Spielbericht: Hellseherische Fähigkeiten

Ob im Scherz oder auch im Ernst wurde ich in der letzten Woche mehrere Male drauf angesprochen, ob ich nun zum „Allesfahrer“ werde. Nun, jedenfalls stellte auch der für Dortmund gelöste Fahrschein sicher, dass ich in dieser Saison noch keine Ligaminute verpassen sollte. Vielleicht liegt es an zu viel Freizeit, vielleicht aber auch daran, dass mein Auslandsjahr in Bordeaux eben nicht viel FCS zuließ. Nachholbedarf, den am Samstag das Stadion Rote Erde stillen durfte.

Wieder mit der bekannten Busbesatzung ging es die bekannte Strecke nach NRW, dieses Mal ohne Staus oder längere Unannehmlichkeiten. Die Busbesatzung versank zur Hälfte in Tiefschlaf, die andere in überraschender Partylaune. Ich selbst hatte wenig Anlass zu Schlafen, hatte ich noch ein Interview vorzubereiten, auf dessen Durchführung ich ungefähr seit Erscheinen des Leuchtturms Nr. 3 oder 4 gehofft hatte. Auf dem Rastplatz das ganz große Thema: Enver Marina. Während die Mitfahrer eher skeptisch blieben und ankündigten, dass er heute sicher wieder patzen würde, sagte ich: „Enver hält heute einen Elfmeter.“ Einfach so.

Die Bundesliga in den Kinderschuhen.

Irgendwann erreichte unser Bus das Areal an der Dortmunder Westfalenhalle, in dem schon von Weitem die gelben Streben des ehemaligen Westfalenstadions, nun mit Sponsornamen unterwegs, thronte. Nach kurzem Fußweg ging es vorbei an althergebrachte Kartenhäuschen, die für sehr soziale sechs Euro (Vollzahler!) Stehplatzkarten verkauften. Kurz darauf zog es die Meute in das Stadion Rote Erde. Bobbes und ich warteten noch auf unseren Interviewpartner und zogen kurze Zeit später auch in die ehemalige Bundesligaheimstätte von Borussia Dortmund ein (wer uns Rede und Antwort stand, wird dann im Leuchtturm #11 enthüllt).

Der optische Eindruck des Stadions Rote Erde war überwältigend und hat einem unverbesserlichen Nostalgiker wie mir den Nachmittag versüßt. Das Rund wird von alten Betonstufen beherrscht, auf denen vor Jahrzehnten Bundesligazuschauer ihre ersten Schritte machten. Beste Sicht, zudem ein Publikum, das selbst für die Zweite Mannschaft in ordentlicher Zahl erschienen war. Nur der dunkle Klotz, der sich hinter der Haupttribüne auftürmt, erinnert daran, dass Fußball hier auch schon Sache einer Gmbh ist.

Langerak macht den Marina

Auf dem Rasen schickte der 1. FC Saarbrücken e. V., noch nicht ausgegliedert, eine nur leicht veränderte Startelf. Marius Laux spielte von Beginn an, im Sturm durfte diesmal Marcel Sökler den Anfang machen. Der von Haupttribünenzuschauern gescholtene Enver Marina durfte im Tor bleiben. Bei Borussia Dortmund II liefen nicht die befürchteten Mario Götze oder andere große Namen auf, einzig Torhüter Mitchell Langerak konnte dem geneigten FCS-Fan bekannt vorkommen.

Dieser war es dann auch – und nicht Marina – der gleich nach neun Minuten den Patzer des Tages verursachte. Einen zu lang nach vorne geschlagenen Ball wollte der Australier mit der Hand aufnehmen, verpasste es aber, auf die Strafraumgrenze aufzupassen. Als ihm das auffiel, rollte der Ball schon ihm vorbei Richtung Tor, Mariuis Laux setzte zum Sprint an und musste den Ball nur noch einschieben. Stuttgart 2006 lässt grüßen, 1:0 für den 1. FC Saarbrücken.
Kurz danach kamen auch die Dortmunder zu ihren ersten Chancen, Enver Marina parierte aber mehrere Male stark. Dass der BVB II nur über Fernschüsse zu Gelegenheiten kam, lag an einer kompakten und sicheren FCS-Abwehr. Der BVB musste es meist mit langen Bällen aus der Abwehr heraus probieren und konnte selten in Tornähe zum Abschluss kommen.
2:0 hätte es fast nach 30 Minuten gestanden. Ein Schuss von Marcel Sökler fand statt des Tores die sichtlich überraschten Füße von Tim Kruse, der aus optimaler Position frei vor Langerak nicht die Nerven behielt, sondern zentral auf den Torwart schoss. Kurz darauf musste Marcel Sökler Lukas Kohler Platz machen – ein taktischer Wechsel.

