Und es hätte doch alles gut werden können

Sonntag, gegen zehn Uhr morgens. Wieder einmal stelle ich mich für eine Auswärtsfahrt zur Verfügung, gemäß der Mottofahrt im blauen Praktiker-Trikot der späten Neunziger. Etwas, was ich in meiner ganzen Zeit, seit ich zum FCS gehe, noch nicht erreicht hatte, war es, bis zum achten Spieltag kein einziges Pflichtspiel verpasst zu haben. Immer kam irgendwas dazwischen, mal Berufliches, mal andere Gründe, vielleicht auch mal vorgeschoben. Ich bin wirklich kein großer „Allesfahrer“, weshalb ich immer Respekt vor Leuten habe, die so viel Zeit für den FCS aufbringen. Einer der Mitfahrer im Bus feierte unter der Woche eine Serie von zehn Jahren ohne verpasstes Pflichtspiel. Ein anderer enthüllte, dass seine seit sechs Jahren andauernde Serie zuletzt von einem Robbie-Williams-Konzert unterbrochen wurde. OK, das ist dann auch mal ein Grund, der eigentlich zu peinlich sein sollte, um vorgeschoben zu sein.

Karlsruhe, ein weiteres Auswärtsspiel in unser aller Vita also. Der Wildpark begrüßte in etwa 2000 so, wie sie ihn in etwa zuletzt zu Drittligazeiten verlassen haben: Als rundes, noch uriges, aber doch sichtbar renoviertes Stadion. So könnte der Ludwigspark in etwa aussehen, wenn die Politik ihn nicht längst unter vorgeschobenen Begründungen dem Verfall preisgegeben hätte. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls waren wir nun, so als Retrosaarbrücker, irgendwo auf unserem Platz im Block, warteten schon zum Teil mit bunten Fahnen in der Hand auf den Anstoß. Zum Intro feuerte ein gut gefüllter Gästeblock in überwiegend alten, blau-schwarzen Trikots mit vielen Schwenkfahnen den in gelb antretenden FCS an. Und dieser sollte die erstmal gute Unterstützung mit einer guten Anfangsphase zurückzahlen – der FCS spielte überlegen. Der Karlsruher SC kam zwar einige Male in Nähe des Saarbrücker Strafraums, suchte dann aber meist schnell die Nähe zum Boden – der Schiedsrichter ließ sich von einigen Versuchen, früh gute Standardsituationen zu schinden, zum Glück nicht immer beeindrucken. Der 1. FC Saarbrücken konterte oft über die linke Seite und Marius Laux oder machte das Spiel über Sven Sökler schnell.

Doch mit zunehmender Spielminutenzahl auf der Anzeigetafel, verschlechtete sich auch die Stimmung auf den oberen Rängen im Gästeblock. Der durchaus nicht immer schnell antretende Marius Laux wurde recht schnell von unserem Umfeld als Sündenbock ausgemacht, was fachgerecht mit: „Ei schunn nommo der Laux!“ oder „Raus mit dem!“ kommentiert wurde. Meinem Nebenmann Bobbes schwoll der Kamm sichtlich an – und das auch vollkommen zurecht: „Immer muss ich nehwa denne Idiote stehe!“ Zum großen Schlagabtausch kam es weder auf verbaler, noch händischer Ebene. Irgendwann wurden die Nörgler quasi so lange mit ironischen „Schunn nommo der Laux“-Sprüchen verarscht, bis sie selber merkten, dass sie fortab besser schweigen sollten. Das passierte dann auch.

Auf der Gegenseite stieg nun die Zahl an gefährlichen Freistoßsituationen vor Enver Marinas Tor bei steigender Nervosität unsererseits. Die Chance zur Führung hatte der FCS nach einer halben Stunde. Sven Sökler legte nach gutem Solo den Ball auf Lukas Kohler ab, der schoss aber aus guter Position am Elfmeterpunkt nur den Gegenspieler an – ärgerlich, das hätte es sein müssen! Kurz vor Ende der Halbzeit parierte Enver Marina noch einen gefährlichen Flachschuss von Selcuk Alibaz. Damit ging es in die Pause, wo sich die Mitfahrer angeregt über das Alter der verschiedenen alten Trikots unterhielt. Sportlichen Gesprächsstoff sollte erst Halbzeit zwei liefern.

