Stilkritik

Foto: Leuchtturm/Oldforest.de

Der Fußball 2012 ist Taktikanalyse. Es geht um freie Räume zwischen einzelnen Mannschaftsteilen, um die Frage, wie schnell von Offensiv- auf Defensivtaktik umgeschaltet werden kann. Während Lokalzeitungen und regionale Sportsender sich in der Spielanalyse noch in den 90er Jahren befinden und losgelöst vom restspielen Spiel die „Szenen des Tages“ in eine oft einfältige Einzelanalyse packen, sind Blogs wie Spielverlagerung.de die Evangelisten, die das Werk der Propheten, in dem Falle die Trainer wie Pep Guardiola, Jogi Löw, Jürgen Klopp.

Doch das ist die Ebene des großen Fußballs. Die, in der es zumindest an personeller und finanzieller Ausstattung nicht fehlt und sportliche Misserfolge auch mal mit dem Plündern des „Festgeldkontos“ (U. Hoeneß) ausgeglichen werden können. Hat die Evolution im Fußball also die Auswirkung, dass in der 3. Liga der Fußball komplett davon abgehängt ist, weil dort das Geld fehlt? Mitnichten, denn die Trainerausbildung bleibt für die ersten drei Ligen identisch. Fußballlehrer muss ein Trainer der oberen Ligen sein. Und eben auch die taktische Evolution in die Liga tragen, in der die Mittel weit weniger großzügig verteilt sind.

Jürgen Luginger, 2010 zum FCS gekommen, da Dieter Ferner eben keine Lizenz als Fußballlehrer besitzt, gehört auch dieser oft als „Generation neuer Trainer“ umschriebenen Gruppe. In den Medien gilt das Profil, ehemaliger Spieler mit Trainerschein, schon schnell als Gruppenzugehörigkeit. Das mag mit dem Zeitpunkt der Trainerausbildung (meist nach 2006) zu tun haben, ist aber an sich schon an sich bescheuert, da fast jeder Profitrainer irgendwann mal Spieler war. Auch Sepp Herberger kam nicht als 50-Jähriger mit Trainerausbildung zur Welt.

Luginger nun, offensichtlich stark geprägt von den Evolutionen des Spiels, hat diese auch deutlich beim 1. FC Saarbrücken eingebaut. Von den Spielern der Ära Ferner sind nur Enver Marina, Marc Lerandy und Lukas Kohler geblieben. Marina, weil er als Torwart schon immer die moderne, populäre Interpretation als „spielender Torhüter“ praktizierte, lange bevor es Mode wurde. Lerandy, weil er schon bei seiner Verpflichtung in eine Liga ging, die weit unter seinem wirklichen Niveau lag. Nun ist Lerandy fest integriert, beherrscht das von Luginger geforderte Verteidigerspiel und ist zudem zum Kapitän gereift. Schließlich Kohler, der wohl als Spieler am besten die prägnante Eigenschaft des Lugingerschen Systems verkörpert: Flexibilität. Es gibt kaum eine Position, auf der Kohler nicht einsetzbar wäre – eine Eigenschaft, die selbst seinen stärksten Kritikern irgendwann mal aufgefallen sein sollte. Der 1. FC Saarbrücker von Dieter Ferner ist dem von Jürgen Luginger gewichen, das Spielsystem ist meist das neue Standardsystem 4-2-3-1 oder dessen Abwandlung 4-1-4-1.

Die Kritik an Jürgen Luginger gibt es indes schon lange, länger als dass seine Handschrift auf dem Platz überhaupt erkennbar gewesen wäre. Anfangs hieß es, er habe es aufgrund des Erbes von Ferner schwer. Dann folgte der Misserfolg und das Umfeld redete von baldiger Trainerentlassung. Es folgte eine Erfolgsserie, dann irgendwann wieder Misserfolg. In schlechten Phasen wiederholte sich dabei auffallend oft die Argumentation der Luginger-Kritiker. Ihm wurde „mangelnde Überzeugungskraft“ attestiert, er kritisiere die Mannschaft nach Niederlagen nicht scharf genug, zeige zu wenig Emotionen am Spielfeldrand. Gerade den letzten Punkt griff ich mir auch desöfteren bei Kritiken heraus.

Ein weiterer, eher versteckt anklingender Punkt: Luginger imitiere zu sehr den Stil von Jogi Löw. Das passe nicht zu Saarbrücken, hier sollen Fußballer noch kämpfen und Spieler vom Trainer noch eine ordentliche Abreibung der Marke Werner Lorant erhalten dürfen. Markige Trainer seien zwar nicht gut für Schönspielerei, aber halt erfolgreich. Und hier zeigt sich, dass die Kritik an Jürgen Luginger oder dem modernen Taktik-Wahn bei vielen eben nur eine oberflächliche Stilkritik ist. Es geht nicht um den Erfolg auf dem Spielfeld, sondern um die Zufriedenheit des Zuschauers. Und wenn das eigene Team nicht gewinnt, soll es halb außerhalb des Platzes „Action“ geben. In Form von Wutausbrüchen in Interviews, Straftraining und sonstigen Accessoires aus der Mottenkiste des Fußballs. Es ist bei näherem Hinsehen eine Generalkritik von Leuten, die sich dem neuen, von taktischen Innovationen geprägten Fußball verweigern.

