Die Freude am Schlechten

Gestern war der bisher besucherreichste Tag in diesem Weblog. Besucher aus der ganzen Republik, ob aus Gelsenkirchen oder Saarbrücken oder gar der Landeshauptstadt nicht so wohlgesonnen Gegenden, fanden den Weg hierher. Ein Pokalspiel mit verkorkster Organisation war der Anlass.

So viele Leser gab es noch nie hier.

Was mir bei vielen Kommentaren immer wieder aufgefallen ist, ob hier im Blog oder auf Seiten, die hierauf verlinken, oder eben allgemeinen Diskussionsforen, war der fast eintönig ausfallende Tenor: Typisch FC. „Von dem Verein kann man eh nix anderes erwarten“ oder „Ich hab es ja schon vorher gesagt“ durfte ich nicht selten lesen.

Vielen Meinungen kann ich dann irgendwann nicht mehr zustimmen. Klar ist, dass auch ich mich mächtig über die Organisation des Spiels hier im Blog beschwert habe. Dass auch ich, nicht zum ersten Male, Kritik am 1. FC Saarbrücken geäußert habe. Nicht nur Freunde habe ich mir damit gemacht, für meinen Beitrag bekam ich auch von anderen FCS-Fans Kritik zu hören, teilweise nicht ganz zu unrecht, manche etwas übertrieben. Was ich mir aber dennoch herausnehme und wo ich mich von vielen der gestrigen Kommentatoren unterscheiden will: Mir erbringt es keine Genugtuung, so kritisch zu schreiben. Es ärgert mich, nervt mich, weil ich eben einen anderen FCS will.

Das ist bei vielen nicht der Fall. Ihre Vorgehensweise ist nicht etwa, das die Fakten betrachtet und dann das Urteil gefällt wird. Das Urteil steht schon längst fest: Der FCS ist ein Chaosklub, die Anzahl der Rettungseinsätze am Sonntag nur Ausdruck einer unabänderlichen Verkommenheit. Das ist vollkommener Blödsinn. Der FCS hat Fehler gemacht, die Catering-Firma ebenso, beiden dürfte die Angelegenheit alles andere als Freude bereiten. So wie es vielleicht, hier mutmaße ich, es Personen in der Organisationsebene des Vereins gibt, die auch weiter jegliche Verantwortung für die Vorkommnisse ablehnen, so gibt es sicher auch die anderen, denen an Verbesserung gelegen ist. Denen es noch irgendwo an die Nieren geht, wenn auf sie nur noch eingedroschen wird. Mir als FCS-Fan geht es, obwohl ich nur Zuschauer und Gast am Rande des Spiels auf dem grünen Rasen bin, ebenso. Ich ärgere mich, wenn mein Verein, dem ich seit 2003 als Mitglied angehöre und schon durch die halbe Republik gefolgt bin, als umfassender Haufen von Chaoten, Kriminellen, Versagern und zwielichtigen Gestalten dargestellt wird. Dem ist eben nicht so. Ein Verein besteht aus seinen Spielern, seinen Abteilungen, seinen Vorsitzenden, aber eben auch zum maßgeblichen Teil aus Fans und Zuschauern, denen, die dem Fußball das Leben einhauchen.

Ist es denn nur „typisch FC“, wenn etwas schief geht? Soll es denn nicht „typisch FC“ sein, wenn es im Stadion bunte Choreos gibt, bei Auswärtsspielen in Bielefeld, Dortmund oder weiteren Stätten viele Blau-Schwarze laut ihre Truppe unterstützen? Ist es nicht auch „typisch FC“ geworden, dass dem Trainer viel Zeit bei seiner Arbeit gelassen wird und der letzte vorzeitige Trainerabgang im Jahr 2008 war? Ist nicht durch die grausamen Oberliga-Jahre und Dieter Ferner das Wort Bescheidenheit ein Stück weit „typisch FC“ geworden? Oder dass die Fankontaktstelle Innwurf „typisch FC“-mäßig gerade mit der Villa Blau-Schwarz ein kleines Kulturzentrum für Fans mit vielen Freiräumen am Aufbauen ist.

Die Medien. Denen könnte ich ja jetzt vorwerfen, dass es ihre Schuld ist, dass über die schlechten Dinge viel eher berichtet wird als über die guten. Das mag sein, ist aber auch deren Aufgabe. Sie sollen Fehlentwicklungen aufzeigen, damit sich was ändert. Fehler passieren dabei, aber dafür gibt es dann andere Medien, eben das auch wieder zu korrigieren. Deswegen sind auch das FCSBlog oder etwa der Leuchtturm und Ludwigspark.de da.

Das Problem ist eher die Freude am Schlechten. Menschen, gerade diejenigen, die immer vom FCS nur das geringste halten, werden sich eher dann zu Wort melden, wenn die Realität ihr Weltbild bestätigt. Das war in sehr vielen Dingen in letzter Zeit eher weniger der Fall – seit Sonntag haben sie nun eben etwas.