Die fing dann nämlich so schwach an, dass auf einmal die sehr gute und ansehnliche Stimmung der ersten Halbzeit im Gästeblock hinüber schien. Gut, bei den üblichen Schmähgesängen ist das Saarbrücker-Auswärtspublikum-bei-ganz-kurzen-Auswärtsfahrten ungeschlagen laut. Das galt auch so für den zweiten Durchgang. Nur bei sämtlicher Unterstützung für die eigene Mannschaft machten von gut 2000 Leuten an die 1800 schnell schlapp. Und das, obwohl an diesem Tag laute, kurze Schlachtrufe deutlich überwogen und auch viele alte Stimmungskracher ausgepackt wurden. Liebe Kritiker der Virage Est und Online-Stimmungskritiker: Falls Ihr in Karlsruhe wart, dann war das mehr als peinlich von Euch.

Zurück zum Spielfeld, von dem es aber auch nichts besseres zu berichten gab. Der KSC, unter Anführung des erst 18-jährigen Starspielers Hakan Calhanoglu spielte groß auf, während beim FCS allein Sven Sökler für elf Mann zu rennen schien. Das Gegentor kündigte sich so langsam an und fiel dann nach 60 Minuten. Calhanoglu brachte einen Freistoß aus gut 35 Metern in den Strafraum, dort köpfte Daniel Gordon in das verwaiste FCS-Tor ein. Verwaist, da Enver Marina auf halbem Flugweg entschied, herauszulaufen. Nach Spielende sollte die linke Seite des Gästeblocks deswegen lautstark „Marina raus!“ fordern. Die Leute, die während der gesamten 90 Minuten am singfaulsten und pomadigsten im Gästeblock herumstanden und ihre Getränke süffelten.

Es half aber all die Frustration nicht, da es noch schlechter kam. Nur fünf Minuten später: Karlsruhe konterte, wurde von der FCS-Abwehr nicht attackiert, Gaetan Krebs steckte den Ball zu Rouwen Hennings durch – Tor, 2:0. Der Ball passierte die Torlinie, als unser Vorsänger noch den treffendsten Satz des Tages nicht vollendet hatte: „Das ist Saarbrücken – liegen wir zurück, geben wir uns auf.“

In den Minuten darauf gab es immer wieder gefährliche Angriffe der Karlsruher, da die Viererkette des FCS faktisch längst aufgesprengt war. Innenverteidiger Straith ging für Kevin Maek, für Lukas Kohler kam Ufuk Özbek. Die Entscheidung fiel in der 79. Minute, als nach einer verunglückten Klärungsaktion von Mark Lerandy Hennings erst an Marina vorbeizog und den Ball auf den freigelaufenen Koen van der Biezen passte: 3:0-Endstand. Die eher hilflos wirkenden Versuche von Felix Dausend endeten in Schüssen weit über den KSC-Kasten, reden wir lieber nicht drüber.

Eine Moral von der Geschicht gibt es übrigens nicht wirklich. Wir alle haben eine Halbzeit lang gesehen, dass viel mehr möglich gewesen wäre, dass alles viel besser hätte ausgehen können. Wer viel auswärts fährt, ist auch wohl kaum überrascht, dass bei vielen Auswärtsfahrern eben oft die Stimmung nicht optimal ist. Was dann aber doch für die Zukunft mitgenommen werden sollte: Zukünftig müssen sich Fanblock und Mannschaft zwei aneinanderhängende Halbzeiten den Hintern aufreißen. Und nicht nur eine.

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2 Antworten zu Und es hätte doch alles gut werden können

  1. Markus schreibt:

    Hab wie so oft am Fanradio mitgelitten und vergeblich gehofft, dass nach dem gestrigen St.-Pauli-Sieg der FCS heute nachzieht. Tja, das war ja dann nix. ;(

    Gelunge Aktion aber das mit den Retro-Shirts. 😉

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