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Man muss kein Fan von Jürgen Luginger sein, um zu erkennen, welche Schwächen die Argumentation hat. Als der FCS zwei Mal in Folge aufstieg, war Dieter Ferner Heilsbringer der Fans, seine Rückkehr in die 3. Liga wurde als kleines Fußballwunder gefeiert. Tatsächlich war es zumindest in der ersten Saison (2008/09) sehr absehbar, dass der FCS nach verpatzter Qualifikation für die Regionalliga diesmal alle finanziellen Anstrengungen eingehen würde, um aufzusteigen. Hier war der FCS noch in der Lage, sportlichen Misserfolg finanziell auszugleichen – Geld schießt Tore, wenn die Konkurrenz deutlich weniger auf dem Konto hat.
Was im Jahr darauf geschah, der zweite Aufstieg in Folge, war aus Sicht vieler ein Wunder, aus Sicht einiger nicht nur erwartbar, sondern Pflicht. So lapidar es sich anhört, liegt die Tendenz eher im Bereich des Erwartbaren. Die Aufstiegsmannschaft wurde vor allem im Mittelfeld verstärkt. In der Oberliga, wo vor allem Feierabendkicker gegeneinander antreten, war der Fußball weniger taktisch geprägt als in der Regionalliga. Aus heutiger Sicht dürfte eine Mischung aus guter Kaderzusammenstellung und Änderung des taktischen Konzepts ausschlaggebend gewesen sein. Nach dem Weggang von Nazif Hajdarovic konnte sich das Mittelfeld in seiner Offensivkraft besser entfalten. Zudem war der FCS immernoch einer von wenigen Bewerbern um den Aufstieg, lediglich die Sportfreunde aus Lotte waren über die gesamte Saison ein gefährlicher Konkurrent. Diese Feststellung schmälert nicht den Erfolg von Dieter Ferner. Es ist eine große Trainerleistung, eine Mannschaft zwei Jahre in Folge perfekt zusammenzustellen, intern bei guter Laune und guter Ausdauer zu halten und sogar schwierige Abgänge zu kompensieren. Dies offenbart nur, warum er gerade bei Borussia Neunkirchen nicht an alte Erfolge anknüpfen kann.

Und nun plagen sich die FCS-Fans mit der Frage herum, ob unter Ferner oder einem anderen alles besser wäre, mit der bereits beschriebenen Stilkritik. Ich sage deutlich: Nein, da Luginger in seiner Arbeit zeigt, dass er sich auf dem aktuellen Stand des Fußballwissens befindet, den FCS modernisiert hat und auch in Liga 3 bestehen kann. Ein Aufstieg in die 2. Liga ist schwieriger geworden. Die Konkurrenten haben in der Regel die gleichen finanziellen Mittel wie der FCS (wenn nicht gar größere), also mehr Freiheiten in der Kaderzusammenstellung. Die Trainer haben allesamt die gleiche, hervorragende Ausbildung gehabt, sind auf einem ähnlichen Wissensstand. Da ist es eben schwierig, auf taktischer Ebene mit Plattitüden („Der soll mal endlich einen zweiten Stürmer aufstellen!“) erfolgreich zu sein. Jede Taktik lässt sich durch geeignete Gegenmaßnahmen entschärfen, individuelle Fehler werden in der Anzahl minimiert und erscheinen uns deshalb in der Praxis umso größer. Innovationen brechen dies auf, sind aber in der 3. Liga weniger zu erwarten als auf höherer Ebene.

Ob Jürgen Luginger noch der richtige Trainer für den FCS sei, ist also die abschließende Frage jeder Stilkritik, wie sie in den letzten beiden Jahren so oft auftauchte. Er ist der richtige Trainer, solange er die Mannschaft nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Solange er ein passendes, taktisches Konzept präsentieren kann und sich auch nicht Neuerungen der Fußballwissenschaft, die dieser Sport geworden ist, verschließt. Und auch, solange er – das ist die wichtige psychologische Aufgabe des Trainers – Streitereien und Unzufriedenheit innerhalb der Mannschaft vermeiden kann. Und solange das alles nicht Eintritt und Kritiker nicht mehr als eine oberflächliche Stilkritik aufzubieten haben, sollte auch der FCS an Luginger festhalten.

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