Torpremiere für Stegerer

Nach der Pause schien Dortmund besser ins Spiel zu finden, kam aktiver und druckvoller zurück auf den Platz. Ein Freistoß der Schwarz-Gelben verfehlte nur knapp das Ziel, in anderen Szenen war Enver Marina zur Stelle. Die U23 des amtierenden Deutschen Meisters versuchte den FCS ab Hälfte zwei schon beim Spielaufbau in der eigenen Hälfte zu attackieren und zu Fehlern zu zwingen.

Der FCS wollte jetzt die Entscheidung. Ex-BVB II-Spieler Christian Eggert hatte den Ball zentral vor dem Strafraum im Besitz, vollführte umgeben von BVB-Verteidigern zwei volle Körperdrehungen und spielte den Ball im Fallen auf den durchgelaufenen Tim Stegerer, der Langerak umkurvte und den Ball nur noch einschieben musste….nein, geklärt! Das Bein von Thomas Meißner war dazwischen.
Doch wenige Minuten später war es soweit – mit einer fast genauen Kopie des Siegtreffers in Stuttgart. Einen Fernschuss von Eggert parierte der BVB-Torwart zwar, Kruse erkämpfte sich aber das Leder und passte quer in die Mitte, wo Tim Stegerer zum 2:0 einnetzte.

Der DFB – gleichermaßen beliebt in Saarbrücken und Dortmund

Stegerer war es dann auch, der kurz darauf einen Strafstoß verursachte. Die Blicke meiner Kollegen gingen in meine Richtung. Da war doch was. Ja, ich hatte vorhergesagt, dass Enver Marina einen Elfmeter halten würde. Ich war mir jetzt relativ sicher, dass ich recht haben würde, immerhin lag die Chance hierfür gar nicht mehr so schlecht. Der Schütze lief an, schoss schwach in die linke untere Ecke und Marina hielt den Ball fest. Meine neu gewonnenen hellseherischen Fähigkeiten hätte ich mal besser in eine Sportwette umgesetzt.

Kurz danach, wir schreiben schon die 77. Spielminute, traf Kerem Demirbay dann mit einem Distanzschuss zum Anschlusstreffer. „Dóó isser nommo, dei Marina“, lautete der fachmännische Kommentar von nebenan. Ohne Frage ein haltbarer Schuss, den der sonst starke Marina hätte fangen können. Andererseits verdeckten ihm mehrere Spieler die Sicht und der aufgesetzte Schuss war noch abgefälscht. Da hatte er bislang einfachere Bälle zu halten.

Die Schlussviertelstunde bedeutete damit noch einmal zittern. Der BVB presste weiter stark nach vorne, der FCS konnte sich fast keinen Spielaufbau mehr leisten. Wenn doch, so waren meist zu wenige Mitspieler nach vorne gelaufen und der Ball musste wieder in die Abwehr zurückgespielt werden. Am Ende wurde der knappe Vorsprung dennoch über die Ziellinie gerettet.

Am Ende feierten die mitgereisten Saarbrücker (und zahlreiche Düsseldorfer Gäste) drei Punkte im Stadion Rote Erde. Lobend zu erwähnen bleibt noch, dass im Wechselgesang mit dem BVB-Fanblock nach Spielende nicht ganz zitierfähige Meinungen über den Deutschen Fußballbund ausgetauscht wurden. Etwas, was man nicht alle Tage hat, es aber viel öfters geben sollte. Abschließend reicht dem FCS eine solide Leistung zu drei Punkten und Enver Marina wird trotz einer herausragenden Leistung nicht den Nimbus des patzenden Torwarts los – auch wenn ihn meiner Meinung nach nicht die volle Schuld am Anschlusstreffer trifft. Meine hellseherischen Fähigkeiten im Bezug auf das Schalkespiel werde ich dann demnächst noch austesten.

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Eine Antwort zu Spielbericht: Hellseherische Fähigkeiten

  1. Markus Trapp schreibt:

    Mein Lieblingssatz:
    „Am Ende feierten die mitgereisten Saarbrücker (und zahlreiche Düsseldorfer Gäste) drei Punkte im Stadion Rote Erde.“ 😉

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