verfassen lässt. Aber will man in den Bericht noch weitere Eindrücke einbringen, so ist man schon in der Abhängigkeit von anderen. Wer einen zehnminütigen Fernsehbericht gesehen hat oder ein Spiel 90 Minuten per Radio verfolgt hat, kann hinterher nicht mehr schreiben, als den Bericht davon, wie er TV geschaut oder Radio gehört hat. Er vertraut auf die Augen und Ohren von anderen – und vergisst dabei, dass diese schon nur einen subjektiven Eindruck wiedergeben können.

Ich mag die Vielfalt der Texte über ein Fußballspiel, die es in den traditionellen Medien und im Internet gibt. Ob ich nun gerne die Tore im Fernsehen sehe, ob ich gerne das akustische Mitfiebern per Radio mag, ob mir eher die nüchterne Zeitungsanalyse oder der ausführliche Taktikbericht zusagt oder ob ich am Ende doch den Spielbericht zusammen mit einem Stimmungsbericht lesen will, so wie er oft in Ultra-Zines oder Fanheften zu lesen ist. Diese vielen Eindrücke können nie ein komplettes Bild der Wirklichkeit wiedergeben, aber sie zeigen dennoch, wie facettenreich schon ein vermeintlich ödes Fußballspiel ist.

Der gute Fußballbericht zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass er unaufgeregt ist, zu seiner Subjektivität steht und keinen Anspruch auf Allwissenheit anstrebt. Vielleicht ist es das, was es so schwierig macht, über 90 Spielminuten immer wieder die passenden Worte zu finden.

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