Besonders bedauerlich finde ich, dass die Landespolitik aller politischen Lager in eben jenem Lager nun nach Komplimenten fischt. „Zwar bemühen sich einige Parteien bereits seit Monaten darum, Saarbrücken ein neues, modernes Stadion zu verschaffen“, schreibt SR-online.de. Kenner der Vorgeschichte wissen, wie wenig und zaghaft sich die Politik in Sachen Stadion seit Jahren bewegt. Auch Politiker wie Oskar Lafontaine, die zwar Sonntag im VIP-Bereich waren, dürfen den Verein kritisieren. Sie waren vor Ort, haben aber nichts von den Bedingungen in den Blöcken mitbekommen. Jetzt im Nachhinein zu kritisieren und Aufklärung zu fordern ist scheinheilig – bereits Sonntag hätten sich viele derer, die jetzt reden, ein Bild aus nächster Nähe machen können. Stattdessen waren sie auf der Tribüne oder eben im VIP-Zelt.

Für mich, als Blogger, der ausgewogen kritisch über meinen eigenen Verein berichten will, bleibt da nur eins – den Verein zwar nicht gegen die berechtigte Kritik am DFB-Pokalspiel zu verteidigen, wohl aber gegen Angriffe aus dem Lager, denen dieses Ereignis nur als Deckmantel dient, dem eigenen Frust über den 1. FC Saarbrücken freien Lauf zu lassen.

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3 Antworten zu Die Freude am Schlechten

  1. Yves schreibt:

    Die ganze Misere wird allerdings dann deutlich, wenn viele Menschen es mehr oder weniger schon vorher ahnten oder gewusst haben, dass es schief geht.Und nicht nur „Eventfans“ sondern auch die eigenen Fans- Das ist auch in vielen Kommentaren in den Foren des FCS nachzulesen, dir schon vorher warnten. Also haben selbst eingefleischte Fans ein schlechtes Gefühl beim FCS, wenn außergewöhnliche, nicht alltägliche Herausforderungen anstehen.Weil sie eben den FCS schon lange kennenUnd dieses schlechte Gefühl wird ständig-oder sagen wir sehr häufig- bestätigt.
    Typisch FC, wie du schreibst, ist eben nicht eine bunte Choreo, viele Auswärtsfans, Zentren für Fans oder auch Trainertreue- das gibts bei allen Vereinen, vor allem bei denen, mit denen sich der FCS gerne vergleichen will.
    Aber – und das ist der entscheidende Punkt. Seit den Vorkommnissen in den 70er,80er Jahren hat der FCS seinen Ruf weg. Viele meiner Bekannten haben das Wort “ Pitschesverein“ „Skandalclub“ in ihrem Repertoire, als Fans und Präsidium ein katastrophales Bild abgaben mit Schlägereien – sog. C-Fans,Lizenzentzug,Steueraffären der Präsidenten etcetc.(Pitsche = saarl. : Asozialer, Randständiger etc.) Und diesen Ruf werden wir nur schwer oder gar nicht los, zumal es in regelmäßigen Abständen neues Futter gibt. Aus all diesen Gründen ist in der saarländischen Bevölkerung auch der Bau/Umbau eines neuen Stadions verpönt. Auch Herr Ostermann ist mit seinen vielfältigen und teilweise undurchsichtigen Unternehmen und deren negativen Schlagzeilen- auch seine Person betreffend- nicht der Vorzeigepräsident, der aber den FCS seit Jahren mit am Leben hält.
    Das alles ist der FCS – da fallen die vielen positiven Aspekte der letzten Jahre eben schnell aus der Betrachtung der Saarländer.

    • Carsten schreibt:

      Darf ich mal nachfragen, warum Du vom Nutzernamen „Phönix“ auf „Yves“ umgestiegen bist? Zur Identifikation von Kommentatoren, die regelmäßig schreiben, wäre es nett, bei einem Namen zu bleiben.

  2. FC Fan schreibt:

    „Das Problem ist eher die Freude am Schlechten. Menschen, gerade diejenigen, die immer vom FCS nur das geringste halten, werden sich eher dann zu Wort melden, wenn die Realität ihr Weltbild bestätigt. Das war in sehr vielen Dingen in letzter Zeit eher weniger der Fall – seit Sonntag haben sie nun eben etwas…Kenner der Vorgeschichte wissen, wie wenig und zaghaft sich die Politik in Sachen Stadion seit Jahren bewegt…Jetzt im Nachhinein zu kritisieren und Aufklärung zu fordern ist scheinheilig – bereits Sonntag hätten sich viele derer, die jetzt reden, ein Bild aus nächster Nähe machen können.“

    Genauso sehe ich das auch! Für viele Leute sind die Vorkommnisse ausserdem ein gefundenes Fressen, um wieder über den FCS herzuziehen, weil sie den Verein grundsätzlich nicht mögen.

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